Nik Kershaw: Ein leises Staunen bleibt - DER SPIEGEL
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Nik Kershaw Ein leises Staunen bleibt

Man glaubt es kaum: Popstars können erwachsen werden, und manchen hört man das sogar an - zum Beispiel dem Achtziger-Jahre-Star Nik Kershaw.
Von Stefan Krulle
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der geneigte Popfan ist Revivals abgetakelter Stars und Trends ja schon seit langem gewohnt – und meistens auch leid. Als nun ein Album mit dem erst einmal völlig unverfänglichen Titel "To Be Frank" in der Post lag, wir als Interpreten aber alsbald einen gewissen Nik Kershaw ausmachten, wandelte sich die Furcht vor einem Revival der achtziger Jahre schnell zur Gewissheit, diesem bevorstehenden Unheil die Stirn bieten zu müssen.

Doch zwei Wochen später rotierten jene elf überwiegend schönen Songs immer noch im Player. Inzwischen hatte zwar Mister Kershaw auch charmant Gelegenheit gegeben, seine unerwarteten Taten im Interview zu erläutern, aber trotzdem: Ein leises Staunen blieb. Genauso wie nach dem Besuch des letzten Cure-Konzertes, welches schon vor seinem Beginn vorverurteilt war und nach seinem Ende dennoch zum Erlebnis der angenehmen Art erklärt werden musste. Was ist denn nur mit all den verhassten Stars der ach so oberflächlichen, dumm-glamourösen Eighties geschehen? Die Antwort ist einfach: Die Jungs sind schlicht erwachsen geworden. Bis auf Erasure vielleicht.

Aber Kershaw, mittlerweile 43-jährig, auf jeden Fall. 1989 hatte er seine Karriere, die mit den Alben "Human Racing" und The Riddle" vor 17 Jahren fulminant begonnen hatte, mehr oder minder unbemerkt beendet - und war ins Lager der Produzenten und Songwriter gewechselt. "Wer mir damals prophezeit hätte, ich würde jemals wieder als Sänger ein Studio betreten", grinst Kershaw heute, "den hätte ich für verrückt erklärt." Doch die Klientel "nicht selten unbegabter" Sänger, denen Kershaw nun seine Songs liefern musste, trieb den sensiblen Briten an den Rand der Verzweiflung. "Ich war das Stiefelküssen irgendwann einfach leid, zumal es kaum eine meiner Arbeiten bis ans Licht der Öffentlichkeit schaffte"

Als die Frustration am größten war, traf Kershaw Gary Barlow, der damals gerade bei Take That den Dienst quittiert hatte. "Der schwärmte von seinem Glück, jetzt nur noch produzieren und schreiben zu dürfen. Aber drei Wochen später war er schon wieder auf der Suche nach einem neuen Plattenvertrag. Da fragte ich mich, wieso dieser Prozess bei mir zwölf Jahre gedauert hatte."

Glücklicherweise waren seine besten Songs sowieso in die Privatschatulle gewandert, "was ich natürlich keinem Schwein erzählt habe. Heute kann es jeder wissen, und ich gestehe ja noch weit mehr: Dieses Album ist für mich ein Ego-Trip. Und ich wollte auch um jeden Preis wieder von einer Bühne in die Gesichter von Fans blicken dürfen, egal, ob es nun 30 oder 30.000 sind." Das musste, hat man das Gefühl, wohl unbedingt mal gesagt werden.

Als Teil des Eighties-Revivals sieht sich Nik Kershaw übrigens keinesfalls. "Damals hatte doch keiner der Musiker auch nur einen Funken Sinn für Humor. Die nahmen sich alle unglaublich ernst, und ich nahm mich, glaube ich, noch ein bisschen ernster." Was zu seinem Glück - und dem unseren sowieso - Vergangenheit ist. Sollten auch die nächsten Produkte der Helden von vor zwanzig Jahren ausfallen wie "To Be Frank" von Nik Kershaw, dann kann das Eighties-Revival unseretwegen kommen. Dann freuen wir uns sogar ein wenig darauf.

Nik Kershaw: "To Be Frank" (Eagle Rock/Edel), veröffentlicht am 28. Mai 2001