Pop!: Protestbewegung gegen U2 - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Fotostrecke

Pop!: "Pornification" der Hitparade

Foto: Sandra Mu/ Getty Images

Pop! Protestbewegung gegen U2

Sind Bono und seine Jungs reich genug? Oder moralisch bedenklich? Ist Pop zu pornografisch? Und funktioniert die Formel "Sex sells" noch? Weltbewegende Fragen, die die Blogs erbeben lassen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Reiche Rocker

In schöner Regelmäßigkeit stimmen Plattenfirmenbosse und prominente Künstler Klagegesänge an, dass mit Musik kaum noch Geld zu machen sei. So jammerte U2-Rumpelstilz Bono noch im vergangenen Jahr, wie sehr er enttäuscht sei über die mittelprächtigen Absatzzahlen des letzten U2-Albums "No Line At The Horizon". Wie relativ solche Beschwerden zu nehmen sind, belegt ein aktuelles Ranking des Magazins "Forbes" , die die Pop-Großverdiener des Planeten auflistet. Potzblitz: Auf Platz eins landeten der arme Bono und seine Gang, die 2010 dank ausdauernder Tournee die Kleinigkeit von 195 Millionen US-Dollar einsackten (die sie in Steueroasen bunkern!).

Mit dezenten 125 Millionen müssen sich die Hausfrauen-Rocker von Bon Jovi begnügen. Ansonsten ist die Rangliste auch ein eindrucksvoller Beleg dafür, dass in den USA immer noch am effektivsten Kasse zu machen ist. Denn von Musikern wie Toby Keith (Platz 11, 50 Mio.) oder Rascal Flatts (Platz 23, 34 Mio.) hat im Rest der Welt kaum einer gehört. Das Schlusslicht der Liste mit Platz 25 und 29 Millionen Dollar Einkommen ist Rihanna. Vielleicht leiht ihr ja Bono was, wenn sie mal knapp bei Kasse ist.

Verlogene Rocker

U2 sind also die großen Verdiener der Branche. Darüber, ob sie auch große verlogene Langweiler sind, wird in Großbritannien zurzeit angeregt gezankt. Stein des Anstoßes ist der U2-Auftritt an diesem Freitagabend beim Glastonbury Festival, das im Vereinigten Königreich jedes Jahr ein gewaltiges Ereignis ist. In einem Beitrag des "Guardian"  wird nun überlegt, ob es eine künstlerische Bankrotterklärung für ein Festival mit Anspruch ist, die Bombast-Rocker aus Irland als Headliner zu buchen. Außerdem wird darüber gefrotzelt, ob es nicht gar moralisch verwerflich sei, U2 anzuheuern. Aktivisten einer Gruppierung namens Art Uncut haben sogar Proteste vor Ort gegen U2 angekündigt. Der Vorwurf ist, dass die vermeintlichen Gutmenschen von U2 zwar Gott und die Welt stetig zu Spenden aufrufen, aber selber ihre Millionen-Einkünfte geschickt an der Steuer vorbeischleusen. Recht hat auf jeden Fall ein Online-Kommentator namens "Cifton": "Es ist bloß ein Pop-Festival und am kommenden Dienstag ist das alles hier vergessen."

Porno-Pop

Auch der andauernde, Aufsehen erregende kommerzielle Triumph der Britin Adele beschäftigt die Meinungsmacher im Pop-Universum. Nun hat sich auch Richard Russell, der Chef von Adeles Plattenfirma XL Recordings zu Wort gemeldet und verkündet, wie toll es sei, dass es bei seiner Künstlerin "nur um Musik" gehe und "keine Sexualität verkauft" werde. Also eine Breitseite in Richtung Lady Gaga & Co. In einem Blog-Beitrag des "New Musical Express"  empört sich nun eine Autorin darüber, dass es eigentlich überhaupt nicht der Rede wert sein dürfte, ob eine Musikerin erfolgreich ist, ohne ihre Sexualität ins Spiel zu bringen. Dann führt sie aus, dass Pop zwar schon immer sexuell aufgeladen war (Elvis, Bowie etc.), dass aber die zunehmende "pornofication" der Hitparaden (Kate Perry, Snoop Dogg, Rihanna, etc.) schon eine Plage sei und letztlich vor allem: langweilig!

Porno-Klassiker

Als ewiger Großmeister verruchter Hits gilt selbstredend immer noch der Franzose Serge Gainsbourg. Dass dessen Klassiker auch in diesem Jahrtausend noch als aufregend gelten, sieht man an der Tatsache, dass sie in Frankreich gerade ausgiebig für allerlei Luxus-Werbung eingesetzt werden. Der Stöhn-Hit "Je t'aime ... Moi Non Plus" surrt nun als Soundtrack prominent durch einen Spot für Miss Dior . Mit Natalie Portman vor der Kamera und Sofia Coppola dahinter.