Abgehört Die wichtigste Musik der Woche
Chelsea Wolfe - "Abyss"
(Sargent House/Cargo, ab 7. August)
"I'm screaming, but I can't wake up", singt Chelsea Wolfe in "Simple Death", so ähnlich ging es mir neulich auch: Ich saß am Steuer eines Wagens, konnte aber weder meine Hände zum Lenkrad bewegen, noch irgendetwas durch die Windschutzscheibe sehen. Keine optimale Situation bei dem hohen Tempo. Ich fühlte leichte Panik aufwallen und entschied mich fürs Wachwerden, denn inzwischen war klar, dass ich mich in einem Traum befinden musste. Problem nur: Wachwerden klappte nicht.
Ich versuchte es mit willentlichem Herumdrehen auf die Seite, das ging ja schließlich im Fahrersitz schlecht. Dachte ich - und fühlte, wie der Anschnallgurt in die Haut an meinem Hals schnitt, als ich mich, vermeintlich im Bett liegend, herumwerfen wollte. Aber wie konnte das sein? Ich wusste doch bereits, dass ich träumte, wieso konnte ich mich denn nicht zum Aufwachen bringen? Es ging dann irgendwie, mit aller verfügbaren Konzentration und Willensanstrengung. AUF-WA-CHEN!
Wie ein Apnoe-Taucher aus finsterster Tiefe arbeitete sich mein Geist an die Oberfläche hervor, bis ich schließlich - nicht im Bett, sondern auf dem Sofa sitzend, wo ich beim Fernsehen eingenickt war - aus meinem Albtraum des Kontrollverlusts erwachte. Den Abgrund des Unterbewusstseins nannte C.G. Jung diese dunkle Tiefe, aus der ich so mühevoll aufgetaucht war. Auf Englisch: Abyss.
Chelsea Wolfe, Kaliforniens bekannteste Düsterfrau, leidet nach eigener Aussage an heftigen Schlafstörungen. Zeitweise wacht sie in den frühen Morgenstunden auf und sieht Phantome durch ihr Zimmer schweben. Sagt sie. Dem irritierenden Zustand zwischen Schlaf und Wachen, wenn man ganz nah am Abgrund steht und die Dämonen der eigenen Psyche ihre kalten Finger nach dir ausstrecken, diesem Trance-Zustand hat Wolfe ihr fünftes Album gewidmet. Es ist, ich sage das mit aller Empathie des Problemschläfers, gleichzeitig ihr bisher bestes.
Schon immer balancierte das bleiche, stark tätowierte Wesen aus Sacramento zwischen Drone- und Doom-Metal skandinavischer Machart, Industrial-Noise und Gothic-Folk. Das, zusammen mit frühen Auftritten, die sie aus lauter Lampenfieber nur mit schwarzem Schleier vorm Gesicht überstand, brachte ihr den Ruf einer sinnlichen Schamanin ein, einer somnambul-sinnlichen Schmerzensfrau im Genre der zerquälten Machos Trent Reznor und Michael Gira. Die Erkundung der eigenen Schlafprobleme gibt ihren Ergüssen nun die nötige Klammer, ästhetisch geschlossener, konzentrierter, ja, unheimlicher und dringlicher klangen ihre Songs nie.
Der Opener "Carrion Flowers" schiebt das Album mit geisterhaften Chorstimmen und mächtigen, verzerrten Bassgitarrentönen an den Rand des Wahnsinns. Neblige, apokalyptische Landschaften voller Leichenteile und Verwesung tun sich auf, darüber leuchtet fahl ein "Iron Moon", und aus bodenlosen Gräbern kriechen untote Gedanken: Verdrängtes und Unbewältigtes. Nackt und bloß steht Wolfes Seele vor diesem "Maw", dem Schlund ihres Unterbewusstseins, "dragged out".
So richtig loslassen kann sie aber dann doch nicht, zu sehr bleibt das Album trotz Sound-Verstörung und Geräusche-Terror den klaren Songstrukturen verhaftet, bis hin zu banal-klassischen Balladen wie "Grey Days", "Crazy Love" oder "Simple Death", die nicht weit von Emo-Bombastikern wie, sagen wir, Evanescence entfernt sind.
Gut gestanden hätten ihr stattdessen einige gesangslose Noise- oder Drone-Flächen über zehn, fünfzehn Minuten, mit denen Swans oder Prurient ihre verheerten Seelenzustände illustrieren. So bleibt Wolfe, bei aller schrecklich-schönen Brillanz, Radikalität und allem Horror, stets im Rahmen - und man darf am Ende aus dem Limbo liminaler Zustände dankbar erwachen. (7.6) Andreas Borcholte
Titus Andronicus - "The Most Lamentable Tragedy"
(Merge/Cargo, ab 7. August)
Punk ist nicht tot. Er riecht nur seltsam parfümiert, wie er da mit Speed in den Synapsen und schwitzenden Händen auf dem Lenkrad eines alten Datsun durch New Jersey röhrt. Aus den Boxen bollert "Zen Arcade" von Hüsker Dü, im Handschuhfach liegen ausgeleierte Tapes von den Pogues und Daniel Johnston. Auf dem Beifahrersitz zerlesene Taschenbücher, "Der Zauberberg" von Thomas Mann und "Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik" von Friedrich Nietzsche, im Fußraum verstreut alle Episoden von "Seinfeld" auf DVD. Wer dicht genug auffährt, kann den Aufkleber am Heck erkennen: "Ich bremse auch für Progger".
Das Quintett um den grimmigen Vollbart Patrick Stickles nennt sich nicht nur nach einem Blutbad von William Shakespeare. Es macht auch sonst keinen Hehl aus seiner soliden Verankerung im Bildungsbürgertum. "The Most Lamentable Tragedy" ist, nach dem Bürgerkriegsepos "The Monitor" von 2010, schon das zweite Konzeptalbum der Punkrocker. Wobei "Konzeptalbum" und "Punkrock" längst kein Widerspruch mehr ist. Siehe Green Day, siehe Fucked Up.
2015 ist nicht mehr der hingerotzte Zweiminüter die Provokation, sondern das von Referenzgewittern begleitete Dreifach-Album mit 29 Songs in fünf Akten. Nur hingerotzt muss es sein, der Wut wegen. Die kommt direkt aus Stickles' Bauch und kreist, stellvertretend für die ganze Generation, um dessen Nabel. Den Zumutungen der Wirklichkeit spuckt er ein beherztes "I'm awake, but I don't wanna get outta bed!" vor die Füße.
Problematisiert wird von Gender ("(S)He Said / (S)He Said") bis zu jugendlicher Perspektivlosigkeit so ziemlich alles, was problematisiert und in einen mitbrüllbaren Chorus gepackt werden kann. Ohne Sekundärliteratur freilich bleibt das Libretto ein ergiebiges Rätsel. So soll's sein, hier waltet angenehmer Größenwahn. Zumal Stickles, von Depressionen geplagt, seine Arbeit verdammt ernst nimmt. Ihm geht es um nichts weniger als Katharsis.
Musikalisch bleibt das bis auf wenige Ausfallschritte ernüchternd konventionell. Radikal ist hier nur die Form. Titel beziehen sich aufeinander oder sollen als Fortsetzung älterer Songs gehört werden, bisweilen sind gleich mehrere knackige Punksongs zu epischen Neunminütern zusammengebacken. "Intermission" gar ist eine Pause von über sieben Minuten, die man zum Nachdenken über die verschiedenen Metaebenen nutzen kann. Oder auch nur zum Luftholen. Denn das Tempo ist enorm, mit dem es hier quer durch die Gerümpelkammer der Rockgeschichte geht.
Nicht gecovert, aber mindestens nachempfunden werden die ungestümeren Werke von Stiff Little Fingers, Boomtown Rats, Rolling Stones, Bruce Springsteen und Titus Andronicus selbst. In ihren rabiateren Momenten spielt die Musik ins Territorium von Future Of The Left, in ihren progressiveren Augenblicken geht's unter Führung der Streicher von Owen Pallett in Richtung ... And You Will Know Us By The Trail Of Dead.
Auf Dauer von anderthalb Stunden ist diese "höchst beklagenswerte Tragödie" allerdings ein wenig ermüdend, trotz oder wegen ihres Jukebox-Charakters. Die Riesen, auf deren Schultern dieses Album eigentlich stehen sollte, liegen gefesselt und geknebelt im Kofferraum. (6.5) Arno Frank
Lianne La Havas - "Blood"
(Warner, seit 31. Juli)
Für einen Song wie "Green & Gold" muss man Lianne La Havas einfach lieben: Mit beeindruckender, sehr plastischer Erzählkraft beschreibt sie, wie sie Jamaika, die Heimat ihrer Mutter, als Kind und nun, später, als Erwachsene erlebt: "I'm looking at life unfold/ Dreamin' of the Green & Gold/ Just like the ancient stone".
Die Dub-Elemente, die so ein Song natürlich braucht, sind hier so dezent, dass man sie fast überhören könnte, trotzdem stellt sich sofort ein sanftes karibisches Flair ein, das perfekt zur ebenso zarten, immer kurz vor kraftvollen Stimme La Havas' passt. Diese delikate Balance gelingt auch dank Co-Songwriter Jamie Lidell, der es auch auf seinen eigenen Alben versteht, protzigsten Funk ins Verhuschte umzudeuten.
Leider bewies La Havas auf ihrem grundweg soliden zweiten Album nicht immer eine so glückliche Hand bei der Wahl ihrer Mitschreiber. Warum die begabte Britin, einst von der BBC als "Sound of 2012" geadelt und für den Mercury Prize nominiert, nicht längst alleine schreibt, ist ohnehin ein Rätsel. Die meisten Songs auf "Blood" schrieb sie gemeinsam mit ihrem Kumpel Matt Hales, der als Aqualung niedliche Folkpop-Lieder verfasst und singt. Die sind meistens nichts Besonderes, und so krankt auch "Blood" daran, dass die Songs der Sängerin nicht standhalten, sie ins Reich des radiotauglich Banalen hinunterziehen.
Ausnahmen, abgesehen von "Green & Gold", gibt es zum Glück noch mehr: "Wonderful" ist die bisher wohl schönste, intimste La-Havas-Ballade der zwischen Folk und Soul oszillierenden Sängerin. Ohnehin drehen sich die Songs des Albums thematisch um Abschiede und die Erholung von bitterster Liebesenttäuschung. In "Tokyo" beschreibt sie über einem großartigen Pop-Hook das Gefühl, den Verflossenen in einem fremden Land zurückzulassen. Gefühle im Transit.
Lianne La Havas, das zeigt "Blood" sehr anschaulich, ist eine dem klassischen Songwriting verschriebene Sängerin, mit den Elektro-Experimenten von Kollegen wie FKA Twigs oder Banks kann oder will sie nicht mithalten; im Gegenteil. Wenn sie und ihre Produzenten einen solchen Genre-Crossover versuchen, wie in "Never Get Enough", geht das gründlich schief. Bleibt das Versprechen auf ein emanzipiertes drittes Album. (6.0) Andreas Borcholte
Mac DeMarco - "Another One"
(Captured Tracks/Cargo, ab 7. August)
Ein bisschen was von einem Politiker steckt eben doch in Mac DeMarco. Macbriare Samuel Lanyon "Mac" DeMarcos Urgroßvater war nämlich Vernor Smith, einst Minister für Eisenbahn und Telefonwesen in Kanadas Provinz Alberta. Sein Urenkel lebt inzwischen in einer Doppelhaushälfte in Far Rockaway, Queens, aber nicht, wie er unlängst betonte, mit Blick auf den Atlantikstrand, sondern auf die weitaus weniger glamouröse Bay, von wo aus man den Großflughafen JFK sehen kann und den Fluglärm recht deutlich hört.
Sein neues Mini-Album veröffentlichte der in Alternative-Kreisen überaus beliebte, weil volksnahe Bedroom-Musiker zunächst als Instrumental-Version "Some Other Ones" und lud Fans in die City zum Barbecue, wobei jeder Gast etwas für eine Armentafel spenden musste.
Aber auch sonst kann jeder gerne mal auf einen Kaffee vorbeikommen, wenn er Lust hat, DeMarco in seinem Häuschen am Wasser zu besuchen. Die Adresse, 6802 Bayfield Avenue, Arverne NY, liefert er am Ende des schrägen Plätscher-Plätscher-Instrumentals "My House By The Water" gleich selbst mit.
Auch mit seinen Songs kann sich jeder sofort identifizieren. Auf "Another One" nimmt DeMarco die klassische Rolle des unglücklich Verliebten ein, der sich ausmalt, wie gut er für die Angebetete wäre, würde sie ihn nur wahrnehmen ("The Way You'd Love Her"). Oder er imaginiert sich als leidender, unterlegener Part in einer Ménage à trois ("Another One"), schwärmt aus der Ferne von ihrer Einzigartigkeit ("I've Been Waiting For Her") und suhlt sich in den seelischen Blessuren, wenn er mal wieder abgeblitzt ist ("Just To Put Me Down").
Besonders letzteres Lied sticht aus den daheim am Vierspur-Rekorder mit Gitarre und Keyboard aufgenommenen Kompositionen heraus, denn DeMarco, ohnehin kein Freund allzu starrer Song-Konstruktionen, verzichtet hier auf jegliche Struktur: Das Körbe-Kriegen wird, auf einem beschwingten Gitarren-Lick balancierend, einfach ins Unendliche wiederholt, im Grateful-Dead-Stil, wie DeMarco sagt. Das ermögliche ihm, das Stück live in eine Gitarrensolo-Jam ausufern zu lassen, was auf "Another One" nur zaghaft angedeutet wird.
Ein Hippie ist DeMarco aber nur im Herzen, denn in Videos tritt er gerne mal als Michael-Jackson-Double auf, Tanz-Moves inklusive, oder nennt die Ballade "A Heart Like Hers" seinen Versuch, einen funky R&B-Song zu schreiben. Klingt natürlich trotzdem wie diese typisch krude Mischung aus Steely Dan und sediertem Ben Folds, die der Exil-Kanadier zu seinem Markenzeichen gemacht hat. Strandmusik für Melancholiker. (7.5) Andreas Borcholte
Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)