"Come On Eileen"-Macher: Chance zur Würdigung
Pop-Exzentriker Quer vor dem Lastwagen
Selten bedeutete ein Hit so sehr Fluch und Segen wie "Come on Eileen" für Kevin Rowland. Einerseits läuft sein Schunkel-Fidel-Dauerbrenner seit der Veröffentlichung rauf und runter im Format-Radio, auf Achtziger-Partys und in Hollywood-Soundtracks und beschert dem Künstler so ein beständiges Einkommen; andererseits reduziert es den einstigen Chef von Dexys Midnight Runners auf den "One Hit Wonder"-Status.
Daran, was für ein Missverständnis das ist, erinnert nun eine erweiterte Neuauflage von "Searching for the Young Soul Rebels", dem 1980 veröffentlichten Dexys-Midnight-Runners-Debüt, das in schöner Regelmäßigkeit unter die hundert besten britischen Alben aller Zeiten gewählt wird. Trotzdem ist der Name Kevin Rowland den meisten Menschen unbekannt. Das ist vor allem deshalb ein Jammer, weil Rowland eines der großen Talente der britischen Popmusik war.
In Zeitungsanzeigen bei Mitmusikern entschuldigt
"Ich frage mich regelmäßig, was wohl geworden wäre, wenn ich ein eher entspannter Typ wäre, der die Dinge einfach mal geschehen lässt", wird Rowland im Booklet dieser Edition zitiert. Aber der Mann mit den Schnauzer war immer das exakte Gegenteil von relaxt. Ein getriebener, ehrgeiziger, atemloser Künstler der besonders schwierigen Sorte. Wer bei diesem antiken TV-Auftritt Rowlands Gesicht, seinen Blick betrachtet, kriegt eine Ahnung davon: ein Exzentriker, der immer unter Strom stand, der die Bänder mit den Aufnahmen des ersten Albums aus dem Studio entführte und erst wieder zurückgab, nachdem sein Vertrag nachgebessert worden war, einer, der sich vor Lastwagen legte, um die Auslieferung seiner Platten zu verhindern, weil er damit nicht mehr zufrieden war, einer der sich nach hartem Drogenentzug beim Glastonbury Festival in Frauenkleidern auf der Bühne von Massen verhöhnen ließ und sich in Zeitungsanzeigen für sein schlechtes Benehmen bei ehemaligen Mitmusikern entschuldigte.
Vor allem aber war Kevin Rowland hoch begabt und lieferte drei sehr verschiedene, aber stets erstklassige Dexys-Midnight-Runners-Alben ab. Nachdem er in einigen Punk-Bands gelärmt hatte, legte der Northern-Soul-Fanatiker 1978 mit Dexys Midnight Runners los. Gut auszusehen und gute Musik zu machen, waren die Vorgaben, sagte er später. Dexys Midnight Runners kleideten sich wie Robert DeNiro in "Mean Streets" und klangen wie eine verlorene Band des legendären Soul-Labels "Stax". Schnell sorgten ihre Konzerte für Aufsehen, der Manager von The Clash besorgte "Dexys" einen tollen Platten-Vertrag, und Van Morrison sollte das Debüt produzieren, aber weil der mindestens so exzentrisch wie Kevin Rowland ist, wurde daraus leider nichts.
Trotzdem gelang das Album großartig: Auf elf makelosen Songs kreuzten Rowland und seine Zuarbeiter Soul mit dem Feuer von Punk und herrlichen Melodien. Mit der Single "Geno" landeten sie sogar auf dem ersten Platz der britischen Charts. Aber weil Rowland eben ein schwieriger Despot ist, suchten die Musiker seiner Band bald das Weite.
Er rekrutierte eine neue Gang, tauschte den "DeNiro"-Look gegen Waldschrat-Lumpen-Kleider und eroberte mit "Come on Eileen" die Charts der Welt. Nach einem dritten Album war 1986 Schluss. Es folgten zwei bizarre Solo-Platten und 2003 eine hastige Dexys-Reunion-Tour. Interviews hat Rowland stets gehasst und kaum gewährt. Auf seiner MySpace-Seite steht immerhin seit Jahren das Versprechen einer neuen Platte. Gehalten hat er es bislang nicht.