Pop-Ikone Pharrell Williams: Skaterboy wird Superstar - DER SPIEGEL
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Pop-Ikone Pharrell Williams Skaterboy wird Superstar

Er ist cool, kreativ und immens erfolgreich: Der US-Musiker und Produzent Pharrell Williams beglückt HipHopper, R'n'B-Fans und Pop-Hörer mit immer neuen Hits. Mit seinem ersten Solo-Album will sich der Erfolgsgarant nun endgültig zur Ikone stilisieren.
Von Uh-Young Kim
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Journalisten warten zu lassen, gehört für Popstars zum guten Ton. Die Kundschaft allerdings auf später zu vertrösten, kann schnell nach hinten losgehen. Als Pharrell Williams vor über einem halben Jahr mit standesgemäßer Verspätung im Kölner Sportmuseum eintraf, um Auskunft über sein Solo-Album zu geben, war die Aufregung über den vielleicht einflussreichsten Produzenten der heutigen Popmusik noch groß.

Die Promotionmaschine lief auf vollen Touren: Mitarbeiter der Plattenfirma schwirrten aufgescheucht umher, Fotografen scharten sich um den zurückhaltenden Hitmaker, Pressevertreter versuchten meist vergeblich, das Eis zu brechen und widmeten ihm dann doch seitenlange Titelstorys. Schließlich bildet der 33-jährige Pharrell Williams aus Virginia Beach gemeinsam mit Chad Hugo die Neptunes – jenes Produzentenduo, das innerhalb der letzten acht Jahre das kommerzielle Radioprogramm mit etlichen R'n'B- und HipHop-Hits versorgte, darunter Justin Timberlakes "Rock Your Body" und Gwen Stefanis "Hollaback Girl".

Bloß, im Anschluss an den Interviewtag folgte erstmal: nichts. Etliche Male wurde die Veröffentlichung des Albums "In My Mind" verschoben. Es hieß, der unverbesserliche Perfektionist wolle die Stücke komplett überarbeiten. Dann soll das Timing nicht gestimmt haben, um ihn auch als Solo-Interpreten auf den Pop-Olymp zu hieven. Jetzt, da es endlich so weit ist, droht die Launenhaftigkeit des Künstlers auf sein Produkt zurückzufallen. Das kurze Zeitfenster der Aufmerksamkeit hat sich fast wieder geschlossen.

Der Nimbus, bei dem man mitmuss

Im Vorfeld der damaligen Interviews konnte man das Album in einer flüchtigen Listening Session einmalig genießen. Entsprechend knapp fielen die Kommentare zur Musik selbst aus. Doch die bloße Präsenz des Stars gab genügend Anlass dazu, am Mythos der Pop-Ikone weiterzuspinnen. Tatsächlich strahlte Pharrell jene Lässigkeit aus, die man aus Musikvideos von ihm kennt. Behangen mit quietschbunten Klunkern um Hals und Finger, schlurfte er in perfekt ausgebeulten Jeans, Sneaker-Unikaten und Camouflage-Outfit in den Interviewraum: ein millionenschwerer Skaterboy.

Während der Pause taute der Star nur einmal auf: Britische Schulkinder hatten ihn entdeckt und zückten ihre Foto-Handys. Aufgelockert posierte er mit ihnen und spreizte dabei die Finger zum vulkanischen Gruß aus der "Star Trek"-Serie – eine Trademark-Geste, die auf sein eigenes Plattenlabel Star Trak verweist. Aus popkulturellen Referenzen wie diesen ist sein Image als großes Kind gestrickt, das sich die Welt zurechtbaut, wie sie ihm gefällt. Mitterweile hat der Erfolgsproduzent dazu auch nahezu alle Möglichkeiten: So steht er Pate für die neue Louis-Vuitton-Kampagne, seine eigene Streetwear-Kollektion ist in Tokio der große Renner, Turnschuhe tragen seinen Namen, und natürlich besitzt er auch eine Restaurantkette.

Musikalisch tobte sich Williams bereits mit seiner Band N.E.R.D. aus. Ihre Rock-Ansätze fehlen auf "In My Mind" jedoch gänzlich; nach zwei kommerziell enttäuschenden Veröffentlichungen war klar, dass diese Grenzüberschreitung den Mainstream schlicht überfordert hat. Nun ist Pharrell auf den Superstarmoment aus, zu dem er im Hintergrund bereits Justin Timberlake und Usher verholfen hat.

Schmutzig statt putzig

Auf seinem Album konzentriert er sich deswegen auf das Terrain, auf dem er sich schon seit Jahren mit schlafwandlerisch sicherem Hitgespür bewegt. Auf sieben Rapstücke folgen sieben R'n'B-Songs. Besonders die zweite Hälfte des Albums revidiert dabei den Mythos vom Jungen, der sich weigert, erwachsen zu werden. Hier entpuppt sich "In My Mind" als ein Album im Sinne des jugendgefährdenden Prädikats "Adult". Die erogenen Zonen einer Frau werden detailliert besungen, das Tabu von Sex mit Minderjährigen gebrochen.

Diese explizite Spielart des R'n'B ist nicht neu, ihr Vorspiel bildet das kurzlebige Post-Soul-Genre New Jack Swing. Von Ende der achtziger bis Mitte der neunziger Jahre beherrschten Stars wie Bobby Brown, Guy oder Janet Jackson die Popcharts. Es ist kein Zufall, dass Pharrell diesen längst vergessenen Sound wiederbelebt, war sein Entdecker und Förderer doch Teddy Riley, der Erfinder des New Jack Swing. Riley, der unter anderem schon Michael Jackson und Blackstreet produzierte, verschlug es nach Massenerfolgen ins Küstenstädtchen Virginia Beach, gleich neben Pharrells High School. Als dieser volljährig war, nahm er ihn unter Vertrag.

Riley war der erste, der die damals noch getrennten Welten des R'n'B und HipHop vermählte – eine Mischung, ohne die heute kein internationaler Charterfolg mehr auskommt. Er gab dem verwässerten Soul der Ära durch die Straßen-Authentizität der aufblühenden HipHop-Szene den zeitgemäßen Schub. Auf Pharrells Album ist das für New Jack Swing typische Zusammenspiel aus emotionaler Sanftheit und synthetischer Härte um ein Vielfaches verstärkt - der perfekte Sound zur größtmöglichen Abdeckung des Popmarkts.

Das Geschäftsmodell, das Teddy Riley damals zur Gewinnmaximierung installierte, lehnte sich an Motown und sein Heer von Fließbandkomponisten an. Auch aus Rileys Hitfabrik floss, dank einer Schar williger Praktikanten und Zulieferer, ein ununterbrochener Strom aus Chartbreakern. So wurde der Produzent zum kreativen und kommerziellen Souverän, ein Modell, das Schule machte. Sowohl Rileys Schüler – die Neptunes, Timbaland und Rodney Jerkins –, als auch HipHop-Mogule wie Dr. Dre, P. Diddy und Jay-Z verdanken ihm ihre überragende Position in der Branche.

Mit seinem Update von Rileys Sound tritt sein erfolgreichster Ziehsohn nun allerdings aus der Anonymität des Produzenten heraus - und leistet etwas Paradoxes: Pharrell übersetzt eine hoch kommerzielle Ästhetik in einen neuen, aufregenden Sound, der zugleich avantgardistisch und charttauglich ist. Mit der nötigen Verzögerung von über einer Dekade hat der New Jack Swing so posthum noch zu seinem Prince gefunden.


Pharrell Williams: "In My Mind" ist bei Virgin/EMI erschienen