Musik: Semisonic - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Musik Semisonic

1998 gelang der US-Popband ein riesiger Hit ­ doch die Musiker aus Minneapolis halten nichts davon, von alten Zeiten zu schwärmen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ein Hit, der sofort zum Klassiker wird, ist wohl der Traum aller Musiker. Die Single "Closing Time" des amerikanischen Trios Semisonic, 1998 veröffentlicht, ist so einer: viereinhalb Minuten wunderbar melodischer Gitarrenpop, die heute überall im Alltagsleben zu hören sind ­ wenn in Bars die letzte Runde ausgerufen wird oder die Zuschauer das Baseballstadion verlassen. "Ein Chirurg", erzählt Dan Wilson, Sänger, Gitarrist und Songwriter der Band, "hat mir verraten, dass in seinem Krankenhaus ,Closing Time' zum Ende jeder Operation läuft, wenn sie irgendwem die Bauchdecke zunähen." Das Ärgerliche an so einem Klassiker ist nur, dass für die meisten Musiker die Probleme beginnen, wenn die nächsten Lieder geschrieben werden müssen. Der schöne Traum ist dann meistens schnell zu Ende. Auch das neue Semisonic-Album "All about Chemistry" war eine Zangengeburt. "Eine Quälerei, denn bei jedem Lied, das ich fertig hatte, dachte ich: Ist es so gut wie ,Closing Time'? Werden es die Fans mögen, und wird es überhaupt jemand kaufen?" In Minneapolis, der "kalten und sauberen" Heimat von Semisonic, haben sie Erfahrung mit frustrierten Popstars. Da residiert zum einen der Künstler, der sich nun wieder Prince nennt, aber seit Ewigkeiten den Erfolgen von gestern nachrennt. Und dann gab es da noch Soul Asylum. Alte Kumpels von Semisonic, die jahrelang Grunge light spielten, mit der Single "Runaway Train" auf einen Schlag weltberühmt wurden und dann recht bald wieder in der Versenkung verschwanden. "Viele wissen einfach nicht weiter und verirren sich, wenn sie Erfolg haben", erklärt Wilson das Phänomen der so genannten One-Hit-Wonders. "Aber wir werden auch ohne Plattenvertrag glückliche Menschen sein!" Zumindest hat er Alternativen. Nach einem Kunststudium in Harvard wollte Wilson eigentlich Maler werden, startete aber stattdessen 1992 mit seinen Uni-Freunden John Munson, Bass, und Jacob Slichter, Schlagzeug, die Band Semisonic. Sie teilen eine Liebe für klassische Gitarren-Popsongs, so wie sie die Kinks, Hollies und natürlich die Beatles in den sechziger Jahren perfektionierten. Musik, die in Amerika gut ankam nach dem Vakuum, das Grunge-Rock hinterlassen hatte. Nach einem Debütalbum, das nur Kritiker, aber kaum Käufer überzeugte, kam mit der fabelhaften zweiten CD "Feeling Strangely Fine" 1998 auch der gewaltige kommerzielle Erfolg. Falls der Traum irgendwann doch zu Ende sein sollte, bleibt ihnen die Gewissheit, dass ihr Hit "Closing Time" ein echter Klassiker geworden ist. Christoph Dallach


"All about Chemistry" (Polydor/Universal). Erscheint am 16.4.