Mirwais Der Fröhlichkeit ein Bein gestellt
Alle neun Stücke auf "Production" klingen fast so, als habe der 39-Jährige den französischen Musik-Jungspunden von Air und Daft Punk auf dem Spielplatz zugesehen, um nun aus deren harmlosen Kindereien zwischen Neo-Disco und Easy Listening ein hintergründiges, gar nicht mehr unschuldiges Spiel für Erwachsene zu basteln.
Auch Mirwais setzt auf analoge Synthesizerklänge, versetzt mit exzentrischen Gitarrenarrangements. In Instrumentalstücken wie "I Can't Wait" und "Definitive Beat" quengeln, schnurren, piepsen und knurren seine Elektronikkisten mit dem plumpen Charme simpler Telespiele aus der allerersten Computergeneration. Dazu hat er am Computer noch Gitarrenriffs und Schlagzeugbeats nachbearbeitet, sie zerschnitten und neu aneinander geklebt. Statt einer virtuellen, sterilen Technowelt inszeniert er bunte Künstlichkeit: Plastik mit Seele.
Die quietschfidele Künstlichkeit ist ihm aber nicht nur Form, sondern auch Inhalt: Gerade in den gesungenen Stücken der nicht zufällig knallig-pinken CD, erweist sich Mirwais als kritischer Geist, der mit den Versatzstücken der artifiziellen Popwelt gerade deshalb spielt, um ihre hohle Oberflächlichkeit auszustellen. "Alles fröhlich" lautet etwa die Botschaft des "Naive Song". Doch die simple Happy-Hippie-Melodie ist nur Tarnung, um mit der einfachen Textzeile "I'm living in a lonely world" der aufgesetzten Fröhlichkeit ein Bein zu stellen. "Junkie's Prayer" ist eine derbe Satire auf die hohle, reizüberflutete Bohème der Gegenwart. Provokant auch das Video zur ersten Single "Disco Science", an der Kim Deal (Ex-Pixies) mitgeschrieben hat: In S/M-Dekoration turnt Mirwais dort zwischen willigen Geishas herum - MTV hat bereits Pornoalarm ausgerufen und boykottiert den Clip. Publicity pur.
Wer Mirwais bei dieser rosaroten Pop-Revolution Pate stand, verrät "V.I.", eine Umarbeitung des "Cargo Culte" Serge Gainsbourgs, dem Enfant Terrible der Sechziger Jahre. Seine größte Mitstreiterin hat Mirwais derweil in Madonna gefunden, deren neues, Ende August erscheinendes Album der Franzose nordafrikanischer Abstammung co-produziert hat. Sie hat mit ihm im Gegenzug "Paradise (Not For Me)" geschrieben und singt darin auch eine Strophe auf Französisch. Auch hier nichts Banales, Erwartbares: Ein verrätselter, suggestiver Song, unter dem sich mehrfach doppelte Böden und traumatische Abgründe auftun. Die Musik: Wie auch in den anderen Nummern aufs Wesentliche reduziert, weder allzu simpel gestrickt noch mit Klangbombast überladen.
Die Kunst der richtigen Dosierung mit zündender Wirkung beherrscht der Musiker aus Paris, der schon in den achtziger Jahren mit seiner Wave-Popband Taxi Girl aktiv war, in Perfektion. Und was hat nun Laetitia Casta, die ebenfalls als Mitwirkende aufgelistet ist, mit diesem Mirwais zu tun, der auf dem Coverbild von Starfotograf Stéphane Sednaouï als schönes Männermodel posiert? Nein, sie singt nicht. Aber - so hat es das Gerücht - sie ist wohl dennoch mehr als nur seine wunderschöne Muse.
Mirwais: "Production", Epic/Sony Music, veröffentlicht am 26. Juni