Musik: Stephin Merritt - DER SPIEGEL
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Musik Stephin Merritt

Der amerikanische Musiker ist ein hinterhältiger Romantiker: Er singt über die Liebe und bewirft sein Publikum mit Plastikflaschen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

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ie Leute von der Plattenfirma in Europa müssen Banausen sein. Monatelang hat Stephin Merritt wunderschöne Lieder über die Liebe komponiert, getextet und aufgenommen. 69 insgesamt, so viele, dass sie auf drei CDs Platz finden, und dann stellt die Plattenfirma die Dreier-CD zum Sonderpreis in die Läden. Nur, weil hier zu Lande kaum einer Merritts Band The Magnetic Fields kenne. Als ob das ein Argument wäre. "In Wahrheit", sagt Merritt, 35, "ist das eine Frechheit."

Gute Platten, glaubt der amerikanische Musiker, sind nämlich Luxusartikel. "Sie würden doch auch keinen Tisch kaufen, der nur 9,99 Mark kostet", erklärt Merritt. "Das kann nur Schrott sein. Aber wenn er 9999 Mark kostet, dann werden Sie sagen: Das muss ein schöner Tisch sein. Mir geht es nicht um Geld, sondern um Respekt für meine Arbeit."

Ein Künstler also, ein Genie womöglich. Beschwert sich darüber, dass er längst nicht so viele Platten verkauft, wie er es für angemessen hält. Beklagt sich über mangelnden Respekt ­ obwohl seine "69 Love Songs" im vergangenen Jahr in den USA von Kritikern als kleine Sensation gefeiert wurden. Als "größten Songwriter seiner Generation" pries ihn die "Los Angeles Times", und Kollegen wie Lou Reed und Beach Boy Brian Wilson jubilierten.

Und es muss wohl auch als künstlerische Geste verstanden werden, dass Merritt sich gern als Zicke inszeniert. Interviewern erklärt er schon mal, dass ihre Fragen dumm sind, und wer bei einem seiner raren Konzerte zu laut mit dem Nachbarn plaudert, muss damit rechnen, mit leeren Mineralwasserflaschen beworfen zu werden: "natürlich nur aus Plastik".

Der Musik allerdings hat Merritts Strenge nur genutzt. Und in Wahrheit verbirgt sich hinter dem rigorosen Zyniker ein schüchterner Romantiker. Seine Lovesongs nennt er "The Sun Goes Down and the World Goes Dancing" oder "Love Is Like a Bottle of Gin" und schnarrt zu einem Potpourri aus Walzern, Balladen und Trash-Chansons mit dunkler Stimme über die finstere Seite der Liebe ­ "wen interessieren die fröhlichen?"

Die Musik klingt zuweilen wie Elektro-Pop aus den achtziger Jahren oder Songs von Johnny Cash und Serge Gainsbourg. "Das muss so sein", sagt Merritt, der nebenbei für des New Yorker Magazin "Time Out" arbeitet. "Ein musizierender Musikkritiker will ohnehin nur Werbung für seine Plattensammlung machen." Aber deshalb soll bloß niemand Rückschlüsse auf sein Liebesleben wagen: "Ich schreibe über Situationen, die jeder, der sich schon einmal verliebt hat, kennt. Über mein Leben zu schreiben wäre so langweilig, dass nicht mal ich dafür Geld ausgeben würde."

Christoph Dallach

CD "69 Love Songs" (Zomba).