"Mozart!"-Musical: Das Kind wird zum Killer - DER SPIEGEL
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"Mozart!"-Musical Das Kind wird zum Killer

Standing Ovations gab es für die Deutschlandpremiere von "Mozart!" in Hamburg. Das Musical präsentierte sich mit großartigen Sängern, aber einer recht lauen Inszenierung.
Von Carolin Ströbele
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Groß wurde er angekündigt, überall konnte man ihn sehen: Von Hunderten Plakaten sprang Mozart, der Punk mit den langen blonden Dreadlocks, die Zuschauer mit vampireskem Grinsen an. "Mozart!" - das Stück schreibt sich nicht umsonst mit einem Ausrufezeichen, denn dieser Musical-Mozart ist ein Freak, ein Rebell, ein vom Erfolg verwöhntes Wunderkind, das seine Begabung stets wie ein unsichtbares Ausrufezeichen vor sich herträgt. In Wien war das Stück von Michael Kunze (Idee und Buch) und Sylvester Levay (Musik) ein großer Erfolg und wurde als "bestes deutschsprachiges Musical" des Jahres 2000 ausgezeichnet. Nun wurde mit Spannung die Deutschlandpremiere des Stücks im Theater Neue Flora in Hamburg erwartet.

Was die musikalische Leistung betraf, wurde das Premierenpublikum am vergangenen Freitag nicht enttäuscht. Die Sänger überzeugten mit souveräner Stimmgewalt. Allen voran Hauptdarsteller Yngve Gasoy-Romdal, der bereits in Wien die Titelpartie gesungen hatte. Der Norweger verkörperte den Mozart eindrucksvoll als Genie, das an dem Zwiespalt zwischen Freiheitsdrang und familiären Zwängen zerbricht. "Cats"- Altstar Angelika Milster, 50, bekam für ihren Auftritt als Mozart-Gönnerin Baronin von Waldstetten begeisterten Publikumsapplaus. Ebenfalls ein Highlight des Abends: Die Pop-Sängerin Maricel als verzweifelt lebenshungrige Constanze Weber.

Die Inszenierung des renommierten Opernregisseurs Harry Kupfer erinnert stark an den Kinofilm "Amadeus" von Milos Forman. Auch im Musical stehen der Konflikt Mozarts mit seinem Vater Leopold und der Streit mit dem Erzbischof von Salzburg im Vordergrund. Und es ist ebenfalls das mysteriöse "Requiem" - von einem Unbekannten in Auftrag gegeben - das für Mozart zum Todesurteil wird.

Viel Pomp, wenig Psychologie

Leider bleiben die Figuren des Musicals weitgehend statisch. Mozarts Vater Leopold (Ethan Freeman) verwandelt sich nicht in den unbarmherzigen Dämon, der den Sohn sein Leben lang verfolgen wird, sondern bleibt bis zum Ende eine eher unscheinbare Figur. Auch Mozarts Gegenspieler, der despotische Erzbischof von Salzburg (Felix Martin) wirkt in seiner Aufmachung mit langem Barockmäntelchen und riesigem Glitzerkreuz über der muskelbepackten Brust eher lächerlich als Furcht einflößend. Kupfer, dessen Operninszenierungen sich gerade durch sensible Personenregie auszeichnen, hat sich bei "Mozart!" zu sehr von der Showwirkung des Musicalgenres verführen lassen. Dabei hätten der Inszenierung weniger Pomp und mehr Psychologie gut getan.

Für "Mozart!" wurde das Musicaltheater Neue Flora aufwendig umgebaut, bei jeder Show sind 250 Bühnenarbeiter im Einsatz. Dennoch wirkt das Bühnenbild insgesamt enttäuschend: Der Boden unterteilt sich in Klaviertasten, die sich auf und ab bewegen und stufenförmig auffächern. Dieser Effekt ist unterhaltsam, nutzt sich aber im Lauf der Inszenierung deutlich ab. Auch sonst wird der Zuschauer von offensichtlicher Symbolik schier erschlagen. Die Enge, die Mozart in seiner Heimat Salzburg empfindet, wird versinnbildlicht durch ein Miniaturmodell der Bischofsstadt, das immer mal wieder auf die Bühne schwebt. Und je mehr dem Künstler die Kräfte schwinden, desto häufiger schiebt sich ein überdimensionaler Totenkopf penetrant ins Bild.

Auch die Musik beeindruckt eher durch Wucht und Lautstärke als durch eingängige Melodien. Es scheint, als habe sich Komponist Levay nicht entscheiden können, ob er ein Popstück, eine Rockoper oder klassische Musicalarien für "Mozart!" komponieren sollte. Mit der Mischung all dieser Möglichkeiten hat er erreicht, dass das Stück kein einheitliches Klangbild findet und zur Aneinanderreihung von Einzelauftritten wird. Entschädigt wird der Zuhörer mit ein paar Arien, die wirklich ins Ohr gehen wie zum Beispiel der "Charakterarie" Mozarts "Wie wird man seinen Schatten los"?

Ein Requiem aus Blut geschrieben

Die Höhepunkte der Inszenierung sind die Begegnungen zwischen Mozart und dem Wunderkind "Amadé". Das Kind stellt den jungen Mozart dar und erinnert ihn immer wieder daran, dass er etwas ganz Besonderes ist. Es verkörpert aber auch gleichzeitig sein unerbittliches Genie, das den Menschen Mozart daran hindert, ein normales Leben zu führen. Rastlos schreibt der Knabe seine Notenblätter voll, schließlich benutzt er sogar das Blut des Künstlers als Tinte. Am Ende mutiert das Kind zum Killer, der Federkiel wird zur tödlichen Waffe, als "Amadé" Mozart ins Herz sticht, um mit dem letzten Blutstropfen das Requiem zu vollenden. Dank des feinfühligen Zusammenspiels von Hauptdarsteller Gasoy-Romdal und seinem kleinen Mozart (Martha Kunicki) werden es Szenen von großer Intensität.

"Mozart!" soll voraussichtlich zwei bis drei Jahre in der Neuen Flora laufen. In Wien besuchten rund 420.000 Menschen die insgesamt 422 Vorstellungen.

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