Multitalent Minnie Driver "Ich brauche keinen Ehemann"
SPIEGEL ONLINE: Frau Driver, Ihr erstes Album, das von der Kritik hochgelobte "Everything I've Got in My Pocket", erschien vor drei Jahren. Jetzt sind Sie mit "Seastories" zurück. War Ihnen zwischenzeitlich die Lust an der Musik vergangen?
Driver: Im Gegenteil Musik ist seit meiner Jugend sehr wichtig für mich, zur Schauspielerei bin ich dagegen eher zufällig gekommen. Aber ich habe eben diesen anderen Beruf, der meine Rechnungen zahlt. Meine Filmkarriere, vor allem die Dreharbeiten an der TV-Serie "The Riches" hat mich in den vergangenen Jahren sehr auf Trab gehalten, da blieb nicht viel Zeit für die Musik. Aber mir geht es auch nicht darum, jedes Jahr ein Album auf den Markt zu werfen. Ich nehme eine Platte auf, wenn ich genügend Songs zusammenhabe. Und ich hatte längere Zeit keine Stücke geschrieben.
SPIEGEL ONLINE: In Ihrem vorangegangenen Album haben Sie die Trennung von Josh Brolin, ebenfalls Schauspieler, verarbeitet. Was hat Sie jetzt veranlasst, neue Stücke zu schreiben?
Driver: Wieder das Ende einer Beziehung. Nicht alle Stücke handeln von meinem damaligen Freund, aber sie stehen im Zentrum und machen den größten Teil aus. Doch dieses Mal ist die Verarbeitung der Beziehung und der Trennung positiver. Das Ende hat mich weniger verletzt, ich bin hoffnungsvoller und stärker aus dieser Beziehung gegangen und habe viel Gutes mitgenommen. Meine musikalische Verarbeitung der Trennung ist weniger Therapie als eine Hommage an unsere gemeinsame Zeit, auch wenn sie enden musste. Es hat mit uns beiden leider nicht funktioniert, aber wir lieben und schätzen einander. Unsere Beziehung hat uns beide bereichert, auch wenn eine Liebesbeziehung nicht dauerhaft möglich war.
SPIEGEL ONLINE: Ist es nicht besonders deprimierend, jemanden zu lieben und geliebt zu werden und trotzdem keine tragfähige Beziehung führen zu können?
Driver: Sicher, diese Erkenntnis ist zunächst einmal sehr traurig. Vor allem kurz nach der Trennung musste ich lernen, mit ungestillter Sehnsucht und Verlust zurechtzukommen. Anfangs war das Erinnern lähmend und schmerzhaft, jetzt ist es schön und bereichernd. Mittlerweile gelingt es mir, das Positive zu sehen.
SPIEGEL ONLINE: Ihre Eltern trennten sich, da waren Sie noch ein Kind. Und auch Sie selbst haben einige schmerzhafte Trennungen hinter sich, unter anderem von Matt Damon. Glauben Sie trotzdem an das Konzept Liebe und Partnerschaft?
Driver: Unbedingt. Es gab immer sehr gute Gründe, dass meine bisherigen Beziehungen nicht gehalten haben. Aber natürlich glaube ich an die Liebe, alles andere wäre sehr traurig. Es mag romantisch oder naiv klingen, aber ich bin davon überzeugt, dass die Liebe ein wichtiger Bestandteil meines Lebens ist, in vielerlei Hinsicht. Auch wenn ich den einen Menschen noch nicht getroffen habe, der alle Facetten auf sich vereinigt, glaube ich, ihm irgendwann zu begegnen. Er ist irgendwo da draußen. Ich glaube sogar, es gibt nicht nur einen. Zahlreiche Menschen haben das Potential, für jeden von uns. Man muss nur einem davon begegnen. Von der Ehe halte ich allerdings nicht viel. Die Ehe als Institution interessiert mich nicht.
SPIEGEL ONLINE: Was ist ihrer Meinung nach wichtig für das Gelingen einer Beziehung?
Driver: Lachen. Viel Lachen. Miteinander entspannen können, flexibel sein. Dem anderen Raum geben und ihm erlauben, Mist zu bauen, unperfekt zu sein. Der größter Fehler ist es, von dem anderen zu erwarten, perfekter zu sein als man selbst.
SPIEGEL ONLINE: Sie erzählen in Ihren Liedern von Trennung, glauben nicht an die Ehe und erwarten im August Ihr erstes Kind. Klingt zunächst nicht nach einer idealen Kombination.
Driver: Zugegeben, die Schwangerschaft war nicht geplant. Aber sie ist mehr als erwünscht, von allen Beteiligten! Ich sehne mich schon lange nach einem Kind und kann selbst kaum glauben, dass ich mir so lange Zeit gelassen habe. Und ich brauche keinen Ehemann, um eine gute Mutter zu sein.
SPIEGEL ONLINE: Sie reden nicht über den Kindsvater. Warum?
Driver: Ich möchte ihn beschützen. Er hat sich diese Rolle und das Medieninteresse ja nicht ausgesucht.
"Ich halte nichts von Reue"
SPIEGEL ONLINE: Auch Ihnen hat ihre Popularität nicht immer genutzt als ihre erste CD erschien, mussten Sie sich mit den, oft berechtigten, Vorurteilen gegenüber singenden Schauspielern herumschlagen.
Driver: Stimmt. Obwohl ich die Lieder über Jahre selbst geschrieben und die Platte ohne viel Geld eingespielt habe, sahen viele nur eine weitere Schauspielerin, die von ihrer Popularität profitieren will und auch noch Musik macht. Wo steht geschrieben, dass eine Frau nicht in unterschiedlichen Bereichen gut sein kann? Es scheint einigen Menschen schwerzufallen, facettenreichere Persönlichkeiten zu akzeptieren.
SPIEGEL ONLINE: Da muss es eine Genugtuung gewesen sein, dass die CD von der Kritik am Ende sehr gelobt wurde.
Driver: Richtig. Viele wollten die CD erst nicht mögen, mussten dann aber zugeben, dass sie gut ist. Einfach wunderbar!
SPIEGEL ONLINE: Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen Musik und Schauspielerei?
Driver: Beides hat die gleichen kreativen Wurzeln, die sich in unterschiedlicher Form manifestieren. Ich bin meinen Gefühlen sehr nahe und weiß ziemlich genau, wie ich sie ausdrücken kann. Das spiegelt sich in beiden Arbeitsbereichen wieder.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben in einem Interview gesagt "man sollte von seinem Schmerz profitieren". Gelingt Ihnen das?
Driver: Ich versuche es zumindest. Ich mag das Sprichwort, "wenn das Leben dir nur Zitronen gibt, mach Limonade". Wenn ich verletzt werde oder mich schrecklich fühle, versuche ich, diese Gefühle und die Erfahrung in ein Lied oder eine Rolle zu transportieren. Davon profitiere ich persönlich, und meine Arbeit ebenfalls. So erreicht man sein Publikum besser, es fühlt mit. Eigentlich cool, so mit Verletzungen umgehen zu könne. Eine Art konstante Therapie, ein Ausexerzieren. Und viel besser als um sich zu schlagen!
SPIEGEL ONLINE: Das heißt, es gibt keine schlechten Erfahrungen?
Driver: Genau. Ich glaube daran, dass Erfahrungen nicht aus sich heraus gut oder schlecht sind, es geht darum, wie du damit umgehst und welche Bedeutung du ihnen geben kannst. Zugegeben, wenn wirklich tragische Dinge geschehen, ist das manchmal sehr schwierig. Trotzdem bin ich davon überzeugt.
SPIEGEL ONLINE: Sie bereuen nichts?
Driver: Ich halte nichts von Reue. Auch die extrem schmerzvollen Erfahrungen hatten ihren Sinn und Nutzen, auch wenn es mir in dem Moment vielleicht nicht gelingt, das zu erkennen.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben Ihre Kindheit und Jugend auf Barbados und in England verbracht und sind auch später häufig umgezogen. Hat das unstete Leben Sie beeinflusst?
Driver: Ja, ungemein. Es fällt mir immer noch sehr schwer, wirklich tiefe Wurzeln zu schlagen. Auch wenn ich seit zehn Jahren in Kalifornien lebe und mich dort zu Hause fühle. Aber für mich sind viele Orte zu Hause, auch London oder Hawaii. Oft bedaure ich, dass ich mich nicht wirklich tief mit einem Ort oder einem Menschen verbunden fühle. Aber das bedeutet auch, dass ich viele verschiedene Erfahrungen mache, die mich bewegen und bereichern.
SPIEGEL ONLINE: Verändert die bevorstehende Geburt Ihren Blick auf das Leben?
Driver: Ich denke, ich muss mich davon verabschieden, gemütlich herumzusitzen, über mich selbst nachzudenken und es mir gut gehen zu lassen. Jetzt geht es in erster Linie um ein kleines Wesen, dass meine Liebe und Fürsorge unbedingt braucht. Ich freue mich schon sehr darauf, weniger mit mir selbst beschäftigt zu sein.
Das Interview führte Jörg Böckem
Minnie Driver - "Seastories", erschienen bei Decca Universal