Piano-Legende Horowitz: Berserker in Berlin - DER SPIEGEL
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Piano-Legende Horowitz Berserker in Berlin

Noch immer erscheinen CDs für die Ewigkeit. Vladimir Horowitz' legendäres Berliner Konzert von 1986 ist so eine Aufnahme: Sie zeigt den labilen Exzentriker als glücklichen Menschen.
Von Kai Luehrs-Kaiser
Musik-Legende Horowitz: CD für die Ewigkeit
Musik-Legende Horowitz: CD für die Ewigkeit

Musik-Legende Horowitz: CD für die Ewigkeit

Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Vladimir Horowitz

Die Legenden sind alle wahr. Natürlich waren die beiden Berlin-Termine des 1986 spät nach Deutschland zurückkehrenden in Stundenfrist ausverkauft. Die Schwarzmarktpreise blühten. Zu seinen sonntäglichen Nachmittagskonzerten (danach wollte er essen) erschien der 82-Jährige lachend und bis zur Albernheit gutgelaunt - kaum ein Gedanke daran, dass er nie mehr in Deutschland hatte auftreten wollen.

Für viele, die dabei waren, blieb das Erlebnis prägend für alle Zeit.

Nie mehr jedenfalls habe ich einen Saal derartig kochend erlebt. Nie wieder auch habe ich jemanden im Konzert so oft falsch spielen hören - und zugleich derart musikalisch treffsicher und direkt. Und nie mehr, tatsächlich, habe ich einen Pianisten so göttlich leise, tippselig hauchzart und dabei unvergesslich leuchtend spielen hören wie damals.

Warum?

Weil Vladimir Horowitz eben doch ein merkwürdig vertracktes, unbeirrbares Originalgenie war. Man kann es hören bei diesem gloriosen Mitschnitt.

Horowitz wollte Musik immer besser machen

Dietrich Fischer-Dieskau

Horowitz, keine Frage, war einer der musikalisch exzentrischsten und unberechenbarsten Pianisten der Schallplattengeschichte. In Jahren, in denen ihn Depressionen quälten, wirkte sein Spiel niederschmetternd. Wenn er glücklich war (wie hier), verschaffte er Hochgefühle. Der Sänger - einer der wenigen, die mit Horowitz als Klavierbegleiter zusammengearbeitet haben -, bekannte einmal, er habe Horowitz nie verziehen, dass dieser die Musik immer besser machen wollte, als sie ohnehin war. Die Diagnose trifft zu.

Bei Schumanns "Kreisleriana" bohrt Horowitz 1986 tatsächlich so viel psychologische Bewegung, so viel romantischen Abgrund und Eruption in den Kapellmeister-Zyklus (nach E.T.A. Hoffmann), dass dieser fast birst und auseinanderbricht. Bloß: welch zugleich rätselhaft furioser Fluss der Dinge. Welche Unverwechselbarkeit des (allen Lehrbüchern spottenden) Klavieranschlags und welch überirdische Schönheit des Tons.

Arturo Toscanini

Eines der wenigen Interviews, die Horowitz damals gab, erhielt die britische Journalistin Hilary Finch (für die Londoner "Times"). Sie berichtet, gezittert zu haben, bevor sie auf Horowitz traf. Und dass sie noch mehr aus der Fassung geriet, als sie merkte, dass Horowitz vor ihr mehr Angst hatte als sie vor ihm. "Ein verängstigtes Kind!", so ihr Eindruck. Der löste sich erst, als man die gegenseitige Unsicherheit drucksend realisierte. Auf die Frage, wie es ihm mit dem legendär despotischen Dirigenten ergangen sei, antwortete Horowitz achselzuckend: "Mein Gott, er war halt mein Schwiegervater!"

Die beiden Rachmaninoff-Preludes op 32 Nr. 5 und 12 auf dieser CD, auch zwei Scrjabin-Etüden (op. 2 Nr. 1 und op. 8 Nr. 12) und Liszts Valse oubliée Nr. 1 gehören zu den eigenwilligen Höhepunkten der Klavier-Diskografie schlechthin. Ebenso die Etincelles (Nr. 6) von Moritz Moszkowski. Hier legt Horowitz eine rabiate Zartheit und einen Vorwitz der Empfindung an den Tag, die schlicht atemberaubend sind. Horowitz reiste mit eigenem Flügel. Beim leichtgängig brillanten Steinway, der sonst zu Hause bei ihm im Wohnzimmer stand, purzeln die Obertöne wie vom Himmel.

In zwei Fassungen ist der Konzertmitschnitt erschienen. Während das Publikum buchstäblich ausrastete und sich wie beim Sommerschlussverkauf an die Brüstung der Berliner Philharmonie drängte, dokumentiert die Radiofassung die Moderation der damaligen SFB-Übertragung (von Norbert Ely und Ursula Klein). Da zuvor schon Howowitz-Mitschnitte aus Moskau, St. Petersburg und Hamburg erschienen sind, ein reizvolles Extra. Wer die pure Konzertversion (ohne Zwischentexte) bevorzugt, erhält diese in einer separaten Ausgabe (mit erweitertem Booklet).

Die elektrisierende Spannung, der sardonische Witz und die sprühende Unerschöpflichkeit dieses auf leisen Tönen daherkommenden Klavier-Tobsüchtigen fasziniert auch auf diesem Mitschnitt. Er zeigt, dass immer noch CDs für die Ewigkeit erscheinen.


CD Vladimir Horowitz: "Das legendäre Berliner Konzert 18. Mai 1986" (Sony, 2 CDs).