Pop-Entdeckung Stars: Das rabiate Private - DER SPIEGEL
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Pop-Entdeckung Stars Das rabiate Private

Kanadas Musikzene macht mobil: mit ambitionierten Bands, für die sich Rock wieder auf Revolte reimt. Bestes Beispiel für die neue Popgeneration: die Stars, deren glänzendes Repertoire von Herzschmerz bis Bush-Kritik reicht.
Von Thomas Winkler
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es war der Diplomatin eine Herzensangelegenheit. Sie wollte ihre Landsleute mit dem außerordentlich selbstbewussten Namen wissen lassen, dass sie diesen kleinen Club in New York gerade nicht nur mit ziemlich guter Musik erfüllt, sondern mehr, sehr viel mehr erreicht hatten. So sprach die Mitarbeiterin der kanadischen Botschaft nach dem Auftritt zur kanadischen Band, sprach von Stolz und Anerkennung, vom gemeinsamen Vaterland und davon, dass sie dankbar sei. "Sie hat förmlich gestrahlt", erzählt Evan Cranley, der Bass spielt in jener Popband, der nun plötzlich von offizieller Seite eine Aufgabe von nationalem Interesse zugewiesen wurde. "Ja, wir haben es schon schwer", lacht Cranley.

Vielleicht hätte sie das Kleingedruckte konzentrierter lesen sollen. Denn dass ausgerechnet Stars und ihr drittes Album "Set Yourself On Fire" von Regierungsstellen als staatstragend eingestuft werden, darf getrost in die lange Tradition von Treppenwitzen der Popgeschichte eingereiht werden, auch wenn es nicht gleich ähnlich absurde Ausmaße erreicht wie der Versuch von Elvis Presley, sich als Informant des FBI zu verdingen. Aber immerhin hat man es hier mit einer Band zu tun, die nicht nur hoch intelligenten Pop spielt, sondern mitunter Rauschmittel konsumiert, das Staatsoberhaupt des mächtigen Nachbarn im Süden angreift und nicht zuletzt eine Revolution anzetteln will.

"Soft Revolution" heißt ein Song auf dem neuen Album, der von dem Quintett aus Montreal als Manifest verstanden werden will und in dem Großes versprochen wird: "We are here to save your life" ("Wir sind hier, euer Leben zu retten"). Soft Revolution nennt sich auch die Welle von bei Kritikern und zunehmend auch beim Publikum erfolgreichen Bands aus Kanada. Diese "erste jugendliche Bewegung eines immer noch sehr jungen Landes" (Cranley) hat sich mittlerweile zum allseits beachteten Hype ausgewachsen.

Zwar sind die musikalischen Ansätze von Broken Social Scene, Arcade Fire, The Dears oder eben Stars recht unterschiedlich, gemeinsam aber ist ihnen neben einer Vielzahl personeller Verflechtungen eine Herangehensweise an Musik, die die Stars exemplarisch verkörpern: Noch einmal wird die altgediente Idee von der Revolution, die im eigenen Wohnzimmer beginnt, belebt. "Ob man über Privates oder Politisches singt - es liegt doch immer dasselbe Gefühl zugrunde", beschreibt es Amy Millan, die weibliche Stimme der Stars. "Ob man von Bush angelogen wird oder von einem geliebten Menschen - das Gefühl ist dasselbe."

Es ist ein Gefühl, mit dem sich Amy Millan und der zweite Sänger und Texter Torquil Campbell - beide im für Popmusiker schon etwas fortgesetzteren Alter jenseits der 30 - besonders gut auszukennen scheinen, so hellsichtig singen sie von der Unmöglichkeit der geglückten Liebe. Dass Stars mit "Set Yourself On Fire" nun den allerletzten Schritt vom Privaten ins ausdrücklich Politische wagen, ist allerdings vornehmlich dem amerikanischen Präsidenten zu verdanken. In "He Lied About Death" setzen sie George Bush jr. ein kritisches Denkmal, in "Celebration Guns" beschäftigen sie sich mit Guantanamo. Der Rest des Albums besteht weiterhin aus Liebesliedern. Eigentlich aber, meint Millan, gebe es da gar keinen Unterschied, "denn auch die politischen Songs sind Lovesongs für die Menschenrechte".

Dass man aber erstmals so explizit politisch wurde, war keine bewusste Entscheidung, sondern eher äußeren Zwänge geschuldet. "Wir leben nun mal in solchen Zeiten", sagt Millan, "niemals zuvor in meinem Leben war Politik so widerlich, abstoßend und angsteinflößend." Dass Amerika und Großbritannien in ihrem vermeintlichen Krieg gegen den Terror demokratische und rechtstaatliche Werte mit Füßen treten, mache eine eindeutige Stellungnahme wie die ihre "quasi unvermeidlich". Eine politische Band wollen sich die Stars trotzdem lange noch nicht nennen lassen: "Was wir machen, kommt von Herzen und erreicht Herzen", definiert Millan.

Tatsächlich wurde das Publikum seit den besten Zeiten von Cumbawamba nicht mehr so eingängig agitiert, fanden Trompete und tanzbare Rhythmen, Synthies aus den Achtzigern, zuckersüßer Pop und politisches Bewusstsein so selbstverständlich zusammen. Und Cranley, der ebenso von Britpop wie von klassischer Musik beeinflusst ist und einen Gutteil der Musik verfasst, lässt sich immerhin darauf ein, seine Kompositionen als "sozial relevant" zu bezeichnen: "Meiner Meinung nach hat man nichts in einer Band verloren, wenn man nichts Relevantes beizutragen hat." Dennoch sind Stars vor allem eine Popband. Eine exzellente, aber eben doch eine Band, bei der, so Cranley, "erst einmal der Song kommt und dann erst die Agenda".

Auf der steht - mitunter ganz unpolitisch - auch mal die Beschäftigung mit bewusstseinsverändernden Substanzen. Die Band wanderte bereits eine Nacht ins Gefängnis wegen öffentlichem Kiffens, aß eifrig Pilze während der Aufnahmen zu "Set Yourself On Fire" und gab nach Angaben von Millan, die ihre Interviews schon mal per Telefon aus dem örtlichen Schnapsladen führt, mehr für Alkohol aus als für die Studiomiete. Wie sich das mit dem politischen Anspruch und dem sozialen Gewissen und der weichen Revolte verträgt, das sollte man vielleicht auf sich beruhen lassen. Immerhin ist klar, wer die Schuld trägt: Kanada. Dort seien die Winter kalt und dunkel und riefen förmlich danach, mit gewissen Genussgiften erträglicher gestalten zu werden. "Wir wollen das nicht romantisieren", sagt Cranley, "aber es ist nun mal Teil unseres Lebens dort."

Lasst das man bloß nicht die Diplomatin hören.


Stars: "Set Yourself On Fire" (City Slang/RTD)