Abgehört - neue Musik Blues-Dröhnen aus der Ewigkeit
Steve Gunn - "The Unseen In Between"
(Matador/Beggars, seit 18. Januar)
Das Unsichtbare inmitten der sanften, aber immer souverän perlenden Americana-Folkmusik von Steve Gunn ist ihre Anglophilie. Dabei versteckt er sie gar nicht. Man begegnet ihr gleich in den ersten, leichthändig angeschlagenen und auf dem Corpus abgeklopften Gitarrentakten von "New Moon": Ein sehnsüchtiger Hauch vom Sommer der Liebe, der eigentlich die "Season Of The Witch" war, entfaltet sich, eine Donovan-Hommage, wie sie lupenreiner nicht sein könnte. Doch dann kommt, im satten Reverb, eine wabernde, zweite Gitarrenebene dazu, die "How Soon Is Now" von den Smiths zitiert, dann noch eine verhallte Prärie-Harmonika, wie sie Johnny Marr 1989 auf dem The-The-Album "Mind Bomb" spielte. "Smiling skulls, ghosts are grinning/ Power lines spark their singing/ Drone song blues makes me want to go", singt Gunn dazu mit seiner vollen, aber immer auch fahlen Stimme. Ein magisches Blues-Dröhnen. Aus der Ewigkeit, für die Ewigkeit.
Damit hat man den Zauber von Steve Gunn, ehemals Gitarrist von Kurt Viles Tourband The Violators, schon ziemlich gut zusammengefasst. Der Musiker aus Brooklyn, geboren in Pennsylvania, ist ein Troubadour alter Schule, der auf den aus der Vergangenheit hergeleiteten Drähten seines Genres so virtuos wandelt wie er seinen Gitarrensaiten betörend kaskadierende Akkorde entlockt. Seine Reise aus dem Norden Englands in den Westen Amerikas führt den "Vagabond" tiefer als zuvor in die einsamen Roadside-Diner seiner Gemütswelt. Die entwaffnend skelettierte Folkweise "Stonehurst Cowboy" würdigt Gunns kürzlich verstorbenen Vater; "New Familiar" greift in den Rätselnebel der Sixties-Psychedelik, um Unmut über den politischen Zustand der Welt auszuloten.
Der Wechsel vom Intimen zur großen Geste ist bei Gunn fließend und daher unaufdringlich: "Morning Is Mended" reduziert sich auf zartestes Fingerpicking aus dem Morgendunst der Appalachen und wird, ganz am Ende, von der ungleich opulenten Schwermutsrevue "Paranoid" gefolgt, ein fiktives Outtake aus der goldenen Stones-Phase zwischen "Beggars Banquet" und "Sticky Fingers". Mit zittrigem Gesang evoziert er wiederum den "Hurdy Gurdy Man" aus Schottland. "It's a thing that swings/ In the waves and the sun, it's a pendulum/ Refracting gold bloom", bestaunt Gunn im Text gleichermaßen seine Existenz und seinen Sound, der so traurig und doch tröstend Räume und Zeiten durchwirkt. You've got to pick up every stitch. (8.0) Andreas Borcholte
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Sneaks - "Highway Hypnosis"
(Merge/Cargo, ab 25. Januar)
Schon die ersten Sekunden klingen bedrohlich. Ein Flüsterchor skandiert den Titel des dritten Albums von Sneaks: "Highway Hypnosis". Dazu hört man zischende Hi-Hats, die an düsteren Horror-Core erinnern, im Hintergrund einen Schrei. Sneaks - der Name klingt wie eine Band, doch ist es das Soloprojekt von Eva Moolchan. Die 23-Jährige kommt aus der Punkszene der Metropolregion Baltimore-Washington. Auf ihren bisherigen Veröffentlichungen waren Bass und Drumcomputer, Punk und Post-Punk mit oft ätherischen Vocals in knappen, ein bis zwei Minuten langen Songs zu hören.
Direkt, eindringlich und auf den Punkt sind die Tracks von Sneaks auch auf "Highway Hypnosis" - der längste ist knapp unter drei Minuten lang -, das ist aber auch die einzige Gemeinsamkeit mit Moolchans bisherigen Veröffentlichungen. In "Beliefs" singt sie "All I wanna do is start again". Und das tut sie, indem sie sich ausgiebig beim Handwerkszeug bassgesteuerter Musik bedient: Verschiedene Spielarten von Klubmusik, Footwork oder Jungle, sowie diverse Hip-Hop-Beats sind zu hören, immer düster, oft mit Dub-Einschlag.
Ihre Texte klingen dabei wie ein Teil der trägen Rhythmik, wie Claims, deren Bedeutung sich in den Hallräumen der Beats zu verlieren droht. "Money Don't Grow On Trees", singt sie etwa, eine Floskel. "Saiditzoneza", vermutlich ursprünglich ein Satz, ist zu einem Wort zusammengezogen und wird knapp zwei Minuten lang immer wieder wiederholt. Sneaks verfremdet hier ihre Stimme zu einem monotonen Kinderchor, dessen Grusel-Mantra bis in die letzten Winkel der Gehörgänge dringt. In "Holy Cow" kommt die Punk-Gitarre dann doch noch. 55 Sekunden lang ist der "Song", bevor "And We're Off" dann tatsächlich an das bisherige Werk der Ex-Punk-Künstlerin erinnert.
Trotz all der Echos aus verschiedenen Stilen und Musikrichtungen wirken Sneaks' Songs nie abgehoben, sondern immer hart auf dem Boden der Tatsachen. Zwar lässt einen "Highway Hypnosis" ab und an etwas ratlos zurück - aber wenn Musik überfordert, ist das in der Regel ja ein gutes Zeichen. (8.2) Diviam Hoffmann
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Future - "Future Hndrxx Presents: The Wizrd
(Epic/Sony, seit 17. Januar)
Nein, ein Zauberstück ist das nicht, auch wenn der Titel es nahelegt. Aber eine beachtliche Leistung. Future schafft es nämlich, nach sieben Alben und unzähligen Mixtapes immer noch genauso zu klingen wie auf seinem Debüt-Mixtape "1000". Und damit im Jahr 2019 nicht mehr wirklich frisch.
Daran ist allerdings weniger der als Nayvadius DeMun Wilburn in Atlanta geborene Rapper schuld. Sondern Hip-Hop selbst, der sich seit Futures erstem Album "Pluto" von 2012 mit rasanter Geschwindigkeit gewandelt hat. Die von jeglichen Höhen und Mitten befreite Koks-und-Champagner-Bassmusik, die er mit frühen Singles wie "Tony Montana" wohl nachhaltiger geformt hat als die meisten anderen ist seit Jahren Mainstream - und wurde seither von jüngeren, frischeren Künstlerinnen und Künstlern regelmäßig erweitert und erneuert.
Future hingegen hat nie etwas neu erfunden. Vielmehr bediente er sich des alten Soft-Rock-Kunstgriffs, etwas Raues, Wildes und Abenteuerliches so zu entkernen, dass man in das Ergebnis hineingleiten konnte wie in ein vorgewärmtes Paar Pantoffeln. Trap klang bei ihm so wie die Gitarren auf Roxy Musics "Avalon": schwebend, unaufdringlich, aber anschmiegsam. Ein entfesselter Bass sorgte für den im Klub nötigen Wumms. Das funktionierte: Mit "Mask Off" stellte Future 2017 den am häufigsten abgespielten Song auf Spotify.
Darauf sollte er sich mit "The Wizrd" besser nicht verlassen. Zwar liefert es mit geschlagenen 20 Songs wieder reichlich Futter für die Streaming-Maschinen, doch Futures siebtes Album in sieben Jahren lässt sich selbst mit geübtem Ohr nicht von seinen Vorgängern unterscheiden. Ziemlich genau eine Stunde lang berichtet er zu den immer gleichen Triolen von Partys, Drogen, Frauen und, nun ja, Drogen.
Mehr gibt es von "The Wizrd" beim besten Willen nicht zu berichten. Trotzdem wird auch dieses Album wieder höchst erfolgreich sein. Warum? Weil Future die Mechanismen der Streaming-Ökonomie verstanden hat und in ihr operiert, wie ein Automobilhersteller: jedes Jahr ein neues Modell, aber der Markenkern bleibt stets erkennbar. Klingt dröge? Ist es auch. (3.5) Dennis Pohl
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Anna Aaron - "Pallas Dreams"
(Radicalis Music, ab 25. Januar)
Ihr letztes Album "Neuro" stellte sich Céline Meyer alias Anna Aaron wie ein Unterseeboot vor - und so hermetisch klang es leider auch, ein harter, aber gleichzeitig noch undefinierter Kontrast zu ihrem furiosen Debüt "Dogs In Spirit". Mit ihrem theatralischen Folk wurde die Schweizerin in ihrer Heimat als nächste Sophie Hunger gefeiert. Aber Hungers Label Two Gentlemen, bei dem auch Aaron anheuerte, wollte vielleicht zu viel zu schnell von der damals erst 20-Jährigen. Für "Neuro" heuerte die Plattenfirma den britischen Produzenten David Kosten an, Aaron drohte, sich zu verlieren.
Nach einem offenbar quälenden Trennungsprozess und einem kreativen Unterbruch, wie man in der Schweiz sagt, kehrt Aaron jetzt auf dem Basler Indie-Label Radicalis zurück, ihr drittes Album "Pallas Dreams" nahm sie fast im Alleingang mit ihrem Bruder Alain auf. Der große Befreiungsschlag ist es nicht, eher eine behutsame Wundpflege, bei der immer wieder Schmerz und Leidenschaft aufblitzen. Aus dem Unterseeboot tauchte Aaron in eine Welt nun fast ausschließlich elektronischer Klänge auf - und gleitet hungrig und durstig durch sie hindurch wie der "Moskito" über den Müllberg "Smokey Mountain" in Manila im gleichnamigen Song.
Vor allem hier und in der vorab veröffentlichten Single "Why Not" erinnert Aarons Phrasierung über kreiselnden Piano- oder Percussion-Sounds etwas zu sehr an Avantgarde-Elektroniker wie The Knife oder Fever Ray. Überzeugender, da origineller sind diese Träume der Weisheitsgöttin Pallas, wenn Aarons aus "Dogs In Spirit"-Zeiten gerettetes Talent für große Songgesten und schwelgerische Melodieschwünge in dieser jetzt artifiziell fragmentierten Musik zum Tragen kommt. Etwa im dramatischen "New Things In Your Blood" oder, maximal auf Minimal-House reduziert, in "Last Time We Met". "Shifting Shapes" heißt der mutigste Popsong auf dem Album. Die Formfindung bleibt interessant. (6.5) Andreas Borcholte
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Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)