Pop & Jazz: Sperriger Klangforscher - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Pop & Jazz Sperriger Klangforscher

Die Krise als Chance: Bei Kleinstlabels veröffentlicht Frank Schültge karg-schöne Alben.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Plattenfirmen jammern über sinkende Umsätze, die Konsumenten über sinkende Qualität. Aber die Krise ist die Chance der Kleinen: Selten war die Vielfalt an unabhängigen und umtriebigen Plattenfirmen und Musikern so groß wie heute.

Einer dieser fleißigen Musiker ist Frank Schültge, der sich derzeit F. S. Blumm nennt. Der 34-Jährige hat unter diversen Namen und in verschiedenen Projekten eine erstaunliche Anzahl von Tonträgern für Kleinst-Plattenfirmen wie Klangkrieg oder Morr Music produziert. Sein aktuelles Album hat er "Ankern" genannt (Staubgold/Indigo). Diese Sammlung wundersamer und karger Instrumentalmelodien hat er vorwiegend mit Gitarre eingespielt und von Gästen mit Vibrafon, Trompete und "virtueller Orgel" anreichern lassen. Aber weil F. S. Blumm ein Künstler ist, will er seine Platten nicht auf Wohlklang reduzieren: "Man kann sich auch intensiver damit auseinander setzen. Ich wäre unglücklich, wenn meine Musik nur funktional wäre."

Groß geworden ist Schültge in Bremen. Als erstes Instrument bekam er, wie viele Grundschüler, zu seinem Unglück eine Blockflöte geschenkt und träumte von einer Gitarre. Als er die endlich besaß, begann er seine ausschweifenden Expeditionen ins Klangreich, was hieß, dass er mit einer Punkband Schul-Aulen leer spielte. Er hat Musik und Kunst auf Lehramt studiert und mit Staatsexamen abgeschlossen. Aber danach einen individuellen Weg eingeschlagen. Seine Mission: "das Forschen an sich, wie Töne auf Instrumenten erzeugt werden".

In den ersten Jahren ist dabei überwiegend Klangkunst entstanden, wie man sie sich als Außenstehender vorstellt: krachig und sperrig. Auch wenn er zu Hause gern noch "vierteltonige Musik" hört, sind seine Werke längst angenehm zugänglich. Das mag auch daran liegen, dass er mit einem Kollegen seit Jahren Hörspiele für große Radiosender produziert.

Seine nächsten beiden Alben sind bereits für den Februar angekündigt. Leute mit Ideen haben keine Krisen.

CHRISTOPH DALLACH