Pop-Veteran Ray Davies: Comeback mit Schuss - DER SPIEGEL
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Pop-Veteran Ray Davies Comeback mit Schuss

Da reist Ray Davies nach New Orleans und wird prompt angeschossen. Doch der Kinks-Veteran hat bereits mehrere Jahrzehnte Popgeschichte überstanden - von einem Straßenräuber lässt er sich nicht aufhalten. Schon gar nicht, wenn ein neues Album ansteht.
Von Thomas Winkler
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Irgendwie hatte man schon immer das Gefühl, dass Ray Davies nichts im Ausland verloren hat. Allzu britisch waren diese seltsamen Songs, die er für die Kinks geschrieben hatte, allzu exzentrisch wirkte sein Verhalten nach Auflösung der Band. Dass dem alten Herrn des britischen Popsongs das Verlassen seiner Insel gar nicht gut bekommt, musste ihm selbst spätestens im Januar 2004 klarwerden, als er in New Orleans von einem Straßenräuber angeschossen wurde. Gerüchtehalber sollte der Musiker sogar ein Bein verlieren. Tatsächlich aber wurde nur - zum wiederholten Male - das Erscheinen seines ersten Solo-Albums verzögert.

Er kenne sich nicht mehr aus in der Popmusik, dabei war er doch nur eine Woche im Urlaub, soll Davies gesagt haben. Nun, 16 Jahre, nachdem die Kinks in die Rock'n'Roll Hall of Fame aufgenommen wurden, zehn Jahre nach ihrem letzten Auftritt, hat es "Other People's Lives" nun doch noch ans Licht der Öffentlichkeit geschafft. Und - kein Zweifel: Der Mann kennt sich sehr wohl noch aus, vor allem mit dem Songschreiben.

"Other People's Lives", das sind 13 neue Songs, die ersten, die Davies nicht für die Kinks geschrieben hat. Hier finden sich allerdings - der Titel des Albums verrät es - keine Seelenzustandsbeschreibungen des 61-Jährigen. Man erfährt auch nichts über den kürzlichen Schlaganfall seines Bruders Dave, dem Kinks-Gitarristen, mit dem ihn eine ebenso legendäre wie bisweilen handgreifliche Hassliebe verbindet.

Selbst der Song "The Tourist", eine bitterböse Abrechnung mit der massenhaften Reiselust, verzichtet auf Anspielungen auf das New-Orleans-Malheur. Kein Wunder: Alle Songs sind bereits vor der unangenehmen Begegnung mit dem Räuber geschrieben und eingespielt worden. Dieses und manches mehr war zu erfahren bei einem exklusiven Auftritt von Davies in der Bar eines respektablen Berliner Hotels, zu dem seine Plattenfirma letzte Woche geladen hatte.

Der Runde aus Journalisten und altgedienten Fans wie Jim Rakete, der mit tapfer stinkenden Zigarillos das Rauchverbot ignorierte, verriet er auch, warum die anderthalb Jahre alten Aufnahmen erst jetzt heraus kommen. Nicht nur die Schussverletzung verzögerte die Veröffentlichung, nach jahrelangen Auseinandersetzungen und Verhandlungen mit der modernen Musikindustrie fühlt sich Davies wie Muhammad Ali im legendären Kampf gegen George Foreman: "Ich hänge in den Seilen, werde verprügelt und hoffe nur noch, dass der Gegner vor Erschöpfung aufgibt."

Go West

Dann steckte sich der recht schütter gewordene Säulenheilige des gedrechselten Popsongs eine dicke Hornbrille auf die Nase, trug einige Lieder des neuen Albums vor, riss einige Witze, beantwortete wenige Fragen und zeigte vor allem längere Sequenzen eines Video-Tagebuchs. Gedreht während einer Tour durch Amerika und bei den mehrmonatigen Aufenthalten in New Orleans, wo ein Großteil des Albums entstand, setzen sich CNN-Splitter und Konzert-Aufnahmen, Straßen-Szenen und Blicke aus anonymen Hotelzimmern zum Dokument einer "Reise in die Selbsterfahrung" zusammen, wie Davies es selbst nannte. "Vielleicht sind mir in England die Figuren ausgegangen", ergänzte er. "Vielleicht war es Zeit, sich auf Amerika zu konzentrieren. Das war schließlich das Land, das mich dazu gebracht hat, überhaupt eine Gitarre in die Hand zu nehmen."

Die Suche nach neuen Figuren im Land seiner musikalischen Wurzeln war erfolgreich. Wieder einmal schlüpft Davies in die Rolle des mal leicht zynischen, mal mitfühlenden Beobachters von "Other's People Lives". Er beäugt misstrauisch den "Next Door Neighbour" und fragt bissig: "Is There Life After Breakfast?"

Zwar hat Davies unlängst gestanden, alle diese Songs handelten von ihm selbst, andererseits ist sein Verfahren nach wie vor dramatisch: Wie ein Theaterautor entwirft er Figuren, weist ihnen Haupt- oder Statistenrollen zu und übernimmt bisweilen als Ich-Erzähler den Titelpart. Irgendwo zwischen den Zeilen, da werden sicher auch der ganz private Raymond Douglas Davies und seine Autobiografie versteckt sein, aber wer kann schon wissen, wo. "Vielleicht schreibe ich über andere Menschen", erklärt er nur halb im Scherz, "weil ich selbst so uninteressant bin".

Kreativität statt Kult

Ist das der Grund, warum sein Werk in den letzten vier Jahrzehnten nicht von Kinkologen analysiert, neu interpretiert und in neue Zusammenhänge gestellt wurde? Es müssten ja nicht gleich so viele sein wie beim Kollegen Bob Dylan, aber ein paar solcher hingebungsvoller Spinner hätte Davies schon verdient. Schließlich hat er sich bereits in den Swinging Sixties sarkastisch gegen die Hippie-Glückseligkeit gestellt, den selbstironischen Humor der Arbeiterklasse in der Popmusik etabliert und damit gewissermaßen den erfolgreichen Realismus des britischen Kinos vorweg genommen.

Doch auch wenn er es nicht zum Gegenstand akademischer Aufarbeitung gebracht hat: Die Verehrung von Kollegen quer durch die Lager des Pop - von den Oasis-Gesellen Liam und Noel Gallagher über The Who und die Stranglers bis zu Heinz Rudolf Kunze und Wolfgang Niedecken - ist im gewiss. Auch Paul Weller und Damon Albarn nennen ihn als Einfluss, was ihm den Titel "Godfather of Britpop" einbrachte.

Aber man sollte einen großen Mann nicht an seinen Anhängern messen, sondern besser an seinen Songs. Und die sind auf "Other People's Lives" nicht nur textlich auf hohem Niveau, sondern auch musikalisch erstaunlich. Ganz unaufgeregt zitiert er den Kinks-Sound, mimt aber schlauerweise nicht mehr den Rocker aus "You Really Got Me" oder "All Day And All Of The Night".

Stattdessen begnügt er sich mit luftig arrangierten Midtempo-Nummern, melancholischen Kleinodien, deren stilistische Vielfalt vom Latin-Rhythmus bis zur Mardi-Grass-Brassband reicht. Davies ist mit "Other People's Lives" keine Überraschung gelungen, hat es aber geschafft, jene Kritiker auszutricksen, die Popstars ab einem gewissen Alter gebetsmühlenartig vorwerfen, nur mehr von der eigenen Vergangenheit zu zehren.

Muss eigentlich nur noch geklärt werden, was wirklich passierte in New Orleans mit den amerikanischen Waffenbrüdern. Vielleicht tut Davies aber auch das einzig Richtige und bleibt in Zukunft auf seiner Insel. Da gehört er schließlich hin wie kein anderer.


Ray Davies: "Other People's Lives". (V2 Records/Rough Trade)

Einziger Auftritt in Deutschland: 26.4. in Hamburg