Michelle: Schlag auf Schlager - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Michelle Schlag auf Schlager

Sie ist 29, blond, zierlich. Michelle singt am Samstag für Deutschland - nach Guildo Horn, Stefan Raab und Co. mal wieder eine, die es ernst meint mit dem Schlager.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Wer Liebe lebt", so heißt ihr Wettbewerbsbeitrag. Ein Lied mit tiefgründiger Botschaft, das eine Aussage habe "wie sonst höchstens noch ‚Ein bisschen Frieden'", erinnert Michelle an den bisher einzigen deutschen Sieg beim Grand Prix 1982 durch Nicole. Knapp zwanzig Jahre später propagiert die deutsche Kandidatin nun "ein bisschen Liebe". Ihre Message: "Es geht allen ein bisschen besser, wenn sie mehr lieben". Oder auch: Michelle hat euch lieb.

Allerdings macht sie Ausnahmen beim Liebhaben. "Für meine Familie habe ich noch nie Liebe empfunden", zerrte sie in den letzten Wochen die angebliche Trunksucht der Mutter, die Schläge des Vaters und auch noch die böse Stiefmutter ans Licht der Medienwelt. In ihrem Heimatort Blumberg, im Schwarzwald nahe der Schweizer Grenze gelegen, ist man daher nicht gut auf die Hewers Tanja zu sprechen: "Die war immer schon naiv", so erklärt man sich dort den "Dreck" und die "Sudelei" und setzt in Sachen Sehenswürdigkeiten doch lieber auf die "Sauschwänzle-Dampfbahn" denn auf die berühmteste Tochter des 11.000-Seelen-Städtchens.

Detailfreudige Skandalgeschichten

Naiv? Vielleicht. Jedenfalls ließ sie die ganze Welt wissen, mit welchem Spruch Ex-Lover Matthias Reim sie ins Bett bekommen hat: "Heute ist die Nacht der Nächte", soll der "Verdammt-ich-lieb-dich"-Sänger zärtlich geflüstert haben. Später sprach man lauter miteinander, dann gar nicht mehr. Auch Ex-Ex-Lover Albert Oberloher, Mitglied der Gruppe "Wind" war Gegenstand zahlreicher Promo-Gags. Mit anderen Michellesken traf sie dagegen vor allem sich selbst: "Ich will meinen Busen vergößern lassen und meine Lachfältchen unterspritzen lassen", verriet die 1,56 Meter große Blondine unlängst - ob Kleidergröße 34 dann noch passt?

In ihrer Detailfreudigkeit macht die 29-Jährige auch vor der eigenen Kleinst-Familie nicht halt. Für die Töchter Celine und Marie Louise könnte sie sich gut noch ein drittes Geschwisterchen vorstellen, verriet sie, gerne aus Indien: "Ich möchte ein Mädchen adoptieren."

Retterin des deutschen Liedguts

In den letzten Tagen allerdings provozierte der Sängerinnen-Seelenstriptease einen öffentlichen Overkill. Tageszeitungen flehten um Gnade oder drohten "Jetzt reicht's!" - während die "Bild" Tagebucheinträge aus Kopenhagen publizierte, die von der "Süddeutschen Zeitung" als freie Erfindungen enttarnt wurden. Da wurde bei "Bild" munter von "einem gigantischen Gefühl" bei der ersten Probe im Stadion geplaudert, während Michelle dort tatsächlich mit Tränen in den Augen über einen "überkoppelten" Ton jammerte.

Peinliche Pannen sind die tabulosen Tratschgeschichten ebenso wie das erfundene Tagebuch, dabei sollte sie das Geschäft doch kennen: Michelle gehört seit ihrem Sieg in der ZDF-Hitparade von 1992 ("Erste Sehnsucht") zu den deutschen Pop-Größen, erhielt 1999 den Schallplattenpreis "Echo" und die "Goldene Stimmgabel". Im vergangenen Jahr war sie mit der CD "Sowas wie Liebe" äußerst erfolgreich.

Jetzt aber scheint ihr die neue Rolle als "Retterin des deutschen Liedguts" ("Bild") zu Kopf gestiegen zu sein. Vor einem Sieg hat sie sogar Angst, gab Michele zu: "Wenn ich gewinne, dann wäre die Welt so groß".

Vielleicht deshalb lässt Michelle die holländische Konkurrenz mit gleichem Produktnamen eher kalt: "Es gibt so viele Michelles auf der Welt." Ist doch beruhigend.

Britta Heidemann