Musik: Stephen Duffy - DER SPIEGEL
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Musik Stephen Duffy

Er schreibt wunderbare Songs, aber immer zur falschen Zeit: Brit-Pop nach dem Ende des Hypes und nun verspätete Großstadtfolklore.
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erade im Pop ist Erfolg oft nur eine Frage des Timings. Die Musikwelt ist voll von traurigen Helden, die ihrer Zeit dummerweise voraus waren oder ihr hinterherhinkten. Zu der Sorte, die erst zu Ruhm kommt, wenn sie bankrott oder, trauriger, tot ist, gehört das Folk-Genie Nick Drake: Erst Jahrzehnte nach seinem Suizid fand seine Musik ein großes Publikum ­ als ein Kleinwagen mit einem seiner Songs beworben wurde.

Oder Stephen Duffy, 41, einer der besten Songwriter Großbritanniens, unentdeckt, aber lebendig. Duffy müsste berühmt sein, und oft hat nicht viel dazu gefehlt. Nur sein Timing war leider immer eine Katastrophe. Er hat Duran Duran vor der ersten Platte verlassen, Elektro-Pop produziert, als der gerade keinen interessierte und die beste Brit-Pop-Platte, als die Sache sich längst erledigt hatte. Auch mit "lilac6" (Cooking Vinyl/Indigo), dem neuen Album seiner Band The Lilac Time, hat er den Hype um das so genannte New Acoustic Movement knapp verpasst. Schade, denn die Platte ist wieder mal brillant. Sie liefert wunderbare Großstadtfolklore: melodisch, poetisch und ­ logisch ­ sehr romantisch. Und damit eine Alternative für Menschen, die aller Musik misstrauen, die nicht von Simon and Garfunkel oder Leonard Cohen kommt.

Eigentlich wollte Stephen Duffy, 1960 in Birmingham geboren, sowieso Kunst studieren, aber dann startete er mit zwei Studienfreunden Duran Duran. "Wir produzierten nur Lärm, und die waren mir dankbar, als ich ausgestiegen bin", sagt er.

Aber weil es ihn wurmte, dass seine Freunde so erfolgreich waren, gab er sich 1982 viel Mühe, auch einen Hit zu landen. Er nannte sich Tin Tin, und sein Bestseller "Kiss Me" zählt bis heute zu den respektableren der Dekade. Danach lief nichts mehr, und Duffy, der sich gern als schnippischer Dandy inszeniert, verzog sich nach diversen Flops und verpassten Chancen beleidigt aufs Land: "Ich war das Wirklichkeit gewordene Klischee des gefallenen Popstars, der sich in die Einsamkeit flüchtet, um sein Leben neu zu ordnen", sagt Duffy.

In einer Scheune ist das fabelhafte erste Lilac-Time-Album entstanden. Wie die Nachfolge-Werke kam es nie über den so genannten Kultstatus hinaus, trotz prominenter Verehrer von Wim Wenders bis Madonna. Dafür, dass Duffy heute nicht in U-Bahn-Stationen Ukulele spielen muss, sorgte ein kanadischer Fan. Steven Page schickt seinem Idol Duffy eigene Songideen, seit er 15 ist. Und Duffy hat sich immer die Zeit genommen, die zu überarbeiten. Das hat sich gelohnt. Heute hat Page die Band Barenaked Ladies, auf deren Millionen-Bestsellern auch diverse Duffy-Kollaborationen landeten. "Ich kann nämlich auch Hits schreiben", sagt Duffy. Nur das Timing muss er noch in den Griff kriegen.

Christoph Dallach