Pop & Jazz Coole Brise von der Adria
Der britische Popjournalist und Musiker Bob Stanley, Mitglied bei Saint Etienne, hat mal behauptet, dass Italien, von Klassik abgesehen, noch nie einen relevanten Musiker hervorgebracht habe. Ein gnadenloses Urteil und nicht gerecht. Da wären immerhin der grandiose Filmkomponist Ennio Morricone - "Spiel mir das Lied vom Tod" - oder der coole Kauz Adriano Celentano- "Azzurro". Gut, ist lange her.
Ein hoffnungsvoller Kandidat der Gegenwart ist Nicola Conte. Der 42-jährige Italiener ist Spezialisten schon länger als kompetenter Jazz- und Easy-Listening-DJ, Remixer, Produzent und Musiker bekannt. Sein neues Album "Other Directions", auf dem er selbst Gitarre spielt, erscheint erstaunlicherweise beim legendären amerikanischen Jazz-Label "Blue Note". Vielleicht klingt deshalb vieles darauf wie das Echo einer großen Vergangenheit: wehmütig lässige Balladen, die an die Lieder des großen Trompeters Chet Baker aus den Fünfzigern erinnern. Für die Moderne sorgen hier behutsam eingefügte Beats und junge Stargäste wie Till Brönner und Lisa Bassenge.
Mit Werken wie dieser Conte-Platte befreit sich auch Blue Note seit einiger Zeit vom Ballast der eigenen Geschichte. Berühmt für Legenden wie Miles Davis, John Coltrane oder Thelonious Monk modernisierte sich der Traditionsladen zuletzt mit der Bestseller-Königin Norah Jones, jungen Wilden wie Medeski Martin and Wood, den Soul-Größen Al Green und Anita Baker und allerlei DJ-Mix-Platten.
Auch Conte möchte, bei aller Liebe für Vergangenes, nicht als Retro-Künstler gelten. Er sieht sich vielmehr als Wiederentdecker von Stilen, die, seiner Meinung nach, viel zu früh in die Geschichte eingegangen sind. So wird nun coole amerikanische Jazztradition an der Adria für die Clubs der Gegenwart aufgemöbelt. Wenn das Bob Stanley wüsste.
CHRISTOPH DALLACH
CDs: Nicola Conte: "Other Directions" (ab 6.9.); Anita Baker: "My Everything" (ab 13.9.); Diverse: "Blue Note Trip"; Marc Moulin: "Entertainment" (beide ab 27.9.).