Musikfernsehen "Grenzen überschritten"
SPIEGEL:
MTV ist in diesem Jahr erstmals weder auf dem Branchentreff Telemesse noch auf der Popkomm mit einem eigenen Stand präsent. Hat die Krise jetzt auch Sie erreicht?
Mühlemann: Quatsch, wir stehen vergleichsweise gut da. Immerhin hatten wir im ersten Halbjahr ein Umsatzplus von zwei Prozent. Die Telemesse ist eine reine Unterhaltungsshow, für die Sender extrem teuer und nicht besonders MTV-affin. Deshalb habe ich mich dieses Jahr für eine Roadshow entschieden, bei der ich unsere wichtigsten Kunden selbst besuche.
SPIEGEL: MTV-International-Chef Bill Roedy träumte noch vor wenigen Monaten von 20-prozentigen Umsatzzuwächsen recht verwegen im aktuellen Werbeklima.
Mühlemann: Das zweite Halbjahr wird wohl tatsächlich härter. Am Ende werden wir eher auf Vorjahresniveau liegen. Andererseits sind wir derzeit die Einzigen, bei denen Wachstum überhaupt möglich scheint, auch wegen MTV2 Pop, unserem zweiten Kanal, der noch großes Wachstumspotenzial hat.
SPIEGEL: Erfolgreich waren Sie vor allem mit geschmacklosen Mutproben-Shows wie "Jackass" oder der "Freak Show". "Jackass" dürfen Sie nur noch spätabends zeigen, die "Freak-Show" mussten Sie ganz streichen.
Mühlemann: Über Geschmack lässt sich immer streiten, aber wir haben in diesem Fall die Grenzen sicher ein bisschen überschritten. Andererseits: Eine solche Totalzensur einer Sendung hat es im deutschen Fernsehen noch nicht gegeben. Wir sind nun in Gesprächen mit den Medienbehörden und ganz zuversichtlich, dass wir die Sendung fortsetzen können: mit noch eindringlicheren Warnhinweisen und natürlich ohne extreme Stunts. Zunächst wollen wir uns aber selbst auf die Schippe nehmen: In der "MTV-Lieb-Show" zeigen wir nur gute Taten und in "MTV-beinhart" werden Stunts zu sehen sein, die völlig ungefährlich sind, wie ein paar Jungs, die unangeschnallt mit zehn Stundenkilometern über einen leeren Parkplatz fahren.
SPIEGEL: Ein Quotenknüller war die Doku-Soap über die skurrile Hardrocker-Familie von Ozzy Osbourne. Wann kommt die MTV-Homestory mit deutschen Stars?
Mühlemann: Darüber denken wir natürlich nach. Die Künstler, mit denen wir bisher Kontakt aufgenommen haben, hatten leider Honorarforderungen, die wir nicht erfüllen wollen.
SPIEGEL: Nach dem gescheiterten Viva-Übernahmeversuch Ihres Mutterkonzerns Viacom hat Deutschland noch immer fünf Musikkanäle. Gibt der Markt das her?
Mühlemann: Ich glaube, dass mittelfristig drei Sender überleben werden, nämlich MTV, MTV2 Pop und Viva.