Musik Mull Historical Society
Die Mull Historical Society gibt es seit rund 40 Jahren. Regelmäßig treffen sich da pensionierte Ärzte und Postbeamte irgendwo am Kamin und debattieren über Singvögel und bemooste Gebäude auf ihrer schönen Insel Mull. Colin MacIntyre hat mit denen, mal abgesehen davon, dass er auf derselben Insel aufgewachsen ist, nichts am Hut. Er hat sich den Namen Mull Historical Society nur ausgeliehen: "Ich würde mir eine Platte mit so einem exotischen Namen sofort kaufen", sagt der 30-jährige Schotte. Das nun auch in Deutschland erschienene Debüt-Album "Loss" (WEA/Warner) seiner Ein-Mann-mit-Gästen-Band klingt tatsächlich so wundersam verschroben, wie es der Name verspricht: elf sehr schöne Gitarren-Melodien, ausstaffiert mit Schnickschnack wie Kinderkarussel-Geräuschen und Küchenlärm, die das britische Fachblatt "New Musical Express" als "bestes akustisches Pop-Album 2001" feierte. Lob, das MacIntyre auch freut, weil er am liebsten so schnell wie möglich die nächste Platte veröffentlichen würde. Er hat einen über sechs Alben laufenden Vertrag mit dem Warner-Konzern, den er problemlos auf einen Schlag erfüllen könnte: "Ich habe mehr als 350 fertig aufgenommene Lieder auf Halde liegen und mindestens so viele halbfertige", sagt er. Das scheint viel, ist es aber nicht, wenn man es als Summe einer Jugend ohne größere Ablenkung betrachtet. Denn auf Mull "sieht alles aus wie im Hollywood-Film ,Local Hero'" Steine, Moos, Gras. Etwa 2700 Menschen leben dort und noch viel mehr Schafe, und Radio und Fernsehen funktionierten nur, wenn die Witterung es zuließ. "Ich bin gern dort aufgewachsen, obwohl ich die Schönheit erst wirklich begreife, seit ich Journalisten ständig die Insel zeige", sagt er. Aber weil man auf Mull, wenn man nicht in der Fischindustrie arbeiten oder Schafe hüten will, ein Job-Problem hat, ist Colin MacIntyre mit 20 Jahren und vielen Liedern nach Glasgow gezogen. Da kam er erst mal in der Telefonauskunft der British Telecom unter, wo er die Nächte damit verbrachte, einsame Menschen zu trösten. Denn Telefonnummern wollten nur die wenigsten, sagt er. "Ich habe Betrunkenen den Weg nach Hause erklärt und eine Million Beziehungsratschläge verteilt. Aber als ich eine hochschwangere Frau dran- hatte, die von mir genau wissen wollte, was sie tun muss, wenn ihr Baby zu Hause kommt, fühlte ich mich doch überfordert und habe gekündigt." Danach hat er sich noch als Broker versucht und auch ein wenig Politik studiert, aber weil er das am Ende alles sausen ließ und sich für seine Musik entschied, halten sie ihn auf der Insel nun für ein wenig verrückt. Aber das nimmt er natürlich als großes Lob: "Ein Ruf, der gut zum Bandnamen passt, oder?" Christoph Dallach