Popband Gary Robert und die Rüpelbande
Da staunte Nova Meierhenrich aber, schaute ganz ungläubig und sprach verwundert die Worte: "So habe ich das noch nie gesehen." Soeben hatte Sänger und Schauspieler Robert Stadlober der Allzweckwaffe des Pay-TV-Senders Premiere, die in ihrer Freizeit gemeinsam mit Sat.1-Dauergrinser Franklin eine Hochzeitsshow moderiert, am Rande der "Berlinale" die Philosophie seiner Band Gary erläutert: keine Ahnung, wann die Single erscheint, die sei sowieso "für'n Arsch" und lange nicht so wichtig wie das Album.
Das haben der gebürtige Österreicher Stadlober (Gesang/Gitarre), Kai Gabriel (Bass) und Rasmus Engler (Schlagzeug) etwas überspannt "The Lonely Cnorve Machine" genannt und das Cover exakt so gestaltet, wie man sich den Prototyp eines klassischen Indie-Rock-Covers eben so vorstellt. Dass auch der charmant-chaotische Gitarren-Pop von Gary nicht wirklich neu ist, weiß der mal in Hamburg, mal in Barcelona lebende Stadlober selbst am besten: "Das ist eben die Musik, die wir gerne hören. Etwas anderes könnten wir auch gar nicht machen. Sollen wir etwa Samples oder moderne Computerbeats benutzen?" Und fügt glaubhaft hinzu: "Wenn unsere Musik plötzlich von allen gehört werden würde, müssten wir überlegen, ob wir weitermachen oder nicht. Geht das Album in die Top 20, lösen wir uns auf und fangen mit einem anderen Namen neu an."
So denken Underground-Freaks, die Plattenläden nach raren Singles von Guided By Voices, Built To Spill oder den Lemonheads abklappern und eher ins Repertoire honoriger Labels wie Sub Pop oder SST passen würden. Gary aber veröffentlichen "The Lonely Cnorve Machine" bei Jive, dort, wo zuvor schon Britney Spears und die Backstreet Boys ein Zuhause gefunden haben. Kein Widerspruch, eher ein guter Witz. "Natürlich haben wir den Plattenvertrag nur auf Grund meines Namens bekommen. Aber ich kann ja auch nichts dafür, dass ich Schauspieler bin. Das ist eher aus Versehen passiert", erklärt der Jung-Mime, der sich selbst als ziemlich faul einstuft und meistens dann dreht, wenn er Geld braucht. "Andere sind Metzger und machen auch Musik."
Auch mit der unangenehmen Seite des Showbiz haben Gary trotz junger Karriere schon Bekanntschaft geschlossen. Mit der ersten Single-Veröffentlichung "Green Trees" ist die Band schon jetzt nicht mehr zufrieden, weshalb es der Song nun nicht einmal auf "The Lonely Cnorve Machine" geschafft hat. Zudem landete man unlängst unfreiwillig in der Klatschspalte der "Bild"-Zeitung, ohne überhaupt jemals mit der für Promitratsch zuständigen Kolumnistin Bea Swietczak gesprochen zu haben. Robert Stadlober erfuhr davon in der U-Bahn, von einem "Business-Typen, der zufällig die Seite mit unserem Bandfoto und dem Unsinn, wir drei würden alle in derselben WG wohnen, aufgeschlagen hatte". Das Boulevard-Blatt hatte sich zu den von der Presseabteilung der Plattenfirma herausgegebenen Gary-Fotos flugs etwas aus den Fingern gesogen, nachdem Stadlober und Genossen deutlich gemacht hatten, dass das Trio an einem persönlichen Gespräch mit den Springer-Leuten keine rechte Freude hätte.
Raue Zeiten also für das verwuschelte Trio, das man am ehesten in einem Film von Richard Linklater vermuten würde als im Studio des Teenie-TV-Sender Viva. Dort, sind sich die drei einig, würde man aber genauso wenig aufkreuzen wie bei der "Bild-Zeitung". Auch die zweifellos exponierte Stellung von Robert Stadlober gereicht den Hoffnungsträgern nicht immer nur zum Vorteil: "Die Leute denken, nur weil sie meine Fresse aus dem Fernseher kennen, haben sie das Recht, mich auf der Straße dumm anzumachen", ärgert sich der 19-Jährige. "Da heißt es dann oft: 'Ich spiel' auch in einer Band und die ist übrigens viel besser als deine.' So was nervt, und oft verbringe ich meine Zeit damit, fremden Leuten zu erklären, warum ich gar kein so großes Arschloch bin."
Ist doch alles nur Spaß, oder? Ein Streich Stadlobers ist kürzlich Til Schweiger bitter aufgestoßen: Stadlober ließ Visitenkarten mit der Aufschrift "Til Schweiger, Kleindarsteller und Taxi-Unternehmer" drucken, versah sie mit seiner eigenen Handy-Nummer und verteilte sie in der Hoffnung, Schweiger selbst würde eine solche in die Hände fallen. Vor kurzem, erzählt Stadlober, nahm ihn dann Schauspieler-Kollege Mark Keller beiseite, um ihm großmütig zu erklären: "Junge, ich finde dich gut, obwohl du mich immer disst. Aber nimm dich in Acht vor Til - der ist hinter dir her!"
Lausbubenstreiche und Rock'n'Roll: Die beherzt losrockenden Jungs von Gary mit ihrem rotzfrechen Frontmann wollen nicht so recht in die glamouröse Oberflächlichkeit des Jahres 2002 passen. So hatte auch Nova Meierhenrich am Ende des Berlinale-Gesprächs wieder alle Mühe, die Figur Stadlober zu fassen: Im Kurzfilm "Klaustrophobie" spielt Stadlober den jungen Klaus Kinski, der, fiebrig und Gedichte von Francois Villon rezitierend, durch ein Feld von Sonnenblumen schreitet, die schon bei Vincent Van Gogh den süßen Wahnsinn symbolisierten. "Das ist ja ein schönes Bild, du in den Sonnenblumen", sprach die Schönheit und staunte wieder.
Gary: "The Lonely Cnorve Machine" (Jive/Zomba); veröffentlicht am 4. März 2002.