Musik Fiona Apple
Als Fiona Apple, 22, vor über fünf Jahren ihren ersten Plattenvertrag unterzeichnete, dürften die Manager gute Laune gehabt haben. Besser hätten sie sich eine Musikerin auch nicht am Computer programmieren können: jung, hübsch und obendrein talentiert. "Kate Moss mit Songs", urteilte ein britisches Musikmagazin.
Seitdem dürften die Herren bei Apples Firma zuweilen bedauert haben, dass ihr Star keine kontrollierbare Computersimulation ist, sondern ein sensibles, reizbares und eigenwilliges Wesen. Bei den MTV Video Music Awards 1997, als sie zum "Best New Artist" gekürt wurde, beschimpfte sie die ganze Branche: "Diese Welt ist Dreck."
Und auch die Idee, ihrem zweiten Album einen 90 Wörter langen Titel zu geben, dürfte der Plattenfirma kaum gefallen haben. "Natürlich steckt Sarkasmus dahinter", sagt Apple. "Aber vor allem ist es ein Gedicht, das ich geschrieben habe, nachdem ich in einer Zeitschrift beleidigt worden bin. Außerdem rücken die vielen Wörter mein Porträt etwas in den Hintergrund."
Ihre Emotionen in Worten zu bündeln, hat Apple sich schon als Kind angewöhnt. Als die Beziehung ihrer Eltern, New Yorker Schauspieler, kollabierte, fühlte sie sich oft überfordert, direkt zu reagieren; sie begann, erst ihre Gedanken vorzuformulieren, um sie dann ihren Eltern vom Blatt vorzutragen.
Nachdem sie in der Schule "nur so zum Spaß" angekündigt hatte, sich und ihre Schwester zu töten, kam sie in psychiatrische Behandlung. Mit zwölf wurde sie vergewaltigt. Sie schrieb wieder Texte, diesmal mit Noten. "Die Musik war ein Weg, meine traumatischen Erlebnisse zu verarbeiten."
Ihr 1996 erschienenes Debüt "Tidal" hat sich bis heute mehr als drei Millionen Mal verkauft. Auch dank eines Videoclips, in dem sie durch sparsame Kleidung für Aufsehen sorgte und dessen Erwähnung sie auch heute noch in Rage bringt: "Wenn man in diesem Geschäft anfängt, hat man nicht die Macht, zu irgendetwas nein zu sagen, aber das ist lange vorbei."
Die aufwendig mit Streichern, Vibrafonen und Trompeten produzierten Klavier-Balladen auf ihrem neuen Album vergleichen wohlmeinende Kritiker oft mit den Songs von weiblichen Stars wie Tori Amos und Alanis Morissette. Auch dieses Lob mag Fiona Apple nicht leiden. "Idiotisch" seien diese Vergleiche, sagt sie und weiß schon jetzt, wie sie sich rächen wird: Sie will dick werden. "Ich war das perfekte Marketing-Produkt. Es wird höchste Zeit, dass nicht nur ich schlechte Laune habe!"
Christoph Dallach
CD: "When the Pawn ..." (Epic/ Sony).