Springsteen-Biografie: Ein Eigenbrötler, der Hits zu verschenken hat
Springsteen-Biografie Wer ist hier der Boss?
Zum "Boss" wurde Bruce Springsteen beim Monopoly. Anfang der siebziger Jahre, als Springsteen noch eine kleine Nummer in New Jersey war, traf er sich mit seinen Spezis regelmäßig zu ausgedehnten Monopoly-Nächten. Um das gute alte Brettspiel etwas aufregender zu machen, modifizierten sie die Regeln, so dass zum Beispiel Bestechungen der Mitspieler üblich waren. Springsteens Spezialität bestand in der Kunst, seinen Mitspielern einzureden, warum sie seinen Vorschlägen folgen sollten, in Kombination mit Bestechungen durch Schokokuchen und Pepsi-Cola. So gewann er so viele Monopoly-Runden, bis er sich eines Nachts selber zum "Boss" krönte, der er bis heute geblieben ist.
Bestechen muss Springsteen schon ewig niemanden mehr, aber sein Ehrgeiz ist ungebrochen. Wahrscheinlich wäre er empört, wenn die Groß-Konzerte seiner aktuellen Tour (die ihn in den kommenden Tagen auch nach Deutschland führt) nicht rappelvoll wären. Aber es passt auch zu Springsteen, dass die nun auch hierzulande veröffentlichten Biografie mit dem schlichten Titel "Bruce" dier erste über ihn ist, der er seinen Segen gab, obwohl er da nicht immer vorteilhaft ausgeleuchtet wird. Der Autor Peter Ames Carlin liefert keine Hofberichterstattung, sondern das aufwendige Porträt eines komplexen, hochbegabten, schwierigen und letztlich unnahbaren Künstlers. Der Boss ließ sich für das umfangreiche Werk, dem auch die Monopoly-Anekdote entnommen ist, ausgiebig befragen.
Die Musik als Rettung vor einem Dasein als Fabrikarbeiter
Für sein Buch über den ehrgeizigen Eigenbrötler aus dem tristen Kaff Freehold, New Jersey, sprach der Autor außerdem wohl mit so gut wie allen Menschen, denen Springsteen in den vergangenen Jahrzehnten mal die Hand gereicht hat. Es erinnern sich Verwandte, Schulfreunde, Mitmusiker und Ex-Freundinnen an einen charmanten Egozentriker, der nicht so desillusioniert enden wollte wie sein Vater und wusste, dass seine Rettung vor einem Leben als Fabrikarbeiter nur die Musik ist. Ebenso klar war ihm, dass er sich eigentlich nur auf einen einzigen Menschen im Leben verlassen konnte: sich selber.
Bruce Springsteen erkannte früh, dass Begabung allein keine Garantie für Erfolg ist. Seine ersten Alben - als er noch als "Neuer Dylan" beworben wurde - fanden kaum Käufer, und als der Erfolg dann doch noch kam ("Born to Run"), legte ein Zank mit dem alten Manager für lange Zeit Springsteens Karriere lahm.
Der Boss setzt sich auf die billigen Plätze
Der Boss ging seinen Job immer auffällig kompromisslos an. Musiker, die seinen Anweisungen nicht folgten, wurden schon mal fristlos vor die Tür gesetzt. Mit ebenso viel Hingabe ging er seine Musik an. Es ist bekannt, dass er sich vor Stadion-Auftritten gern mal auf die sogenannten "schlechten Plätze" setzt, um sicherzustellen, dass der Klang auch dort gut ist. Auch die Qualität der Unmengen von Songs, die Springsteen aus allerlei Gründen ungenutzt ließ, ist oft atemberaubend. Einen Klassiker wie "Because the Night" reichte er an Patti Smith weiter, weil ihm damals gerade nicht der Sinn nach Liebesliedern stand.
Carlins Buch bietet viele unterhaltsame Springsteen-Legenden und Anekdoten. So wie die von der Nacht, als er eine seiner Exfreundinnen ganz vorne im Publikum einer Stadionshow ausmachte, auf die Bühne holen ließ, dem Publikum vorstellte und sie dann von den Sicherheitsleuten rauswerfen ließ.
Aber der zeitweilige Choleriker Springsteen ist ebenso die Galionsfigur eines "anderen" Amerika. Ein Superstar, der, wenn man seinen Texten glaubt, mit einem besonderen Bewusstsein für die sozialen Ungerechtigkeiten des Lebens gesegnet zu sein scheint. Einer, zu dem viele seiner Verehrer als moralische Instanz aufsehen. Und Springsteen ist nicht käuflich. Viele seiner Kollegen, so wie die Rolling Stones, Paul McCartney, U2 oder Sting, haben schon für arabische Prinzen, kasachische Milliardärstöchter und Konsorten Privatkonzerte gegeben, wenn nur die Gage stimmte. Der Boss hat das immer verweigert.
Am Ende von Carlins Buch "Bruce" steht die schöne Geschichte, wie Bruce Springsteen nach 9/11 die Todesanzeigen der Opfer in der "New York Times" las und auch fassungslos war, wie oft sein Name da auftauchte: "... war ein loyaler Bruce-Springsteen-Fan". Letztlich war Springsteen so betroffen und berührt, dass er viele der Hinterbliebenen persönlich anrief, um ihnen Trost zuzusprechen. Es passt auch, dass Springsteen das nie zu Werbezwecken missbraucht hat, nie in Interviews erwähnte und auch dem Buchautor gegenüber jeden Kommentar dazu verweigerte. Ganz der eigenbrötlerische Boss eben.
Peter Ames Carlin: Bruce. Aus dem Amerikanischen von Sonja Kerkhoffs. Edel:Books, Hamburg; 604 Seiten; 24,95 Euro.
Tournee:
26.5. München, 28.5. Hannover, 5.7. Mönchengladbach, 7.7. Leipzig. Karten: Marek Lieberberg Konzertagentur .