Musik Ron Sexsmith
er glaubt, dass genügend prominente Fürsprecher Unbekannten garantiert zu Ruhm und Umsatz verhelfen, sollte mal den kanadischen Musiker Ron Sexsmith fragen. Der 37-Jährige gilt seit Jahren als hochbegabte Nachwuchskraft, seine gesammelten Presse-Hymnen dürften so dick sein wie ein Telefonbuch; die "Washington Post" erklärte ihn sogar zu "einem der besten lebenden Songwriter".
Und dann noch die berühmten Verehrer: Elvis Costello liebt ihn, Rod Stewart coverte einen seiner Songs, und Paul McCartney lud ihn ein zum Frühstück mit Frau und Kindern. "Eine Stunde lang habe ich mich kaum getraut, von meinem Teller aufzublicken", erzählt Sexsmith, "aber dann haben wir zusammen Gitarre gespielt und gesungen, und es war sehr nett."
Trotz der Hymnen, trotz des vegetarischen Frühstücks bei McCartneys, trotz seiner fabelhaft melancholischen Alben einem größeren Publikum ist Sexsmith bisher unbekannt geblieben. Vielleicht weil seine Songs zu schwermütig und traurig sind. "Ich hätte gern mal ein fröhliches kleines Inferno inszeniert oder zumindest ein paar schnellere Songs geschrieben, aber mein damaliger Produzent Mitchell Froom bestand darauf, dass die Tristesse meine Stärke sei", erinnert sich der Songwriter.
"Blue Boy" (Cooking Vinyl/Indigo), sein inzwischen fünftes Album, klingt allerdings etwas rauer als die Vorgänger. Das mag am neuen Produzenten liegen, dem Country-Raubein Steve Earle. Oder vielleicht auch an der schlechten Laune von Sexsmith, der es mittlerweile satt hat, ein ewiger Geheimtipp zu sein. Zumal erst der Plattenkonzern Universal die Geduld mit ihm verlor und die Zusammenarbeit aufkündigte und ihn bald danach seine Ehefrau samt der beiden Kinder verließ. Da kann aus Melancholie schnell Wut werden.
In seinem Song "Child Star" beispielsweise verarbeitete er seine ersten bitteren Erfahrungen im Musikgeschäft: wie er als Teenager in Ontario in Bars und Clubs auftrat und mit großem Erfolg die Riesenhits von Landsleuten wie Leonard Cohen, Joni Mitchell und Neil Young aufführte. Sobald er allerdings eigene Kompositionen anstimmte, war es mit der Begeisterung im Publikum schnell vorbei. Ans Aufhören hat er damals trotzdem nicht gedacht, und ans Aufhören denkt der Songwriter Sexsmith auch heute nicht: "Was sollte ich anderes tun? Ich muss eben Lieder schreiben!"
Immerhin: Mittlerweile soll er sogar ein paar Fürsprecher in Hollywood haben. Sexsmith erzählt von unbestätigten Gerüchten, einer seiner Songs untermale eine Liebesszene im neuesten Jennifer-Lopez-Film "Angel Eyes". "Wenn mich das nicht berühmt macht", sagt er mit einem Schmunzeln, "was dann?"
Christoph Dallach