Pop Das Mitpfeifen im Walde
Alle seien sie nur versessen aufs schnelle Geld. "Der Musikindustrie fehlt es an Inspiration", behauptet der Berliner Pop-Produzent George Glueck, in fast allen Großkonzernen seien bei Künstlerauswahl und -betreuung nur Marketingleute am Werk, "die immer wieder falsche Entscheidungen durchprügeln".
Der Amerikaner Ryan Adams klagt: "Das Problem der Branche ist ihre Faulheit." Der Sänger und Songschreiber Adams, 27, wird derzeit zum neuen Hoffnungsträger der Popwelt ausgerufen und hat bereits einen Rauswurf bei einer großen Plattenfirma hinter sich. Ein berühmter älterer Kollege lieferte ihm unlängst eine Huldigung und dankte ihm für "Inspiration": ausgerechnet Elton John, der jüngst bekannt gab, er selbst habe keine Lust mehr aufs Schreiben neuer Lieder.
Auch bei den Konzernen übt man neuerdings Selbstkritik: Der Geschäftsführer von Sony Music Deutschland, Wingolf Mielke, spricht von einer "verstärkten Diskussion" über die Leistungen der so genannten Artists-&-Repertoire-Manager (A&R) in den Firmen. Der in Bonn ansässige Fachverband Tonträger fordert gar eine "A&R-Qualitätsoffensive".
Grund für den Katzenjammer sind miese Zahlen, ja ein Konjunktureinbruch in der Musikindustrie in den ersten zwei Quartalen des Jahres 2001 schwand der Umsatz in Deutschland im Vergleich zum gleichen Vorjahreszeitraum um 12,6 Prozent, fürs ganze Jahr fürchtet man trotz des Weihnachtsgeschäfts ein Minus von vermutlich 15 Prozent. Die Deutschen sind da keine Ausnahme, weltweit ist Gewinnalarm ausgerufen. "Die Musikindustrie betet", schrieb vergangene Woche das US-Entertainmentblatt "Variety", "dass sie das Jahr ohne Verluste beendet."
Allein mit der Raubkopiererei privater und kommerzieller CD-Brenner ist der Absturz kaum zu erklären auch wenn in diesem Jahr in Deutschland vermutlich genauso viele CD-Rohlinge verkauft werden wie bespielte Musik-CDs.
Und so stellen sich nicht bloß traditionell Endzeit-verliebte Popdenker, sondern auch sonst professionell gut gelaunte Kreativköpfe der Plattenindustrie in diesen Wochen ungewohnt bange Sinnfragen: Wo bitte bleibt der nächste revolutionäre Musikstil? Haben die alten Helden endgültig ihre Strahlkraft eingebüßt? Welcher junge Künstler hat noch das Zeug zum Superstar? Und: Hat gar das ganze "Projekt Pop", wie es jüngst wieder auf einer Intellektuellen-Tagung zu "Pop das Esperanto der Gegenwart" in der Evangelischen Akademie Tutzing hieß, an Erneuerungskraft verloren?
Tatsächlich fehlt seit den frühen und mittleren neunziger Jahren, als sich der in Berlin und Frankfurt entwickelte Techno, der britische Drum'n'Bass und der deutschsprachige HipHop zu neuen Stilrichtungen mit Massenwirkung entwickelten, ein echter Innovationsschub in der populären Musik. Kein Wunder also, dass in diesem September gleich drei recycelte Hits die Spitzenplätze in den deutschen Top Ten belegten: "There Must Be an Angel", "Country Roads" und "In the Air Tonite".
Wahr ist auch, dass auf etablierte ältere Stars derzeit wenig Verlass ist: Michael Jackson stand mit "Invincible" vergangene Woche auf Platz 30 der Hitparade ein Desaster. Mick Jagger verkaufte von seinem Solo-Album "Goddess in the Doorway" am Erscheinungstag in England peinliche 954 Stück; in Deutschland allerdings schaffte er es immerhin bis auf Platz zwei der Hitparade. Rod Stewart flog jüngst gar bei seiner Plattenfirma raus angeblich, weil junge Leute ihn nicht mehr hören wollen.
Andererseits erweist sich das Gerede vom Ende der Star-Ära (wie fast jede Klage älter werdender Popfans darüber, dass leider nichts Ordentliches mehr nachkomme) bei genauerer Betrachtung als Unsinn: Der weltweite Erfolg des amerikanischen Teenie-Idols Britney Spears und des US-Rappers Eminem kann sich durchaus mit dem historischen Rummel um Madonna, U2 oder die Rolling Stones messen.
Auch das neue Album des britischen Verwandlungskünstlers Robbie Williams ist gerade in Deutschland ein Sensationshit: "Swing When You're Winning" ging in der ersten Woche eine halbe Million Mal über den Ladentisch was selbst die Williams-Firma EMI überraschte: "Wir hatten zeitweise Schwierigkeiten, den Handel in ausreichender Stückzahl zu beliefern, und mussten die CD-Presswerke anweisen, die Produktion umzustellen", heißt es dort.
Beim Aufbau neuer Pophelden aber zeigte die Musikindustrie in den letzten Jahren fatale Ungeduld und Gier. Immer schneller mussten Nachwuchstalente punkten, um nicht umgehend wieder vor die Tür gesetzt zu werden. Glückte ihnen wirklich mal ein Hit, wurde er sogleich auf einer Sammel-CD verramscht. Sampler-Alben wie "Bravo Hits", "Megahits" oder "Bild Hits" brachten den Konzernen zwar jahrelang schnelles Geld, sind inzwischen aber die Lieblingsobjekte der Raubkopierer; in diesem Jahr dürften rund 20 Prozent weniger verkauft werden als 2000.
Die Kopierschutzsysteme, mit denen viele Konzerne ihre Produkte seit einiger Zeit versehen, funktionieren bislang kaum. Entweder sie werden binnen Tagen von Hackern geknackt, oder sie führen wie im Fall des neuen Albums der schönen Australierin Natalie Imbruglia bei der Kundschaft zu größtem Ärger. Auf älteren Playern sind manche dieser CDs nicht abspielbar (SPIEGEL 46/2001).
Das hektische Ausrufen neuer Trends brachte auch nicht viel: Ziemlich folgenlos verpuffte im Frühjahr der Versuch einiger Firmen, aus dem Erfolg des Mannheimer Ausnahmetalents Xavier Naidoo und der Gruppe Glashaus ein Modegenre von "deutschsprachigem Soul" zu basteln. Sie brachten jede Menge CDs von Unbekannten wie Ole oder Samir auf den Markt die leider kaum einer haben wollte.
"Kaum ein Nachwuchskünstler trifft noch den Nerv der Zeit", behauptet Jens Peter Labus, Verkaufsleiter des Großhändlers "World of Music" (WOM). Schon beim Schnelltest fielen die meisten Songs durch: "Ich frage gern mal Kollegen, ob sie mir aktuelle Hits vorpfeifen können", sagt der WOM-Mann, "aber in diesem Jahr war da nicht viel zu hören."
Nun denken offenbar auch die Manager großer Firmen um, wie der plötzliche Einsatz der Firma Mercury für den amerikanischen Songwriter Ryan Adams zeigt. Der gilt unter Kritikern schon lange als großes Talent und wird nun, nachdem sich die aktuellen Alben der Songwriter-Veteranen Leonard Cohen und Bob Dylan als Überraschungserfolge erwiesen, mit erstaunlichem Aufwand präsentiert.
Der Mann, der William Faulkner, Edgar Allan Poe und Henry Miller verehrt, spielte schon früh in Punkrock-Bands, um "einfach nur Krach zu machen", und fand dann zur Country-Tradition von Klassikern wie Hank Williams, Johnny Cash oder Lefty Frizzell. Whiskeytown hieß die Band, mit der er seine eigenen Songs so brillant darbot, dass sie sehr schnell zu einem Plattenvertrag mit dem Universal-Konzern kamen 1999, nach ein paar erstklassigen, aber erfolglosen Alben, setzte ihn die Firma vor die Tür.
Natürlich ist Adams ein unbequemer Kreativer. Er beschimpfte schon mal prominente Kollegen und Journalisten, lieferte Unmengen von Songs und Ideen, die er mit großer Dickköpfigkeit durchsetzen wollte und erlitt bald ein ähnliches Schicksal wie die inzwischen berühmte Sängerin und Songschreiberin Aimee Mann. Auch die wurde von schlaumeierischen A&R-Managern vorgeführt und für unbrauchbar erklärt, bis der Hollywood-Regisseur Paul Thomas Anderson seinen Filmhit "Magnolia" um ihre Songs arrangierte.
Jüngst durfte Adams vor großer Konzertkulisse in London auftreten; erst allein mit Gitarre und Klavier, dann wütete er virtuos mit seiner Band und spielte Songs, die auch im Repertoire von Patti Smith oder Bob Dylan glänzen würden. Tatsächlich ist Adams ein hoch begabter Musiker mit Gespür für schöne Melodien, er sieht ein wenig verwuschelt, aber doch blendend aus und legt ein ungewöhnliches Arbeitsethos an den Tag: Nach seinem jüngsten Album "Gold" habe er noch massenhaft unveröffentlichte Lieder auf Halde, erklärt Adams. Allein nächstes Jahr sollen mindestens vier neue Alben auf den Markt kommen, sagt er.
Fragt sich, wie lange die neue Adams-Firma die Schaffenswut ihres Künstlers durchhält. Als Faustregel nämlich gilt: Nur 20 Prozent aller in den Markt geschobenen CDs spielen die Produktions- und Marketingkosten wieder ein, lediglich 5 Prozent schaffen es in die Top 100.
Bislang galt für Sänger und Musiker meist das K.-o.-System: Wer beim ersten Mal keinen Erfolg hatte, war draußen. Die Folge waren One-Hit-Wonder wie die von der Hamburger Krisen-Firma Edel auf den Markt geworfene Gruppe Baha Men, die Weihnachten vergangenes Jahr mit dem belanglosen Pop-Lied "Who Let the Dogs out" einen Chart-Erfolg hatte und dann auf Nimmerwiedersehen verschwand.
Berechtigte Hoffnung auf eine lange Halbwertszeit hat dagegen die New Yorkerin Alicia Keys, 20. Sie wurde entdeckt von einem, der nie das schnelle, sondern immer das langfristige Geld gesucht hat: dem ehemaligen CBS- und Arista-Chef Clive Davis, 67. Er war es, der Janis Joplin, Carlos Santana, Bruce Springsteen und Whitney Houston aufgebaut hatte.
Inzwischen hat Davis sein eigenes Label J Records gegründet, und auch dort gilt das Grundprinzip, Talente langsam auf die Karriere vorzubereiten. Alicia Keys durfte also ihre Songs teilweise selbst komponieren, anstatt schnell das Stück irgendeines Lohnschreibers zu singen. Mehrere Jahre arbeitete sie an ihrem Debütalbum "Songs in A Minor", das im Spätsommer dieses Jahres herauskam und, wie ihre Single "Fallin'", in Deutschland auf Platz zwei der Charts stieg.
Zuvor allerdings, mit 16 Jahren, war Keys in die Hände von Produzenten geraten, die aus ihr eine "Ein-Minuten-Terrine" machen wollten so jedenfalls nennt der in New York aufgewachsene Produzent Glueck die zum Ex-und-Hopp verdammten Künstler, die bei vielen großen Firmen wieder in der Versenkung verschwanden.
Er selbst setzt als Chef der kleinen Firma X-cell auf die Intensivbetreuung weniger Talente und hat sich als erfolgreiches Trüffelschwein erwiesen: So hat er die vor drei Wochen bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommene Melanie Thornton zum Hitparadenerfolg geführt und auch seinen neuesten Star Sarah Connor, 21.
Die deutsche Sängerin aus Delmenhorst landete in diesem Jahr Single-Hits mit den Songs "Let's Get Back to Bed Boy" und "From Sarah with Love" (derzeit Platz eins der Charts). Nun stieg sie mit ihrem vorvergangene Woche erschienenen Album "Green Eyed Soul" auf Platz drei der Hitparade ein direkt hinter Robbie Williams und dem Popstar Anastacia.
Ein Bekannter hatte Glueck die Demo-Kassette der jungen Sängerin gegeben die schon einmal vergeblich versucht hatte, unter dem Namen Sarah Gray berühmt zu werden. "Schreckliche Nummern" seien auf dem Band gewesen, erzählt der Produzent. Als Connor aber a cappella "Leise rieselt der Schnee" sang, habe er ihre Stimme erst richtig gehört: "Das hat mich umgehauen." Ein schönes Weihnachtsmärchen.
Glueck lud Connor nach Berlin ein, um auch ihr Äußeres auf Star-Qualitäten zu überprüfen. Offenbar bestand sie den Test, denn Glueck nahm sie unter Vertrag. Er engagierte mehrere Komponisten, die Songs für das Debütalbum schreiben sollten und Hits ablieferten. Glueck, der in diesem Jahr auch schon der Gruppe Sofaplanet ("Lieb*icken") zum Durchbruch verhalf, hatte einen weiteren Treffer gelandet.
Connors Platten werden von Sony Music vertrieben. Und dort wird derzeit ein neuer Weltstar gesucht: Denn die Sony-Diva Mariah Carey wechselte zur EMI, und Céline Dion macht Babypause.
Mit Glück bekommt Connor die Chance, ihre Haltbarkeit weltweit zu beweisen.
CHRISTOPH DALLACH, MARIANNE WELLERSHOFF