Paula: "Wir stehen auf Euro-Dance" - DER SPIEGEL
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Paula "Wir stehen auf Euro-Dance"

Eigenwillig und weltoffen: Das Berliner Duo Paula setzt sich mit seinem Album "Himmelfahrt" über das problematische Verhältnis der Deutschen zur Popmusik hinweg.
Von Jürgen Ziemer
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Deutschen haben ein Problem mit Popmusik: Überfordert von den vielen Widersprüchen und Ungereimtheiten, die sich hinter den drei Buchstaben POP verbergen, teilen sie das komplizierte Geflecht der kulturellen Querverbindungen einfach in Gut und Böse. Feuilleton versus Charts. Kopf gegen Bauch. Einstürzende Neubauten schlägt Scooter. Wer Erfolg hat, sollte sich zumindest zum übermäßigen Genuss von Cannabis bekennen, um von dem Vorwurf des künstlerischen Ausverkaufs verschont zu bleiben.

Wie erfrischend weltoffen ist dagegen das Berliner Duo Paula: Elke Brauweiler und Berend Intelmann haben sich 1997 bei einem Konzert der Pet Shop Boys kennen und lieben gelernt. Seitdem machen die beiden eine Musik, die voller Widersprüche steckt, in der sich Schlager- und NDW-Elemente ebenso finden, wie Gitarren-Pop, Electro-Funk und House. Und noch bevor man sie nach der exzellenten Musik ihres soeben erschienen Debütalbums "Himmelfahrt" fragt, bekennen sich die beiden Multiinstrumentalisten zum Unberührbarsten aller Pop-Stile: "Wir stehen auf Euro-Dance", behauptet Elke Brauweiler, die mit ihrer hohen Barbiestimme allerdings eher an die Schwulen-Ikone Marianne Rosenberg erinnert als an Mark Oh.

Begonnen haben Paula - der Name war ursprünglich für ein gemeinsames Kind gedacht - im tiefsten Underground der Berliner Szene. Ein Freund von Berend, er nennt sich Joe Tabu, veranstaltete damals in seinem Wohnzimmer regelmäßig Konzerte als Statement gegen die Gleichgültigkeit und Langeweile in den etablierten Clubs. Neben Bands wie Quarks, Mina oder Barbara Morgenstern, spielten dort auch Elke und Berend mit akustischer Gitarre und einem Kinder-Keyboard. "Der Erker von Joe Tabus Wohnung war die Bühne", erinnert sich Berend, "schon beim dritten Mal war es total voll, und kurze Zeit später kam sogar MTV mit einem Kamerateam und die Stadtzeitschriften schwärmten begeistert von der 'neuen Wohnzimmerszene'. Da war allen Beteiligten klar, dass es an der Zeit war, das Projekt zu beenden."

Mit dem Album "Himmelfahrt" und den Singles "Als es passierte" und "Jimmy" scheinen Paula nun auf der Suche nach dem großen Pop, dem mondänen Glamour und dem kommerziellen Erfolg. Doch der Schein trügt. "Die Platte ist superbillig produziert, das meiste haben wir in unserem Proberaum aufgenommen", sagt Berend. Auch Live-Auftritte von Paula finden noch immer überwiegend in Szene-Clubs statt, wie dem Berliner "Bastard". Trotzdem läuft "Als es passierte" bei vielen Radiosendern im 20-Minuten-Takt. "Viele Leute sehen Paula als Gute-Laune-Band, dabei sind die Texte eher ambivalent und meist autobiografisch", findet Elke.

Paula nehmen Missverständnisse in Kauf, weil sie wissen, dass man guten Pop nicht einfach mit populär übersetzen kann. Weil hinter den pumpenden Dancebeats und den detailverliebten Arrangements immer Songs stecken, die persönlich sind und etwas über das Leben verraten. Paula haben die Mauer zwischen Gut und Böse einfach ignoriert und das vielleicht schönste deutsche Popalbum dieses Jahres aufgenommen.

Paula: "Himmelfahrt" (Marina Records/Orbit/Virgin), veröffentlicht am 10. Juli 2000.