Pop-Exot Andreas Dorau: Der ewige Knabe - DER SPIEGEL
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NDW-Held Andreas Dorau: Wie entsteht ein Pop-Titel?

Foto: Sönke Held

Pop-Exot Andreas Dorau Der ewige Knabe

"Todesmelodien" heißt das neue Album des Hamburger Musikers Andreas Dorau. Seine Songs klingen düsterer und bedrohlicher, aber das kann sich der 47-Jährige auch erlauben - denn von der Musik lebt er trotz seines NDW-Hits "Fred vom Jupiter" schon lang nicht mehr.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Im finsteren Wald liegt ein einsamer Mann im Dufflecoat auf dem Boden. Neben ihm ein alter Kassettenrekorder, den ein Kaninchen anstellt. Dann steht der Mann auf und singt. Kurz darauf singen ein paar Waldpilze mit, die "Na Na Na Na Na" im Chor krähen.

"Stimmen in der Nacht" heißt das Lied, das dieser herrlich absurde Videoclip bewerben soll. Das alles passt großartig zu Andreas Dorau, dem verantwortlichen Musiker, dessen neues Album "Todesmelodien" an diesem Freitag veröffentlicht wird. Eine tolle Platte, auf der der ewige Knabe Dorau mal wieder Spinnertes und Eingängiges souverän kombiniert. Eine Kunstform, die Dorau so perfekt beherrscht wie niemand sonst hierzulande, was er in größeren Abständen immer wieder unter Beweis stellt. Er sei mit seinen Alben mittlerweile bei einem Fünf-Jahres-Rhythmus angekommen, behauptet Dorau, was aber auch nur so ungefähr hinkommt.

"Todesmelodien". Ungewohnt bedrohlich heißt das neue Werk, weil Dorau vor zwei Jahren, nach dem Tod seiner Mutter, beschloss, sich mit Musik zu trösten. Auch wenn sieben der zwölf Stücke vom Tod handeln, klingt das Album nur selten oder bei genauem Hinhören betrüblich.

Zur Hand gingen ihm kompetente Helfer wie Inga Humpe (2raumwohnung), Françoise Cactus (Stereo Total), Andie Thoma (Mouse On Mars) und Mense Reents (Die Vögel). Kunst-Pop? Indie-Pop? Electro-Pop? Schwer zu sagen. Letztlich führt "Todesmelodien" konsequent den exotischen Dorau-Sound fort, der nicht definierbar ist und sich allen Genres widersetzt. Wie immer wird deutsch gesungen, zu oft unverschämt eingängigen Melodien und gern mal versponnenen Texten.

Irgendwie Pop ist diese Musik selbstverständlich schon, nur sehr populär ist Dorau leider längst nicht mehr. Die Charts wird er kaum aufrollen, dafür erfreut er stets Musikkritiker und Feuilletonisten. Kommerzieller Erfolg sei ihm nicht wichtig, behauptet Dorau. Das mag stimmen, denn sein Geld verdient der studierte Film-Spezialist als Video Consultant für Showgrößen wie Xavier Naidoo. Und es ist wohl diese Unabhängigkeit, die es dem 47-Jährigen ermöglicht, seine wundersamen Lieder kompromisslos zu zaubern.

"Das kam mir spanisch vor"

Wie es sich anfühlt, einen Hit zu haben, hat Andreas Dorau immerhin erlebt. Aber auch, wie einem so ein Erfolg das Leben versauern kann. Vor dreißig Jahren war er mal kurz Pop-Held, mit einem vergnügten Bestseller namens "Fred vom Jupiter", der heute als Klassiker der sogenannten Neuen Deutschen Welle gilt. Dummerweise kann Dorau den Hit nicht ausstehen. Er verweigert ihn bei Konzerten und macht sich auch nicht bei Retro-TV-Shows zum Narren.

Was mit dem Hit sonst noch schieflief, berichtet er nun zum ersten Mal: "Fred vom Jupiter" entstand tatsächlich im Rahmen eines Schulprojektes namens "Wie entsteht ein Pop-Titel". Die Musik komponierte Dorau zusammen mit einem Mitschüler namens Olav Maurischat am Wochenende zu Hause. Der Text wurde im Unterricht als Gemeinschaftsprojekt geschrieben. Später hatte Dorau "Fred vom Jupiter" anlässlich eines "Fan-Besuches" bei der Band namens "Der Plan" im Gepäck, spielte es vor, und die beeindruckten Plan-Musiker boten an, es auf ihrem Label Ata Tak zu veröffentlichen.

Dorau war begeistert, der konsultierte Lehrer eher nicht. Der wies flugs darauf hin, dass der Song "geistiges Eigentum der Schule" sei. Auch Doraus Mutter, die ebenfalls Lehrerin war, bestätigte dem verblüfften Nachwuchsmusiker ("Das kam mir damals schon spanisch vor!") diese Behauptung. So mussten die Schüler die Urheberrechte mit dem zuständigen Pädagogen teilen. Als Autoren verzeichnet waren schließlich Dorau, Maurischat und der Lehrer, stellvertretend für die restlichen Schüler, wie er sagte.

Weil das Lied in Deutschland und Österreich in die Hitparaden rauschte, ging es bald um relevante Beträge. Ja, selbst in Großbritannien erschien die Single. Dass es so etwas wie "geistiges Eigentum der Schule" nicht gibt, dämmerte Dorau erst kürzlich, als sich eine seiner Mitschülerinnen von einst um ihr Urheberrecht zu kümmern begann. Die damals beteiligten Schüler drohten dem einstigen Lehrer nun gemeinsam mit einer Sammelklage. Dazu kam es nicht, denn der Pädagoge rückte prompt die von ihm zu Unrecht eingestrichenen Tantiemen raus.

Dass Andreas Dorau mit "Fred vom Jupiter" inzwischen seinen Frieden gemacht hat, schreibt der Künstler allerdings eher seiner "Altersmilde" zu. Aber er hätte natürlich nichts dagegen, wenn sich mal wieder ein neues Dorau-Lied wie "Stimmen in der Nacht" in die Hitparade verirrte.