Neue Elvis-DVDs: Comeback eines Königs - DER SPIEGEL
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Neue Elvis-DVDs Comeback eines Königs

1968 kehrte Elvis Presley in einem legendären TV-Special auf die Bühne zurück - ein charmanter, viriler "King" auf der Höhe seines Erfolgs. Fünf Jahre später - beim protzigen "Aloha from Hawaii"- Konzert - bot er bereits ein Bild des Verfalls. Beide Meilensteine der Elvis-Historie sind nun auf DVD neu veröffentlicht worden.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es gab einmal eine Zeit, da hatte man Elvis schon abgeschrieben. Nicht so wie heute, da die regelmäßigen Alt- und Neuverwertungen seiner größten Hits sogar bis in die Top Ten der Popcharts vorstoßen. Damals, Mitte der sechziger Jahre, interessierte sich kaum noch jemand für den "King". Presley, saturiert im Strandhaus lebend und frisch mit Priscilla verheiratet, war nur noch eine Figur vergangenen Glamours, längst nicht mehr das Rock'n'Roll-Idol, lange schon kein Star zum Anfassen mehr.

Symptomatisch, dass Elvis in den Sechzigern nur noch auf der fernen Kinoleinwand präsent war, in harmlosen Unterhaltungsfilmen Filmen wie "Blue Hawaii", "Viva Las Vegas" oder "Fun in Acapulco". Insgesamt 24 Filme drehte er zwischen 1960 und 1968 - ein Produkt der Hollywood-Maschinerie, eine Lizenz zum Geld drucken.

Die Jugend hatte sich derweil anderen Idolen zugewandt. Rolling Stones, Beatles, Doors und Jimi Hendrix hießen die coolen Newcomer, die 1967 den kurzen, aber revolutionären Summer of Love einleiteten, nach dem nichts mehr so war, wie vorher. Ein Jahr danach, als die Blumenkinder langsam welk wurden und die Hippies nüchtern, als Martin Luther King und Robert Kennedy Attentaten zum Opfer fielen, plante Elvis seine Rückkehr auf die Bühne. Erstmals wollte sich der "King" in einem Fernsehspecial präsentieren. Die knapp einstündige NBC-Sendung "Elvis", heute zumeist "68 Comeback Special" genannt, wurde am 3. Dezember 1968 ausgestrahlt und bescherte dem Netzwerk eine sagenhafte Einschaltquote von 42 Prozent aller Zuschauer in den USA.

Elvis, schreibt der Rock-Journalist Greil Marcus, erreichte zwei Dinge mit seinem Fernseh-Auftritt: Er rettete seine dahin siechende Karriere - und machte die beste Musik seines Lebens.

Das Konzept der Show war simpel: Elvis pur wollten die Produzenten Steve Binder und Joe Esposito in der Vorweihnachtszeit bieten. Ein intimes Live-Konzert im Sitzen, eines im Stehen, dazu mehrere, thematisch an dem Motiv eines fahrenden "Guitar Man" orientierte Show-Einlagen mit Komparsen und Bühnenkulisse. An einem Wochenende im Juni machte Presley die Aufnahmen für die Live-vor-Publikum-Teile des Specials, die als "Sit Down"- und "Stand Up"-Shows in die Historie eingingen.

Zusammen mit alten Weggefährten wie DJ Fontana und Scotty Moore hockte Elvis in lockerer Runde, um die Musiker herum saß auf Kissen drapiert das Publikum - eine familiäre Atmosphäre, die nach sieben Jahren Bühnenabstinenz eine unmittelbare Nähe zwischen Superstar und Fans schuf. Der King hautnah.

Das komplette TV-Special (inklusive des damals wegen Sponsoren-Veto gekappten "Bordell"-Showteils) ist nun erstmals auf DVD erhältlich, garniert mit jedem Schnipsel Film- und Videomaterial des "Comeback Specials", das im Archiv aufzutreiben war.

Die Anspannung ist dem "King" anzumerken. Peter Guralnick beschreibt in seinem Buch "Careless Love", wie Binder und Esposito Elvis vor der ersten "Sit Down"-Show nur mit Mühe beruhigen konnten. Die Aussicht, nach so vielen Jahren wieder vor ein echtes Publikum zu treten, bescherte dem Superstar Lampenfieber in bisher unbekanntem Ausmaß.

Verlegen, fast schüchtern hockt er auf seinem Stuhl, zögert, mit der Musik anzufangen, macht lieber Scherze wie "Dies ist als eher informeller Teil der Show gedacht... in dem wir ohnmächtig werden oder einfach tun, was wir wollen. Ganz besonders ich". Dabei deutet er an, vom Hocker zu kippen, ein jungenhaftes Lächeln auf den Lippen. Elvis, noch besser ist es in der "Stand Up"-Show zu sehen, sieht blendend aus in diesem Comeback-Special: Verpackt in hautenges Leder, die schwarzen Haare kaum zur Markenzeichentolle gebändigt, das Mienenspiel schwankend zwischen Schelmentum und Machismo.

Erst als er endlich - nach zahlreichen Präliminarien und Geplämkeln mit der Band ("Sind wir im Fernsehen?") in ein Medley seiner größten Hits verfällt, legt sich seine Anspannung. Klassiker "That's All Right", "Heartbreak Hotel" und "Blue Suede Shoes" werden neu interpretiert, und Elvis verleiht den abgegriffenen Gassenhauern nicht nur neuen Glanz, sondern auch eine urtümliche Schroffheit, die sein Image als glatter Hollywood-Millionär im Handumdrehen zunichte macht. Lasziv, humorvoll, bescheiden, sexy und sympathisch - so kraftvoll hatte man den King seit Jahren nicht gesehen.

Die Amerikaner, egal, ob weiß, schwarz, jung oder alt, hatten sich vor dem Fernseher versammelt, um sich in den Zeiten der politischen und gesellschaftlichen Veränderung eine Orientierung zu holen. Elvis als Konstante, als Generationen übergreifender Generalkonsens einer von Attentaten und Vietnamkrieg verunsicherten Nation. Die bange Frage war nur: War er noch der Alte? Nach Ausstrahlung des "Comeback Specials" war die Antwort klar: Elvis, damals 33 Jahre alt, schien sogar noch besser zu sein als je zuvor in seiner Karriere.

Erstmals ließ sich der King sogar zu einem politischen Statement hinreißen: Nach dem Willen seines Managers Colonel Tom Parker sollte Elvis zum Abschluss des Specials eigentlich "I'll Be Home For Christmas" singen, um das Fernsehpublikum auf die Weihnachtszeit einzustimmen.

Doch Binder und Co-Produzent Bones Howe hatten etwas Wagemutigeres im Sinn. Sie brachten den Songwriter Walter Earl Brown dazu, die Hymne "If I Can Dream" zu schreiben und legten sie Elvis vor. Laut Guralnick musste Brown seinen Song sechsmal vorspielen, bevor Elvis sich bereit erklärte, ihn zu singen. Im Zuge der Kennedy- und King-Attentate ließ sich der Text von "If I Can Dream" als Gebet für Frieden und Verständigung lesen: "There must be peace and understanding sometime/ Strong winds of promise that will blow away/ All the doubt and fear". Für Elvis, der in den Fünfzigern allenfalls durch seinen lasziven Hüftschwung für gesellschaftspolitische Diskussionen gesorgte hatte, ein Quantensprung.

Das Publikum dankte ihm seine Rückkehr mit reichlich Liebe. Beflügelt durch die warmherzige Resonanz auf das "Comeback Special", verkürzte Elvis seine Verträge mit Hollywood, um in den Folgejahren ausgiebig auf Tournee zu gehen. Der King als Live-Performer war wiedergeboren und feierte bis 1975 die kommerziell erfolgreichste Phase seiner Karriere. Musikalisch erfand er sich in den frühen Siebzigern neu mit einer Mischung aus Country, Gospel und Rhythm & Blues, die Chart-Hits wie "Burning Love" hervorbrachte.

Doch der intime Charme des feurigen Comeback-Kids löste sich schnell in den prunkvollen Glamour-Shows auf, die Elvis Anfang der Siebziger vorrangig in Las Vegas zelebrierte. Der neuerliche Ruhm, vielleicht auch die anhaltende Unsicherheit, machten dem Superstar zunehmend zu schaffen. Hinzu kamen Depressionen, Fress- und Tablettensucht, die den "King" auch sichtbar verfallen ließen.

Das eindrucksvollste Dokument dieses langsamen und megalomanischen Niedergangs ist nun ebenfalls in einer opulent ausgestatteten Version auf DVD veröffentlicht worden: Das "Aloha from Hawaii"-Konzert fand am 14. Januar 1973 in der hawaiianischen Hauptstadt Honolulu statt und gilt heute als erste global-simultane Medienunternehmung. Per Satellit wurde die Best-of-Revue des Kings live nach Australien, Südkorea, Japan, Thailand, Südvietnam und in die Philippinen übertragen. Europa hatte auf die teuren Live-Rechte verzichtet und strahlte das Konzert mit einigen Tagen Verzögerung aus. Die Amerikaner mussten sogar bis zum 4. April warten, um eine gekürzte und mit zahlreichen Pausen-Inserts versehene Version des Events sehen zu können. Dennoch verzeichnete NBC eine Einschaltquote von 51 Prozent. Insgesamt wurde "Aloha From Hawaii" in 40 Ländern ausgestrahlt und von weltweit 1,5 Milliarden Menschen gesehen.

Auch wenn allein das Zahlenwerk beeindruckt und Musik-Kritiker dem King mit "Aloha" einen seiner besten Live-Auftritte und musikalischen Höhepunkte attestierten, so ist doch - zumal im Vergleich mit dem "Comeback Special" - nicht zu übersehen, was die Jahre zwischen 1968 und 1973 rein physisch mit Presley angerichtet hatten: Aufgedunsen, unkonzentriert, fahrig und vor Anstrengung schwitzend scheint sich Elvis durch seinen Auftritt zu kämpfen. Von der Energie, dem Charisma und der Kraft, mit der er fünf Jahre zuvor eine so glanzvolle Rückkehr gefeiert hatte, war hier kaum noch etwas zu spüren.

Presley hatte die Kontrolle verloren, war nun endgültig in die Mühlen der Entertainment-Industrie geraten, zum Spielball seines gierigen Managers geworden, zum Ausstellungsstück der Glitzer- und Glamourwelt von Las Vegas. Ein weiteres "Comeback Special" war dem King nicht vergönnt. Kaum zehn Jahre nach seiner fulminanten Rückkehr, am 16. August 1977, stirbt Elvis von der Welt entfremdet in seiner plüschigen Zuflucht Graceland. Vielleicht war die Welt zu kompliziert für ihn geworden. Noch im selben Jahr übernahmen in New York die zynischen Punks das Ruder der Popmusik.


Elvis: "'68 Comeback Special" (3 DVDs) und "Elvis: Aloha From Hawaii" (2 DVDs) sind am 21. Juni bei BMG erschienen