Musik: Emmanuel Pahud - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Musik Emmanuel Pahud

Der 31-jährige Flötist hat eine beachtliche Karriere als Berliner Philharmoniker hinter sich. Jetzt jettet er als Solist um die Welt.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Die Zeit vergeht zu schnell", sagt der Mann. Er wirkt sportlich, ein offenes Gesicht, flinke Augen, er nippt an seinem Orangensaft. "Vor fünf Jahren hatte ich bei den Philharmonikern gerade erst die Probezeit beendet, Kinder hatte ich damals noch keine." Mittlerweile ist Emmanuel Pahud Vater von zwei Söhnen, und seinen Job als Soloflötist in Deutschlands edelstem Klangkörper hat er an den Nagel gehängt.

Als die Kündigung im vergangenen Jahr ins Haus flatterte, haben einige Berliner Philharmoniker geschluckt. Für die meisten Musiker ist eine Anstellung in dem besten deutschen Orchester ein Lebensziel, für Pahud, den Überflieger, war Berlin bloß ein Intermezzo. Aber eines, das ihn noch heute schwärmen lässt von den vielen Konzerten mit den Philharmonikern: "Das bleibt ein Erlebnis fürs Leben."

Das klangsatte romantische Repertoire hat er sich dort mit Abbado, Rattle, Maazel und anderen Maestri erarbeitet. Eine harte Schule. "Nach einem Jahr im Orchester war es leichter, als Solist mit anderen Orchestern zu spielen."

Pahud jettet in einem atemberaubenden Tempo durch sein Leben. Mit sechs Jahren bekam der gebürtige Genfer seinen ersten Musikunterricht, studierte am Pariser "Conservatoire National Supérieur", und der legendäre Aurèle Nicolet, schon zu Furtwänglers Zeiten bei den Philharmonikern, gab ihm den letzten Schliff. Mit 22 Jahren landete Pahud in Berlin. Neben der Orchesterarbeit hat er sich solistisch an die Weltspitze geflötet.

Bis dem Bläser mit dem silbrigen Ton die Zeit knapp wurde: "Ich musste entscheiden, ob ich auf die Solokonzerte verzichte, auf die Familie oder das Orchester." Die Philharmoniker mussten dran glauben, weil ­ bei aller philharmonischen Freiheit ­ "die Orchestermusiker nach Dienstplan spielen".

Mittlerweile unterrichtet Professor Pahud an der Musikhochschule in Genf und gibt rund 120 Konzerte im Jahr. Gerade hat er mit den Berliner Barock Solisten Werke von Johann Sebastian Bach aufgenommen (EMI 557 111 2). Und das, obwohl Neuerscheinungen mit Flötenmusik heute keine Selbstverständlichkeit mehr sind: Die Klassik-Branche kränkelt beachtlich, und Pahud ist der einzige Flötist, der einen Vertrag mit einer großen Plattenfirma hat. Der pure Spaß an der Spielfreude treibt die Musiker durch die brillant interpretierte Barockmusik. "Ich möchte nicht, dass man auf meinen Platten sofort erkennt: Das spielt Pahud. Der Hörer soll sagen: 'Das klingt interessant! Wer spielt das?'"

Macht ihm das Tempo seiner Karriere Angst? "Ist ein Traum schön, wenn er wahr wird? Ich träume lieber weiter", sagt Pahud und eilt ins Freie. Dann nimmt er die Beine unter die Arme und läuft davon. Er hat noch viel vor.

Eckhard Roelcke