Neue Alben: EMA, Beatsteaks, EA80, LCD Soundsystem - DER SPIEGEL
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Abgehört - neue Musik Wovon Amerikaner und Grunzochsen träumen

Der American Dream, einmal zum Wegdämmern, einmal zum Aufschrecken: Neue Alben von LCD Soundsystem und EMA. Außerdem: Radiopop-Safari mit den Beatsteaks und Untergrund-Exkurs mit EA80.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

LCD Soundsystem - "American Dream"
(Columbia/Sony, ab 1. September)

James Murphy hat eigentlich nichts mehr zu sagen. Sagt er zumindest selbst, in leicht weinerlichem Tonfall, der nach der Theatralik David Bowies klingen soll, es aber nicht tut, in "Change Yr Mind", dem vierten Song des neuen LCD-Soundsystem-Albums "American Dream". Seine Meinung geändert, das hat Murphy, indem er sein 2011 spektakulär zu Grabe getragenes Bandprojekt kurzerhand doch wiederbelebte und damit für Erstaunen und Unmut unter Fans und Pop-Kritikern sorgte.

Denn mit der dank Auflösungs-Ankündigung dann doch noch ausverkauften letzten LCD-Show im Madison Square Garden endete auch das Jahrzehnt, in dem New Yorker Rockmusik noch einmal zu Kräften gekommen war, mit den Strokes und Vampire Weekend, mit den Party-Rockern aus Manhattan und den vergrübelten Nerds aus Brooklyn. Und mit den hochgradig neurotischen, sich ständig selbst in Frage stellenden Dance-Punk-Hymnen von DFA-Records samt Hausband LCD Soundsystem. Aus, vorbei, Zeitgeist und Pop-Diskurs wandte sich anderen, diverseren, weiblicheren und weniger rockistischen Themen zu.

Murphy, heute 47, wollte damals kein Popstar mit Vierzig sein - und seine Band beerdigen, ehe sie ihm trotz Erfolgs-Zenit irrelevant vorgekommen wäre. "American Dream", ein brillant produziertes, knapp 70 Minuten langes Monster von einem Album, hinterlässt nun genau deswegen einen schalen Nachgeschmack. Denn mehr als den zuletzt verlorenen gegangenen Helden, Bowie und Leonard Cohen, Lou Reed und Prince, aber auch den pausierenden Talking Heads, hinterherzutrauern, fällt ihm leider bei aller Epik nicht ein. Ohne die jetzt schon nostalgische Erinnerung an den Effekt, den "Losing My Edge", "Daft Punk Is Playing At My House" "Us vs Them" oder "All My Friends" auf die Pop- und Dancemusik der Nullerjahre hatten, wäre "American Dream" eine recht langweilige, endlos repetitive und mäßig interessant nabelschauende Strapaze ohne Verankerung in der Gegenwart von Black Lives Matter, Trump und neuem Bürgerkrieg. Denn trotz des verheißungsvollen Titels gibt es auch keinen nennenswerte politische Komponente in Murphys neuen Stücken, von wenigen Ausnahmen wie "How Do You Sleep" abgesehen.

"Tonite" greift in der Mitte des Albums den dringlichen Sound der Vergangenheit wieder auf, ein großartiger Track, der die Nacht als intensivsten Moment feiert, aber eben auch als den vergänglichsten und ephemersten. Eine Zone, in der LCD Soundsystem damals wie heute am besten funktioniert. "We all know this is nothing/ This is nowhere", singt Murphy danach in "Call The Police", einer Hymne, die unangenehm an späte U2-Alben erinnert. Noch so eine Band, deren Gesten zunehmend größer und leerer geworden sind. (4.5) Andreas Borcholte

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Beatsteaks - "Yours"
(Warner, ab 1. September)

Bands sind eigentlich auch nur Firmen. Und die Beatsteaks sind ein sympathisches, deutschen Chartsrock-Unternehmen, das mal als Briefkastenfirma begann. "48/49" hieß ihre Adresse und ihr erstes Album vor genau 20 Jahren. Es war klein, holprig und Punk. Es folgten die Gründer-Garagen-Jahre zwischen Alternative und Punk Rock. Von Album zu Album wurden sie aufgeräumter, bis sie 2004 in ein schön aufgeräumtes Büro einzogen und sich Über- und Alles-Produzent Moses Schneider (Tocotronic, K.I.Z., Seeed, AnnenMayKantereit) als Produzenten holten.

Seit "Smack Smash" gehen all ihre Alben mindestens in die Top Twenty, die Jüngsten auf die Eins. Eine Single-Sammlung haben sie auch schon draußen. Was jetzt noch kommen soll, wissen sie auch nicht so genau. Und so ist das neue, "Yours", ein Album, wie ein nach allen Seiten abgesichertes Team-Building-Event für treue Mitarbeiter: 21 Lieder, da ist für jeden was dabei. Eine Safari durch 22 Jahre Firmengeschichte. Die zugehörigen Tiere sind im Booklet, ein tibetanischer Grunzochse ziert das Cover.

Aber so angenehm eine Safari auch ist, man sitzt halt nur im Auto, sagt: Ach, guck! "Break Down" ist ein bisschen Alternative, so wie damals. Kann man aber nicht so fühlen, wie damals, wahrscheinlich liegt das an den supersauber gewischten Sicherheitsglasscheiben, durch die man hört. Es folgt das obligatorische deutsche Lied "Abbadu", wie einst "Hey du". Dann geht das Radio an: Poprock, gerne mit Reagge-Infusion wie in "Filthy Crime" oder "L auf die Stirn", der aktuellen Single mit Deichkind.

Die Beatsteaks Inc. profitiert eben auch vom Synergieeffekt. In "Abbadu" singt Farin Urlaub mit, im kalifornischen Gedächtnis-Pop-Punk "You In Your Memories" Chad Price von Drag the River. Und in "Vélosolex" lässt man Stereo Totals Françoise Cactus fast ganz allein über ein Mofa singen. Und dann kommt auch das noch: Das "politische Lied" "Summertime" aus der Perspektive eines Geflüchteten.

Am besten lässt sich "Yours" wohl mit seinem Covertier beschreiben: Der tibetantische Grunzochse liefert Fleisch, Leder, Haar, Wolle und - das auch - ein bisschen Kot. (4.5) Julia Friese

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EMA - "Exile In The Outer Ring"
(City Slang/Universal, seit 25. August)

Der Ort größter Verzweiflung und Dunkelheit ist zugleich auch immer der Ort des größten Versprechens auf Hoffnung. Erika M. Anderson alias EMA, eine der bemerkenswertesten jungen US-Songwriterinnen und Musikerinnen, erforscht einen dieser Orte auf ihrem dritten Album, es ihre bisher beste Veröffentlichung. "The Outer Ring" nennt sie eine fiktive, aber leicht als amerikanisches Suburbia erkennbare Welt, in der die vom Reichtum und Immobilienwahnsinn vertriebenen Kreativen auf die sogenannten Abgehängten treffen - eine Welt, in der die verlorenen Träume der einen auf die Zukunftsvisionen der anderen treffen und in der sich die Zukunft der USA wohl oder übel entscheiden wird.

Es ist ein surreales Neverland of broken American Dreams: Immer wieder deuten langgezogene, elektronisch verzerrte Gitarrensehnsüchte in den weiten Himmel des Mittelwestens, ein postmodernes, aber ebenso mythisch umnebeltes Update von Robbie Robertsons Solo-Album mit "Showdown At Big Sky" und "American Roulette", das vor genau 30 Jahren in der Reagan-Ära erschien, als der "Rust Belt" schon nicht mehr nur rostete, sondern blutete.

"Exile In The Outer Ring" wird so zu einem atmosphärisch verrauschten, einlullenden "Heartland Rock"-Album, dessen Protagonisten bedröhnt durch öde Kulissen aus Tankstellen, Strip Malls und Shopping-Center fahren - nicht im Straßenkreuzer, sondern im schrottigen Kleinwagen, nicht high von Whiskey und Bier, sondern von LSD und anderen chemischen Substanzen, wie im sechsminütigen "Breathalyzer", das gleich zu Beginn des Albums eine Taubheit als Tonart setzt, die an den Zwangsjacken-Industrial früher Nine Inch Nails erinnert.

"I Wanna Destroy" wiederholt Anderson danach immer wieder mit ihrer brüchigen, heiseren Junkie-Stimme. Selbst aus dem ländlichen South Dakota stammend, habe sie einen kompletten, frustrierten Teenager-Rotzlöffel in sich, sagt sie. Und diese ständig kurz vorm Amoklauf und anderen Extremen stehende Testosteron-Zeitbombe, die im sloganhaft gefälligen "Aryan Nation" porträtiert wird, hält sie mit kühler, abgeklärter Weiblichkeit in Schach, in der erneut die Riot Grrrls der Neunziger Widerhall finden ("33 Nihilistic And Female"). Andersons Empathie mit denen, die vom City-Volk als dumpfe Hillbillys, Nationalisten und Trump-Anhänger geschmäht werden, ist berührend, ihr zwischen Angst und Wut hervorglänzender Optimismus zwingt zum Einfühlen. (7.9) Andreas Borcholte

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EA80 - "Definitiv: Ja!"
(Eigenvertrieb)

EA80 sind eine denkbar unwahrscheinliche Erscheinung. Seit 1979 realisiert die Band aus Mönchengladbach eine von den gängigen Traditionslinien weitgehend losgelöste Idee von Punk. Die Musik klingt dabei auf eine Weise immer gleich und doch, mit jeder Platte, die ohne großes Aufhebens veröffentlicht wird, so unmittelbar, als stünde man am Anfang. Joy Division werden Ende der Siebzigerjahre sehr wichtig gewesen sein für EA80. Heute gibt es - von zwei, drei Epigonen abgesehen - niemanden, der so klingt. Und es gibt nur wenige, die ohne rettende Meta-Ebene oder Ironie über wütende Verzweiflung singen und dabei nicht im Pathos versacken. "Mein Haus ist schwarz/ Und es steht allein/ Es hat keine Fenster/ Und es kommt niemand rein", hieß es programmatisch auf dem Debütalbum "Vorsicht Schreie" (1983). Noch zwingender klingt das Stück auf einer sanft übersteuerten Live-Aufnahme, mitgeschnitten in der damals noch besetzten Hamburger Hafenstraße, mit Gegröhle und Gläserklirren im Hintergrund.

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Es kommt niemand rein: Auf der Website von EA80 ist der Bandname zu finden und sonst nichts, Interviews gibt es nur wenige, weil man an Promotion nicht interessiert ist. Und die Musikpresse hat sich dann auch nur sehr peripher um EA80 gekümmert. Die Verweigerung ist in diesem Falle keine Geste, sondern ernst gemeint. Getourt wird auch nicht. Und trotzdem genügte es schon in Prä-Socia-Media-Zeiten, drei, vier DIN-A-4-Schwarzweißplakate in Kreuzberg aufzuhängen, um das "SO36" zu füllen.

Das erste Stück des neuen, je nach Zählweise zwölften oder dreizehnten Albums "Definitiv: Ja!" gibt die Richtung vor: "So hat dieser Schmerz sein eigenes Wort bekommen/ Einen Namen ganz für sich allein/ Und so hab ich Kontrolle über ihn gewonnen/ Und er wird nie wieder grausam zu mir sein". Liest sich holprig, klingt aber unmittelbar einleuchtend. Der Blick geht in der Musik von EA80 nur selten aufs genreüblich böse Außen: Die Welt ist hier immer zuallererst die Innenwelt eines Einzelnen, der etwas loswerden will, aber nicht so recht weiß, wie und wohin damit. Und dann fängt er an zu dichten und zu schreien. Die Stimme ist sonor und gemahnt an Ian Curtis, die Gitarren grummeln dringlich und entfachen, sobald sie losgelassen werden, befreienden Heidenlärm. "Definitiv: Ja!" hätte auch 1995 erscheinen können und klingt trotzdem nicht alt. Aber eben auch nicht neu. EA80 wirken heute genauso aus der Zeit gefallen wie vor zehn oder zwanzig Jahren. In dem unverwüstlichen Starrsinn ihrer Musik liegt viel Trost. (8.0) Benjamin Moldenhauer


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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