Musikfan Obama Jazz we can
Während der Regierungszeit von George W. Bush nutzten viele amerikanische Jazzmusiker bei Auftritten in Europa ihre Ansagen, um sich vom Präsidenten ihres Landes zu distanzieren. "Wir haben ihn nicht gewählt", verkündete der Posaunist Josh Roseman 2004 in Berlin, nachdem Bush eine Mehrheit für seine zweite Amtsperiode gewonnen hatte.
Die vorherrschende Meinung der Jazzer zur damaligen US-Politik brachte der Bassist und Bandleader Charlie Haden auf den Punkt: "Not in our name". Als Hadens Liberation Orchestra diesen Titel auf dem Berliner Jazzfest 2005 spielte, saß Carla Bley am Klavier. Die Pianistin war über den Zustand ihres Landes verbittert.
Drei Jahre später hatte Bley "mein Amerika" wiedergefunden - "Obama-Amerika", wie sie sagte. Beim Festival in Berlin im November 2008 zierte ein Transparent mit der Aufschrift "Jazz we can" die Bühne. Amerikanische Musiker wie der Bassist Henry Grimes trugen riesige Obama-Buttons. Die Jazzzunft jubelte über den neuen Präsidenten, dessen Kampagne viele unterstützt hatten - Dianne Reeves, Herbie Hancock, Quincy Jones und die Marsalis-Brüder, um nur einige zu nennen.
Natürlich freuten sich die Jazzer darüber, dass Obama neben Bob Dylan und Stevie Wonder auch gerne Musik von Miles Davis, John Coltrane und Charlie Parker hört. Wichtiger aber war ihnen Obama als weltoffene Gegenfigur zu dem als engstirnig empfundenen Bush. "Wir sehen einfach mit Freude, wenn jemand kommt, der in ganzen Sätzen sprechen und auf komplexere Weise denken kann", erklärte der Gitarrist Pat Metheny.
Freilich erwarten auch die Musiker keine Wundertaten vom "Jazzy President" (so die Universal-Publikation "Jazzecho"). Obamas Erfolg werde "mehr Respekt für die Minderheiten" bewirken, findet ein sonst skeptischer Sonny Rollins. Zu den Minderheiten könnte man neben ethnischen Gruppen auch die Kulturschaffenden zählen, die in den USA - anders als in Europa - kaum staatlich gefördert werden.
Die einzige öffentlich finanzierte Kulturstiftung auf Bundesebene, die NEA (National Endowment for the Arts), erhält jährlich ganze 150 Millionen Dollar, um Theater, Ausstellungen und Festivals zu unterstützen. Die Obama-Administration hat nun 50 Millionen dazugelegt - gegen Proteste der Republikaner, die Kultur als strikte Privatsache sehen; viele möchten die seit 1965 bestehende NEA am liebsten abschaffen.
Nach Obamas Wahlsieg können die Demokraten einen neuen NEA-Vorsitzenden berufen. Zu den Kandidaten zählt Wynton Marsalis, der Jazztrompeter, der aber auch für Alben mit Haydn- und Händel-Konzerten Grammys gewonnen hat. Als Musikdirektor des New Yorker Lincoln Centre verfügt der 47-Jährige über Erfahrungen im Kulturmanagement. Marsalis unterstreicht gerade wieder einmal seine verblüffende Vielseitigkeit: Auf seiner jüngsten CD "He and She" liest er zwischen Jazzstücken seines Quintetts mit sonorer Stimme selbst verfasste, lyrische Texte zum Thema Mann und Frau.
Zum Thema Barack Obama hat Wyntons älterer Bruder Branford, 48, ausführlich mit der Journalistin Sarah Seidel gesprochen und den Sieg seines Favoriten so erklärt: Bei allen Vorurteilen, die in Amerika existieren, würden sich die Menschen letztlich doch für den besten Kandidaten entscheiden. So hätten 1947 die erfolglosen Brooklyn Dodgers den schwarzen Baseball-Spieler Jackie Robinson engagiert, weil sie nicht länger verlieren wollten.
Robinson brachte den Club nach vorn; da konnten die Rivalen nicht nachstehen, und die Rassenschranken im Baseball fielen. Bei den Präsidentschaftswahlen im Krisenjahr 2008, so Branford Marsalis, sei Obama eindeutig der beste aller Bewerber gewesen - "one of the smartest men that America has seen in a long time". Deshalb hätten sich auch viele für ihn entschieden, die sonst Vorurteile gegen Menschen seiner Hautfarbe haben.
Ob der neue Präsident Obama auch gut für den Jazz sei, bezweifelt Marsalis. "Die Gigs werden so laufen wie immer", sagt er, "und Platten werden sich wahrscheinlich weiterhin schlecht verkaufen." Vielleicht irrt der Saxofonist. Sein neues Album "Metamorphosen" hat jedenfalls schon mal überwiegend gute Kritiken bekommen.
CDs Wynton Marsalis: "He and She" (Blue Note); Branford Marsalis Quartet: "Metamorphosen" (Emarcy / Universal).
Tournee von Branford Marsalis Quartet: 15.5. Berlin, 17.5. Hamburg, 18.5. Frankfurt/M., 19.5. München. Infos: Tel. 040/413 22 60.