Musikmesse Popkomm: Umsatzrückgang, Hurra! - DER SPIEGEL
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Musikmesse Popkomm Umsatzrückgang, Hurra!

Unter dem Motto "Movin' Music" startet heute die Musikmesse Popkomm zum ersten Mal in Berlin. Die geschrumpfte und krisengeschüttelte Musikindustrie erhofft sich Impulse für einen Neubeginn aus der Hauptstadt. Wie der aussehen soll, weiß jedoch niemand.
Von Ulf Lippitz
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Krise? Das Reizwort kann in der Musikindustrie niemand mehr hören. Es hat den Beiklang eines längst abgedudelten Ohrwurms. In den großen Musik-Konzernen wie Universal spürt man nach diversen Umstrukturierungen und Repertoire-Kürzungen eine ansteckende Lethargie. Dieser und jener Künstler sei jetzt woanders, heißt es, der Kollege auch, und wer weiß, wer einem morgen am Schreibtisch gegenüber sitzt.

Seit vier Jahren sinkt der Umsatz der nationalen Plattenindustrie kontinuierlich, 40 Prozent hat die einstige Boombranche eingebüßt. Da muss ein starker Neubeginn her - und wo wagen ihn orientierungslose Menschen lieber als in Berlin? Die Popkomm, einst in Köln geboren, findet also zum ersten Mal in der deutschen Hauptstadt statt.

Umsätze runter, Stimmung rauf

Eine gute Nachricht feierte die Branche bereits im Vorfeld. Die Umsätze sind wieder gesunken, aber nur noch um mickrige drei Prozent im ersten Halbjahr 2004 - Hurra! Ob der Trend sich in Zuwächse verwandelt oder die Firmen auf dem Vulkan tanzen, vermag die Musikmesse nicht zu beantworten. Sie versucht es auch nicht: Vom Aufbruch in Berlin reden die Veranstalter vollmundig, vom wahnsinnigen Potenzial der Stadt - als hätte sich die Musikszene hier erst gestern formiert.

Die Berliner beobachten derweil amüsiert, wie die Industrie ein Riesen-Buhei um ihre Stadt veranstaltet. "Movin' Music", das Motto der diesjährigen Popkomm, nahm für die Hauptstädter seit langem konkrete Züge an. Wer geht, wer kommt und wer bleibt - ein Glücksrad um Subventionen und Arbeitsplätze drehte sich da. Vor drei Jahren zog Sony Music aus Frankfurt an den Potsdamer Platz, lobte die einmalige Kreativität - und sucht sie demnächst fusioniert mit BMG in München. Dafür zog die Firma Virgin kürzlich von der Isar an die Spree. Universal Music bezog vor zwei Jahren einen repräsentativen Bürokasten am Fluss und bleibt vorerst, Warner Music (Hamburg) und die EMI (Köln) haben sich allerdings gegen Berlin entschieden. Der Lokalpatriotismus der EMI ging gar so weit, dass die Firma der Popkomm nach ihrem Wegzug aus Köln eine Absage erteilte.

Digital? Egal!

Zerstritten und geschrumpft - wer wie die Musikindustrie am Boden liegt, kann nicht mehr fallen. Aber er kann treten. Und die nieder gedrückte Branche teilt fleißig Tritte aus. Gerd Gebhardt, Vorsitzender der deutschen Phonoverbände, macht nach illegalen Tauschbörsen und ignoranten Käufern einen neuen Feind aus: den privaten Kopierer. Im Kompendium "taktvoll 1.0", das begleitend zur Popkomm erscheint, stellt er ganz ohne Takt klar: Wer für sich und Freunde legal erworbene Tonträger brennt, soll Rechte bezahlen.

Das Argument zeigt, wie wenig man die digitale Entwicklung schätzt - oder nutzt. Die Branche, die sich ein gerne ein trendiges, zukunftsorientiertes Image überstülpt, rudert dem Strom der Zeit hinterher. Im Frühjahr, volle fünf Jahre nach dem Napster-Boom, ging die offizielle Download-Plattform des Phonoverbandes, Phonoline, endlich online. Diese Woche wurde sie wegen Erfolglosigkeit eingestellt. Erst boykottierte die Industrie die Rechtevergabe für Klingeltöne. Jetzt kassiert sie mit ab. Dank der Entwicklung von so genannten Real-Tönen, echten Samples der Lieder, verdienen Plattenfirmen erstmalig seit drei Jahren am Handyklingeln.

Das behäbige Image klebt auch an der Popkomm. Zwar versucht die Messe mit der Einbindung von Mode-Herstellern und Werbefirmen neue Synergien zu forcieren, aber von den großen Namen erhofft sich niemand Innovation. Kleine Firmen werden umworben wie selten zuvor. In einem extra für sie eingerichteten "Label Camp" präsentieren sich spezialisierte Marken wie Kitty Yo Records, und !K7. In der Ankündigung der Popkomm heißt es hoffnungsvoll: "Das Label Camp ist die Antwort auf neue Fragen." Welche neuen Fragen? Man hat ja noch nicht einmal Antworten auf die alten gefunden.

Der Kongress tanzt - und zwar auf allen Hochzeiten. Fachleute diskutieren querbeet über die Zukunft des Videoclips, über Regulierungsmaßnahmen wie die Quotierung deutscher Produktionen oder Musik im Kontext von Mode. Auf der Popkomm weidet man sich an der Breite. Sophie von Löhneysen strebt jedoch in die Tiefe. Sie organisiert zeitgleich die "Premium Music", auf der Verkäufer und Käufer von Musik direkt zusammentreffen und neue Vertriebswege erforschen. Auch hier reden fachkundige Menschen, wie man Musik besser vermitteln kann - im Fall des rührigen Motor-Gründers Tim Renner manchmal sogar dieselben.

Ergänzung statt Alternative

Für Motor Music hat Löhneysen früher als Radiopromoterin gearbeitet. Heute legt sie Wert auf besonders ausgewählte Qualitätsmarken - nur sie dürfen auf die Ausstellungsfläche. Im Messezelt nahe dem Potsdamer Platz stehen Vertreter von Musik-Labels wie dem Dance-Indie Ministry of Sound neben Musik-Scouts der Filmproduktionsfirma X Filme. "Wir sehen uns als Ergänzung zur Popkomm", betont von Löhneysen und meidet das Wort Alternative wie der Teufel das Weihwasser. Denn ein kleiner Gegengipfel zum Auflauf unter dem Funkturm ist politisch nicht gewollt: weder vom Senat noch der Messe Berlin, die für die Popkomm federführend ist.

Der Leuchtturm Popkomm, er strahlt mit wenig Glamour. Über 400 Pop-Acts tummeln sich bis zum Wochenende in der Stadt, internationale Stars sucht man allerdings vergebens. In der reanimierten Deutschlandhalle hat das unabhängige HipHop-Label Four Music am Dienstagabend gefeiert: mit Szenegrößen wie Fünf Sterne Deluxe, Gentleman, Max Herre und den Fantastischen Vier. Am Freitag besuchen die Pop-Veteranen Duran Duran den Stand ihrer aktuellen Plattenfirma Sony Music. Das muss reichen. In Zeiten eines verhaltenen Niedergangs will niemand mit zu viel Glanz provozieren, die Stimmung im Land ist schon schlecht genug. Das werden die Popkenner spätestens am Samstag bemerken. Dann rollt die Demonstration gegen Hartz IV durch Berlin - vorbei am Potsdamer Platz. Die Premium Music schließt vorsichtshalber einen Tag früher als geplant. Die Krisen-Karawane ist ein zu harter Schnitt für goldene Zukunftsträume.