Musik To Rococo Rot
Die Welt war in Gefahr oder zumindest die englische Musikszene. Und diese Gefahr ging von Deutschland aus. "Wir brauchen sichere Grenzen", jammerte das britische Fachblatt "New Musical Express" in einer Rezension der Band To Rococo Rot, "um so was von uns fern zu halten." Denn diesen Sound von "schreiendem Sellerie" und "geöffneten Kühlschränken", den könnten nur Irre produzieren, die "noch bei ihrer Mutter wohnen und Flugzeugmodelle basteln", hieß es gramvoll. Das ist schon ein paar Jahre her und in den Kategorien von Popmusik also eine kleine Ewigkeit. Denn die Grenzen konnten den teutonischen Furor nicht fern halten. Zum Glück. So werden To Rococo Rot heute auch in England so respektiert und geschätzt wie in Amerika oder Japan. Sie gelten als Teil einer so jungen wie experimentierfreudigen europäischen Musikerszene, denen in den letzten Jahren etwas gelungen ist, das einer universellen Popmusik eindrucksvoll nahe kommt. Die Ost-Berliner Brüder Ronald und Robert Lippok begannen 1983 als Mitglieder des Künstlerkollektivs "Ornament & Verbrechen" mit Theater, Performances und Musik in Wohnungen, Kirchen und Nervenheilanstalten. To Rococo Rot starteten sie 1995 mit dem Düsseldorfer Bassisten Stefan Schneider. Seitdem programmieren und spielen sie zu dritt ihre merkwürdigen Klänge und Geräusche: allerlei Rauschen, Knacken und Knarzen zu geheimnisvollen instrumentalen Melodien. Damit reihen sie sich ein in die deutsche elektronische Tradition, die einst in Düsseldorf begann. "Kraftwerk", sagt Robert Lippok, "hat die elektronische Musik aus dem akademischen Ghetto geholt und Popsongs geschrieben." Und die Briten David Bowie und Brian Eno setzten die Magie von Kraftwerk Ende der Siebziger fort, als sie in Berlin legendäre Avantgarde-Electro-Pop-Platten wie "Low" aufnahmen. Heute pilgern abenteuerlustige Musiker aus aller Welt nach Berlin, um den Sound einer wieder auferstandenen Weltstadt einzufangen. So wie das Londoner Pop-Trio Saint Etienne, das sich für sein letztes Album von To Rococo Rot massive Unterstützung holte: "Die liefen so aufgekratzt durch das Berliner Nachtleben wie Kinder vor Heiligabend!" Oder der New Yorker DJ und Musiker Craig Willingham, der sich I-Sound nennt, und nach Berlin düste, um mit To Rococo Rot das Album "Music is a Hungry Ghost" aufzunehmen. Das alles klingt wunderbar verzwirbelt und vertrackt rhythmisch, also genau so, wie man sich wahrscheinlich im Rest der Welt den Sound von Berlin ausmalt. Nur To Rococo Rot wollen davon nichts wissen: "Wir hören hier nichts, wir wohnen hier." Christoph Dallach
CD: "Music is a Hungry Ghost" (City Slang/Virgin).