Pop-Duo CocoRosie Unwirkliches Knistern
Man wird ja wohl mal träumen dürfen. Die Augen schließen, die Gegenwart aussperren, die Welt vergessen. Ein kleines Geräusch ganz groß werden lassen, einen Moment unendlich, eine Melodie zur Religion.
So wie an einem dieser seltenen Tage, an denen sich der Sommer in diesem Jahr tatsächlich als Sommer gab, an dem Tag, am dem CocoRosie in der Berliner Volksbühne auftraten. Auf der Bühne Bianca und Sierra Casady, hinter ihnen die Endlosschleife eines Ausschnitts aus dem Glücksbärchi-Film und in den engen Sitzreihen auf nahezu allen Gesichtern derselbe Gesichtsausdruck zwischen Verzückung und Melancholie, Staunen und Glücksseligkeit.
Zu diesem Zeitpunkt war das zweite, nun erschienene Album der beiden Schwestern, "Noah's Ark", vornehmlich noch ein Gerücht. Trotzdem war die Volksbühne restlos ausverkauft. Dass kurz nach ihnen Antony Hegarty, das Zwitterwesen aus New York, seine wundervollen Elogen sang, war sicherlich auch dafür verantwortlich. Aber offensichtlich gibt es eine Sehnsucht, die CocoRosie befriedigen. Nur welche?
Womöglich sollte man erst einmal fragen: Wie? Vielleicht ist es die Erscheinung: Für ihr Debütalbum "La Maison de Mon Reve" verkleideten sie sich als Madonnen, diesmal erschienen Sierra, 25, und Bianca Casasy, 22, in indianischen Kleidern. Auf dem Cover von "Noah's Ark" kopulieren wie von Kinderhand gezeichnete Einhörner. Bianca, so erzählt sie, tauscht mit ihrem Lebensgefährten, dem versponnenen Folk-Kauz Devandra Banhart, mitunter die Klamotten und malt sich einen Bart an. Doch das Spiel mit den Geschlechterrollen hat keinen feministischen Hintergrund, es ist eher kindliches Ausprobieren. Den Interviewer des "Guardian" lässt man warten, weil man sich nicht von einem Trampolin trennen konnte, aber immer bleibt offen, ob diese Naivität echt ist oder geschickt konstruiert.
Vielleicht ist es die Geschichte hinter der Erscheinung: Die ist so unglaubwürdig und so seltsam, dass sie vielleicht doch nicht komplett erfunden ist. Kinder eines kanadischen Hippie-Mädchens und eines Schamanen der Cherokee-Indianer, die eine geboren in Iowa, die andere auf Hawaii, leben mal bei ihrer Mutter, ziehen dann mit ihrem Vater von Indianerreservat zu Indianerreservat, werden für lange Zeit getrennt, treffen sich wieder in einem kleinen Apartment in Paris und beginnen Musik aufzunehmen in der Badewanne mit einem Vierspur-Rekorder und einem billigem Mikrophon, mit viel Champagner und in stetig wechselnden Verkleidungen. Zurück in Brooklyn, New York, werden die eigentlich nicht zur Veröffentlichung bestimmten Aufnahmen schnell zum Geheimtipp.
Vielleicht ist es nur die Musik: Die stammt aus seltsamen Gerätschaften. Auf der Bühne kommen Miniharfe, Plastiktrompete und Blechspielzeug zum Einsatz, auf ihrem ersten Album waren, so haben sie erzählt, Singvögel, Regenschauer, Krankenwagen, knallende Korken, Whiskeyflaschen und Goldketten zu hören. Auf "Noah's Ark" scheint nun ein Kinderklavier identifizierbar, Pferdewiehern, singende Sägen vielleicht, Stimmen ziehen vorbei. Die Musik scheint zu schweben, ist unwirklich, wie nicht von dieser Welt. Manchmal kommt sie auch vollkommen zum Stillstand.
Mal demonstriert Sierra ihre Fähigkeiten als ausgebildete Opernsängerin, dann verwandelt sich der Gesang von Bianca in ein nur mehr gequältes Jammern. Immer wieder tauchen Geräusche auf, die man überhaupt nicht zuordnen kann, die eher ein Gefühl auslösen wie Ekel oder Wohlsein, Geräusche, die in Echtzeit zu vermodern scheinen. Irgendwann schließlich verliert sich der Zuhörer in der Phantasie, öffnen sich gar Klangwelten, von denen man nicht wusste, dass man sie hören kann.
Denn der moderne Mensch neigt dazu, Musik zum Soundtrack zu degradieren, zur Erinnerung an glorreichere Jugendtage. Die Musik von CocoRosie aber verweigert diese Funktion. Man mag sich nicht so recht vorstellen, dass in 10 oder 20 Jahren alt gewordene Liebespaare zu diesen morbiden Klängen sentimental werden und sich Textzeilen wie "All the aborted babies will turn into little bambies" ins Ohr hauchen. Nein, diese Musik will jetzt und hier gehört werden. So leise sie ist, lockt sie einen direkt vor die Boxen, fordert das genaue Zuhören, will die detektivische Suche nach den kleinsten Sounddetails, das sanfte Schaudern vor verzerrten, fast entmenschlichten Stimmen. Sie lullt einen dann so erfolgreich ein, dass man zu träumen beginnt und vergisst, dass man nur Musik hört.
Schließlich, am Ende der knappen Dreiviertelstunde, die "Noah's Ark" nur dauert, wenn die Musik plötzlich endet und Stille einkehrt, ertappt man sich selbst in einem somnambulen Zustand, irgendwo zwischen Traum und Wirklichkeit, und nur langsam taucht man wieder auf aus diesem seltsamen Konstrukt, das die beiden Casady-Schwestern entwerfen. Dieses Zwischenweltliche erklärt sich vielleicht auch dadurch, dass "Noah's Ark" vornehmlich auf Tournee entstanden ist, in Hotelbadezimmern und auf endlosen Busfahrten, genau an jenen Orten, an denen sich die Lust aufs Neue allzu schnell abnutzt und zur Normalität wird, so dass man die Reise nach Innen beginnen kann.
Die Menschen, die in die Berliner Volksbühne kamen, waren in der Mehrheit älter als das gewöhnliche Publikum bei Konzerten dieser Größenordnung. Zwar fand sich die erwartbare Prominenz ein, vom Poppapst Diedrich Diederichsen bis zur singenden Schauspielerin Julia Hummer, aber es kamen weniger die üblichen Szenegänger, die sich das neue, heiße Ding nicht entgehen lassen können, sondern Menschen, die mitten in einem zunehmend durchgeplanten Leben stehen. Sie waren gekommen, weil die zart gewobenen Miniaturen der Schwestern in ihnen eine Saite anschlagen, die bislang außer Betrieb war.
Womöglich ist er ja ein Zeichen der Zeit, der Erfolg von CocoRosie, von Antony & The Johnsons und ihnen ästhetisch und persönlich verbundenen Künstlern wie Devandra Banhart, Rufus Wainwright oder Joanna Newsom, die in der Musikpresse mittlerweile unter den Schubladen "Queer Music" oder "Freak-Folk" fungieren. Hervor bricht eine neue Innerlichkeit, die die Casadys in zerbrechliche Klänge fassen. Sie vertonen einen Rückzug ins Gefühlige, der keine Angst hat vor Kitsch und Antwort ist auf die Krise des ökonomischen Systems, ein sanfter Widerstand gegen den Konsumzwang, eine Flucht vor wirtschaftlicher und spiritueller Unsicherheit. Alte Gewissheiten lösen sich auf, soziale Netze werden zerstört, Karrieren kommen ins Stocken, die Zeit der Lustiglustigbumsfalleramusik geht zu Ende.
Vielleicht ist dieses unwirkliche Knistern, das da im Hintergrund von "Noah's Ark" zu hören ist, dieses seltsame Röcheln, dieses Krumpeln, vielleicht ist das ja das Geräusch, das die neunziger Jahre mit ihrem Hedonismus, ihrer arroganten Selbstzufriedenheit machen, kurz bevor sie sich für immer zur Ruhe legen. Denn das machen CocoRosie aus Dir: Einen Träumer.
CocoRosie: "Noah's Ark" ist am 6. September bei Soulfood Music erschienen