Pop & Jazz Die virtuelle Diva
Zu den derzeitigen großen Illusionen von Musikern gehört die vermeintliche Freiheit des Internet. Wer seine ausbeuterische Plattenfirma satt hat, macht sich halt mit eigener Website selbständig und scheffelt künftig alles Geld allein, ist die Devise. Wie wichtig aber die Rückendeckung einer etablierten Firma ist, kann Maria McKee bestätigen. Dass die Amerikanerin vor einigen Wochen durch Europa tourte, hat zum Beispiel kaum jemand bemerkt - wie auch, ohne große Werbung. Auch ihr exzellentes neues Album "High Dive" - aufwendig arrangierter Singer-Songwriter-Pop in der Tradition von Van Morrison - haben nur Eingeweihte wahrgenommen.
"Inzwischen habe ich kapiert, dass man kaum Aufmerksamkeit zu erwarten hat, wenn man ganz auf sich allein gestellt ist", sagt die so stolze wie hoch talentierte Diva. Dabei galt die heute 38-Jährige eine Zeit lang als sichere Kandidatin für eine ganz große Karriere. Der exzessive Country-Rock, den sie mit ihrer Band Lone Justice in den Achtzigern produzierte, ließ nicht nur Kritiker, sondern auch Kollegen wie Bono und Bob Dylan jubilieren - wobei Letzterer ihr sogar einen Song spendierte. Aber weil dann doch nicht alles so schnell wie erwartet lief, probierte es McKee mit einer Solo-Karriere. Nach drei sehr schönen, aber schwer verkäuflichen Platten war die Geduld der Plattenfirma aufgebraucht. Nach einigen Schmolljahren machte die Sängerin sich auf eigene Faust mit der Website ist www.mariamckee.com , über die sie auch ihr neues Album vertreibt, auf den Weg ins Internet.
Dass die Musikerin überhaupt noch im Rennen ist, verdankt sie Zufallstreffern wie "Show Me Heaven", einem seichten Song für einen grässlichen Tom-Cruise-Film oder dem von ihr ebenfalls verfassten "A Good Heart", in den Achtzigern ein Superhit für Feargal Sharkey. Ende der Neunziger ließen die US-Country-Queens Dixie Chicks ihre Kasse klingeln, als sie einen McKee-Song coverten. Deshalb kann McKee sich Geduld leisten: "Ich brauche keine großen Firmen", sagt sie trotzig und macht sich fertig für einen weiteren Auftritt in einer halb vollen Halle.
Christoph Dallach