Musiktrends: Neueste Deutsche Welle - DER SPIEGEL
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Musiktrends Neueste Deutsche Welle

Immer öfter tönt es wieder in deutscher Sprache aus den Discotheken. Man mag sich an die "Neue Deutsche Welle" vor 20 Jahren erinnert fühlen. Wiederholt sich der Kulturkreislauf, wird der Trend also schnell wieder verschwinden?
Von Jürgen Laarmann
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der gerne als deutscher Pop-Papst bezeichnete Diedrich Diederichsen nannte sie 1982 "Kandidatinnen für den Rang der besten deutschen Band". Gemeint war mit dieser euphorischen Einschätzung die Frauenband Malaria!, die seinerzeit mit "Kaltes Klares Wasser"  einen kleinen Hit verzeichnen konnte. Dass sich nun ausgerechnet dieses Lied in seiner Remixversion bis in die Top 20 bewegte, kann als vorläufiger Höhepunkt eines aktuellen Trends gewertet werden. Das Comeback der deutschen Sprache in der Discothek bahnt sich an, die Vorschläge reichen von neuer deutscher House bis zur neuesten deutschen Welle.

Nach Jahren vorwiegend vokalloser DJ-Musik sehnt man sich in den hippen Clubs der Republik wieder nach Emotionen, die nicht erst durch die Musik erzeugt werden, sondern dieser bereits immanent sind.

"Ich will meine Gefühle ausdrücken," meint die Berliner Produzentin Ellen Allien . Zu hartem Techno singt sie auf ihrer Platte "Stadtkind" plötzlich über solche Dinge wie den "Funkenflug der Träume". Die Kraft des guten, alten Songs wird wieder heraufbeschworen, Aussagen nicht mehr nur im reinen Sound, sondern in Strophe und Refrain gesucht. Dabei kommen natürlich die Erinnerungen an die Achtziger nicht nur wieder zum Vorschein, sie werden regelrecht heraufbeschworen.

In Deutschland beziehen sich diese nicht nur auf alte Depeche-Mode-Platten, sondern seit einiger Zeit auf die Neue Deutsche Welle Anfang der Achtziger, die mit Bands wie Der Plan, Deutsch Amerikanische Freundschaft oder eben Malaria! auch international beachtete Musik hervor brachte.

Kaum ein namhafter deutscher Elektronik-Produzent fehlt

Die Chicks On Speed , eine Girlie-Truppe mit Kunstguerilla-Touch, wollte Malaria! mit ihrem "Kaltes Klares Wasser"-Remix vor allem als Einfluss für den eigenen Weg als selbstbestimmte Frauenband Tribut zollen. Das schnell nachgereichte Malaria!-Remix-Album, bei dem von Thomas Fehlmann bis Dr. Motte kaum ein namhafter deutscher Elektronik-Produzent fehlt, macht deutlich, dass der Einfluss von NDW-Bands wie Malaria! stärker zu sein scheint als bisher angenommen. Plötzlich scheinen alle belegen zu wollen, wie viel Deutsches außer Kraftwerk in der international erfolgreichen elektronischen Musik aus Deutschland wirklich steckt.

Manche der Protagonisten von einst sind immer noch da oder kommen zurück: Gabi Delgado von DAF kündigt ein Remixalbum seiner größten Erfolge an. Auch Inga Humpe, Anfang der Achtziger als Sängerin der Neonbabies erfolgreich, singt wieder deutsch und veröffentlicht mit "2raumwohnung"  ein neues Album. "Ich habe einfach gemerkt, wie man mir anders zuhört, wenn ich deutsch singe," sagt Frau Humpe, die in der Post-NDW-Ära auch englisch sang.

Andreas Dorau, zu Deutsche Welle Zeiten mit dem Gassenhauer "Fred vom Jupiter" Schlagerstar, hat nie aufgehört, Musik mit deutschen Texten zu produzieren. Ihm gelang es sogar, in Frankreich mit "Girls In Love" einen Top-Ten-Titel mit deutschem Text zu landen. Dorau personifiziert die Schnittstelle zwischen NDW und NNDW, sein nächstes Album erscheint im Sommer.

Auf dem Label Monika von Ex-Malaria!-Mitglied Gudrun Gut säuseln Barbara Morgenstern und Die Quarks nette deutschsprachige Texte zu elektronischen Beats. Das Berliner Jeans Team lässt die Puppen tanzen "1,2,3,4" Ding-Dong! Auch die Märtini Brös. um DJ Clé(mens) Kahlcke sorgen mit "Wir fühlen uns stark im Audio Park" für deutschen Dance-Sound, der zur Zeit in den Clubs zum Trend wird.

Deutschsprachige Rock- und HipHop-Acts bereiten das Feld

Bands wie Kante, Surrogat, Tocotronic oder Blumfeld betonen, dass es ihnen bei der Verwendung von deutscher Sprache nicht darum gehe, ihren Beitrag zur Nationalstolz-Debatte zu liefern. In der eigenen Sprache lassen sich Inhalte einfach unmittelbarer vermitteln, so lautet ihr Credo. Spätestens seit dem Erfolg von deutschem HipHop ist allen klar, dass man derzeit mit deutschen Texten in allen Popgenres leichter die A&R-Manager vom eigenen Potenzial überzeugen kann. Auch Acts wie 5 Sterne de Luxe und die Fantastischen Vier landen nicht in den Top Ten, weil sie HipHop neu erfinden, sondern weil die Kids ihre Songs leichter mitrappen können, als die der amerikanischen Rapkollegen.

Die Plattenfirmen ziehen mit und kaufen derzeit an deutschsprachigen Acts auf, was sie zu fassen kriegen. Niemand will den Trend verpassen, die Hysterie erinnert an die erste deutsche Welle, als es 1983 zur Überdosis kam, weil der Output der Industrie so hoch war, dass der Markt übersättigt reagierte.

"Durch den Charterfolg von Malaria! versuchen viele auf den Trend aufzuspringen. Derzeit sitzen in diversen Studios halbseidene Produzenten und jagen eiligst Deutschmüll durch die Vocoder," ahnt DJ Clé, "weil dieser Vorgang aber allgemein bekannt ist, wird er vorweggenommen und richtet keinen Schaden an."