Musik Heather Nova
Manche Menschen müssen die Welt auf ein übersichtliches Maß verkleinern, um es auszuhalten auf diesem Kummerstern. Der Vater der Sängerin Heather Nova beispielsweise beschloss, seinen Job als Architekt aufzugeben und fortan mit seiner Frau und seinen drei Kindern auf einer selbst gebauten Segelyacht in der Karibik zu kreuzen ohne Fernsehen und Kino, ohne Disco und Schule; nur auf einem kleinen Kassettenrekorder liefen jeden Tag dort die immer gleichen Songs von Neil Young, Van Morrison und den Beatles.
Heather Nova hat schon früh versucht, dieser kleinen Welt zu entkommen. Sie war 13, da sang sie zur Gitarre gegen den Wind. Sie war 15, da flüchtete sie in die Zivilisation, ließ ihre Eltern auf dem Schiff zurück, machte ihren Schulabschluss und begann ein Filmstudium in Providence. Sie war 19, da ging sie erst nach New York und dann nach London, um ihre Lieder vor Publikum zu singen. Mit einem Demo-Tape zog sie von Plattenfirma zu Plattenfirma und wollte nicht einsehen, dass sie ohne Manager in der modernen Geschäftswelt keine Chance hat. "Ich fühlte mich", sagt Nova, "wie ein Außenseiter; vor allem die komplizierten sozialen Beziehungen haben mich hoffnungslos überfordert."
Inzwischen hat Heather Nova, 31, nicht nur einen richtigen Manager, sondern ist sogar ein Popstar. Aber die kleine Welt ihrer Hippie-Eltern hat sie in Wahrheit immer noch nicht verlassen. "Ich habe gerade einen Monat in einem kleinen italienischen Fischerdorf verbracht und war so glücklich wie lange nicht", sagt sie und schlingt die Arme um ihre Beine, als suche sie Schutz. "Das Leben bestand nur aus den essenziellen Dingen Lebensmittel auf dem Markt kaufen, kochen, spazieren gehen, Lieder schreiben."
Anfang Juli erscheint ihr fünftes Album "Wonderlust" (V2/Zomba), auf dem sie in guten Momenten der Musik ihrer Vorbilder Van Morrison und Neil Young nahe kommt. Es ist ein Live-Album, weil Heather Nova in guter Hippie-Tradition davon überzeugt ist, dass nur auf der Bühne ein intensiver Energieaustausch mit dem Publikum möglich ist. "Der Tourbus und die Band sind deine Welt. Das erinnert mich an meine Jugend auf dem Boot."
Heather Nova hat von den Hippie-Idealen ihrer Kindheit profitiert, als Mensch und als Musikerin. "Meine Eltern haben mir beigebracht, auf meinen Instinkt zu hören", sagt sie, "sie lehrten mich, dass man seinem Traum folgen muss. Das haben sie mir vorgelebt." Und das leben sie noch heute. Die Segelyacht haben sie zwar 1999 nach 25 Jahren verkauft, aber in die Zivilisation sind sie trotzdem nicht zurückgekehrt. Sie wohnen inzwischen auf einer kleinen Insel, irgendwo in der Karibik.
Jörg Böckem