Placebo: Liebe, Lust und der Kater danach - DER SPIEGEL
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Placebo Liebe, Lust und der Kater danach

Die Popband Placebo hat sich in den vergangenen Monaten derart verausgabt, dass selbst ihr großmäuliger Sänger Brian Molko Zeit zum Luftholen brauchte. Dem neuen Album bekam das ganz gut.
Von Birgit Fuß
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Sex (mit Frauen, Männern und Marilyn Manson), Drogen aller Art und jede Menge arrogante Sprüche ­ Brian Molko hat alle Klischees der Rockmusik innerhalb weniger Jahre ausgiebig erfüllt. Erstaunlicherweise schaffte es der Sänger mit seiner Band Placebo nebenbei auch noch, gute Musik abzuliefern. Das zweite Album "Without You I'm Nothing" brachte dem britisch-schwedisch-amerikanischen Trio nicht nur in England den Durchbruch, jetzt liegt mit "Black Market Music" bereits das dritte Werk vor.

In den vergangenen drei Jahren hat sich bei Placebo einiges verändert. Sätze wie "Wo wir hingehen, hinterlassen wir eine Spur von Blut und Sperma" kommen Molko heute nicht mehr so leicht über die Lippen. Zwar trägt er auf der Bühne immer noch gerne Kleidchen, und Make-up mag er ebenso gerne wie seine Mädchenfrisur. Bloß schockt das heute keinen mehr ­ Mr. Manson und Konsorten sind viel radikaler in ihrer Androgynität und Provokation. Molko stört das wenig. Er wollte, so sagt er, ohnehin weg vom, ach so wilden Image.

Am Ende der letzten Tournee, gibt er zu, waren Placebo gar nicht mehr fit. Molko am wenigsten, aber auch dem Bassisten Stefan Olsdal und dem Drummer Steve Hewitt ging es nicht so gut. Zu viele lange Nächte, zu wenig Erholung. "Du kannst nur für eine Weile am Abgrund stehen, ohne runterzufallen. Irgendwann trittst du zurück, wenn du schlau bist. Ich bin bestimmt der Erste, der dafür ist, dass man alles mal ausprobiert, was man in die Finger kriegen kann. Aber irgendwann muss auch wieder Schluss sein."

Bei den Aufnahmen zu "Black Market Music" war es soweit. Man wollte wieder "professionell" sein, die Studioarbeit konsequent durchziehen ­ doch kaum war das Album fertig, spielten Placebo schon wieder auf Festivals und kleinere Gigs. Molko findet inzwischen, sie hätten etwas mehr Ruhe verdient gehabt: "Ein Album ist wie eine Schwangerschaft. Erst freust du dich neun Monate lang auf das Resultat, und dann verschafft es dir bloß viele schlaflose Nächte." Aber die Welt soll ja wissen, wie gut das Baby gelungen ist. Es wurde eine oft sinnliche, immer stimmige Mischung aus dem lärmigen Rock des Debüts und dem mal melancholisch, mal glamourösen Pop des Zweitlings, angereichert mit Texten über Liebe, Lust und den Kater danach.

Nachdem man Songs wie das treibende "Days Before You Came" und "Black Eyed", einer düsteren Abrechnung mit den eigenen Sünden, gehört hat, stimmt man Brian Molko gerne zu, wenn er behauptet, dass Placebo eine der zurzeit aufregendsten Bands Großbritanniens sei. "Es gibt zu viele unspektakuläre Bands, die gar kein Geheimnis mehr um sich machen. Die sind so spannend wie Braten mit Kartoffeln." Brian is(s)t lieber Sushi. Er mag David Bowie ­ "fast schon ein Freund von uns, wenn man das so sagen darf" ­ und Michael Stipe. "Ich finde es gut, wenn ein Typ nicht so leicht zu durchschauen ist. Wenn ein Mann zu unseren Gigs kommt und das Mädchen auf der Bühne scharf findet, dann freut mich das. Wenn er ein paar Minuten später merkt, dass ich das vermeintliche Girlie bin, dann habe ich ihm für den Abend nämlich was zu denken gegeben."

Nach ein paar Jahren im Showbusiness muss Molko allerdings nicht mehr um jeden Preis provozieren ­ das hat er lange genug getan. Nun, so wünscht er sich, sollen die Menschen vor allem auf seine Songs hören, nicht auf seine gelegentlichen Verbal-Ausfälle. Trotzdem bereut er nichts: "Kleine Menschen brauchen eine große Klappe. Meine war sicher oft extrem groß, aber schließlich bin ich ja auch sehr klein!"

Placebo: "Black Market Music" (Hut/Virgin), veröffentlicht am 9. Oktober 2000