Popduo Air Endlich ein männliches Element
Manchmal fällt Nikolas Godin dem eigenen Terror zum Opfer. Vor allem, wenn er seine Garderobe erneuern will. "Ich gehe in den Laden und es läuft Air", erzählt er, "das ist so peinlich." Wäre Godin nicht offensichtlich ein Mann, der nicht nur gut gekleidet ist, sondern auch in jeder Situation die Fassung behält, würde er sich wohl schütteln vor Abscheu. Aber das tut er nicht. Er lächelt lieber, blickt in die Runde und verkündet: "Passiert mir ständig. Unsere Musik läuft offensichtlich gut in Boutiquen."
Auch "Pocket Symphony", das neue Album von Air, dürfte vermutlich wieder viele Verkäuferinnen verzücken und potenzielle Kunden betören. Aber will man das genauer wissen, sollte man nicht unbedingt Godin fragen. Denn der hört sich seine eigene Musik niemals an. "Das kann ich nicht ertragen", sagt er über die eigenen Ergüsse, "das ist Horror für mich". Wundervoll, ätherisch, luftig, so wurde die Musik von Godin und seinem Partner Jean Benoit Dunckel schon charakterisiert. Oder auch: Verschmust, kitschig, langweilig, bisweilen vielleicht auch öde. Aber: "Der Horror"? Das war bisher noch nicht im Repertoire.
Während er das sagt, lächelt Godin sehr milde durch seinen roten Vollbart, aber die freundliche Nachsicht scheint weniger ihm selbst als vielmehr uns, den Journalisten, zu gelten. Doch wer die günstige Gelegenheit nutzen will und ein "Aber warum denn das!?" hinterher schiebt, erntet nur einen Blick zwischen Mitleid und Unverständnis. Ein Schulterzucken schließt das Thema höflich, aber sehr bestimmt ab. Dann lächelt Godin wieder unverbindlich: Nächste Frage bitte.
Godin, eigentlich Mathematik-Lehrer, und der studierte Architekt Dunckel kennen sich seit ihrer Schulzeit, also seit mehr als zwanzig Jahren. Die beiden gelten in der Branche nicht umsonst als legendär langweilige Interviewpartner. Ihre Musik dagegen löst oft Begeisterung aus, nicht nur bei Verkäuferinnen. Eine sehr reservierte Begeisterung allerdings: Fans der elegischen Melodien und butterweichen Arrangements von Air neigen nicht zur Hysterie, eher schon zum verträumten Wegnicken.
Denn Air fanden stets mit seelenruhiger Zielsicherheit den gemeinsamen Nenner zwischen Fahrstuhlmusik und Tanzbodenästhetik, Gefühlsduseligkeit und Zurückhaltung. Dabei übertrieben sie den Wohlklang derart, dass es schon wieder lächerlich gewesen wäre, ihnen Kitsch vorzuwerfen. Die beiden Franzosen schwebten nicht nur in anderen Sphären, sie erschufen sich gleich neue, eigene, aus Zuckerwatte und Plüschkissen. Hilfreich dabei waren stets auch Streicher-Arrangements: "Wenn man ein Orchester haben kann, sollte man auch ein Orchester nehmen", meint Godin, "die Menschen sollen unsere Platte kaufen, damit wir uns weiter ein Orchester leisten können."
In den letzten Jahren wurde diese luxuriöse Ausstattung vorsichtig erweitert. Für "Pocket Symphony", das fünfte Album von Air, hat man sich nun grundsätzlich an die früheren Aufnahmen erinnert und wollte wieder, wie Godin lächelnd sagt, "atmosphärischer" werden. Man kehrt, so das Diktum, zurück zu den Wurzeln. Das bedeutet: Weniger Songs als zuletzt, als Godin und Dunckel für Charlotte Gainsbourg ein ganzes Album komponierten, weniger Struktur als auf dem legendären Soundtrack zu Sofia Coppolas Film "The Virgin Suicides". Dieses Album sei, sagt Godin, auch "eine Gegenreaktion" auf die letzten beiden, eher experimentellen Veröffentlichungen, eine Rückkehr zum exorbitant erfolgreichen Debüt "Moon Safari" von 1998.
Aber Air wären nicht Air, hätten sie sich nicht trotzdem ein paar neue Spielzeuge zugelegt. Ein paar Plug-Ins für noch mehr samtweiche Sounds ließ man sich im legendären Institut de Recherche et Coordination Acoustique/Musique (IRCAM), dem von Pierre Boulez geleiteten Forschungszentrum, eigens anfertigen. Außerdem gab Godin in Japan die Fertigung der traditionellen japanischen Instrumenten Koto und Shamisen in Auftrag und nahm sich im heimischen Paris eine Lehrerin, die ihn in der Bedienung unterrichtete. "Aus irgendeinem Grund lieben wir den Vibe japanischer Musik", sagt er, "was genau daran? Ich weiß es nicht." Er lächelt. Durch diesen seltsam roten Vollbart.
"Pocket Symphony", erzählt er noch, sei ein Album über die Nacht. Er selbst sei ein großer Freund des Feierns, und das Album ein Soundtrack, der einen von Abenddämmerung bis Morgengrauen begleiten soll. So betrachtet, deliriert mancher Track tatsächlich recht ziellos daher. Aber das sind die schönsten Momente der Platte - neben den Gastauftritten des ehemaligen Pulp-Chefs Jarvis Cocker, der wohl momentan nirgends fehlen darf, und Neil Hannon von The Divine Comedy.
Deren Stimmen geben der Musik von Air eine Dimension, die sie bisher vermissen ließ. Das Timbre reifer Männer verschafft dem sonst von ätherischen Frauenstimmen, hingetupften Keyboards und watteweichen Basslinien dominierten Sound ein männliches Element. Aus dem verträumten Seufzen wird so endlich doch noch Melancholie. Ein Gefühl, das Air ganz prima steht. Findet auch Monsieur Godin: "Melancholie ist gemütlich. Melancholie ist die französische Traurigkeit. Wir mögen sie. Sie ist unser Motor."
Dieser Motor schnurrt und schnurrt und schnurrt. Sind die 48 Minuten von "Pocket Symphony" vorbei, schreckt man auf, schockiert von der plötzlichen Stille. Noch einmal ist man dem Terror des Wohlklangs entkommen. Jedenfalls bis zum nächsten Besuch in einer Boutique.
"Pocket Symphony" (Labels/Virgin/EMI) ist am 2. März erschienen.
Air live: 19.3. Berlin, 20.3. Hamburg, 21.3. Köln, 22.3. München