Popkomm: Einsames Karaoke vor dem Heimcomputer - DER SPIEGEL
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Popkomm Einsames Karaoke vor dem Heimcomputer

Auf der Popkomm überschlägt sich die Musikbranche mit Ideen für digitale Geschäftsmodelle. Erst war das Internet, jetzt ist das Handy angesagt. Doch immer mehr Konsumenten flüchten aus der Ohrstöpsel-Isolation ins Live-Konzert. Das Geschäft mit den Tickets blüht.
Von Helmut Merschmann
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Ich bin ein altes, analoges Pferd", sagt Herbert Grönemeyer, Schirmherr und Juror des "Popkomm Innovations in Music and Entertainment Award" (IMEA), von sich selbst. Ermattet hängt er in einem Sessel auf der Bühne. So viel Digitales hat der Deutschrocker schon lange nicht mehr über sich ergehen lassen. Vierzehn nominierte Projekte, ausgewählt aus 300 eingereichten, sind an diesem Nachmittag einzeln gepitcht worden. Durchaus praktische Anwendungen wie Gracenote, ein Identifikationstool für Musiktitel, oder Sonicbids, eine Internet-Plattform für Promotionsongs von Musikbands.

Sichtlich erleichtert überreicht Grönemeyer später den Innovationspreis an die Vertreter der Online-Karaoke-Station Ksolo.com. Endlich ist der Spuk vorbei, mag er sich gedacht haben. Für einsame Karaoke vor dem Heimcomputer hat ein Herbert Grönemeyer einfach nicht viel Verständnis. Sein Metier ist der Live-Auftritt vor Zehntausenden, die schwitzende Authentizität. Und damit liegt er voll im Trend. Internet hin, Handy her - die Konzertbranche boomt wie lange nicht. Warben Bands früher mit Konzerten für ihre Platten und CDs, verhält es sich heute genau umgekehrt: Die Tonträger wecken die Lust auf das Live-Erlebnis.

Intime Clubkonzerte und riesige Massenspektakel begeistern das Publikum gleichermaßen. Die Leute wollen Künstler und nicht Künstlichkeit, und sie wollen aus ihrer Ohrstöpsel-Isolation heraus. Offenbar ist die Sehnsucht nach dem Echten und Einmaligen in Zeiten digitaler Reproduzierbarkeit nur gestiegen. Genauso wie die Konzertpreise, von denen sich niemand mehr schrecken lässt. "Das Live-Erlebnis ist beim Publikum gut angekommen", sagt Jens Michow, Präsident des Bundesverbands der Veranstaltungswirtschaft, "und ist von der allgemeinen Kaufzurückhaltung verschont geblieben". Freizeitforscher haben dafür längst den Begriff "Luxese" geprägt: Man leistet sich Luxus im Freizeitkonsum und übt Askese bei den Dingen des täglichen Bedarfs.

Wann immer es einem durch den Kopf schießt...

Aber ein Konzert macht noch keinen Sommer. Obschon die in den letzten Jahren arg gebeutelte Musikindustrie an den Live-Auftritten mitverdient, denkt sie eifrig über weitere Einnahmequellen nach. Lange hatte man gebraucht, bis man das Internet für sich entdeckte, aus Angst vor Raubkopierern. Jetzt will die Branche sich keinen digitalen Cent mehr entgehen lassen. Nach Download-Stationen wie iTunes und Musicload ist Mobile Music groß im Kommen. Songs werden via Mobilfunk auf eigens dafür ausgestattete Handys geladen. Wann immer es einem durch den Kopf schießt, kann so der spontane Kaufimpuls unmittelbar über den Äther befriedigt werden.

Schon strömt ein bisschen New-Economy-Geist, der Duft des großen, weiten Webs, durch die Messehallen am Berliner Funkturm. Die Musikwirtschaft hat ihr Thema gefunden, und eifrig wird es auf der Popkomm ventiliert. Da macht es wenig, dass digitale Musik bislang gerade einmal sechs Prozent am Gesamtumsatz der Branche ausmacht. Das lässt sich leicht schön rechnen. Die Beatles etwa kann man gar nicht herunterladen, die gibt es nur auf CD - und sie verzerren bloß das Zahlenspiel. In Großbritannien dagegen geschehen schon annähernd 30 Prozent der Single-Verkäufe per Download. Außerdem sollen bis 2008, wie Markführer Musicload prophezeit, 85 Prozent aller Handys Musik abspielen und downloaden können. Das lässt doch hoffen.

Die Superstars verschwinden auch"

Vor lauter Begeisterung stößt die Keynote von Dave Goldberg auf taube Ohren. Der Chef von Yahoo! Music will nicht recht an ein Geschäftsmodell auf der Basis von Stückpreisen glauben, sondern setzt auf Subskription. Für fünf Dollar im Monat kann man bei Yahoo! im Internet Songs im Bündel oder einzelne zu günstigeren Preisen und in besserer Qualität erstehen. Bislang haben davon 1,5 Millionen Kunden Gebrauch gemacht. Wirklich beeindruckend aber sind die Zahlen, die Yahoo! bei freier Musik vorweisen kann. Dort wechseln 300 Millionen Titel pro Woche die Festplatten. Sie wurden von Musikern zur Verfügung gestellt, die sich durch Yahoo! größere Aufmerksamkeit und vitales Marketing durch Weiterempfehlung versprechen.

Aus dieser Perspektive den Tod des Radios zu verkünden, fällt wohl kaum schwer. Dave Goldberg glaubt, dass die individuelle Playlist, die sich jeder stimmungsabhängig zusammenstellt, sowohl das Radio als auch das Fernsehen ersetzen wird. Radio werde sich zu einem reinen Talk-Medium entwickeln - wie jetzt schon das Musikfernsehen. Fragt sich bloß, wer dann noch Musiker promotet und sie zum Massenstar aufbaut. Goldberg zuckt mit den Schultern: "Die Superstars verschwinden auch".

Dass hier kein Raunen durch die Reihen geht, liegt vielleicht daran, dass Goldberg zu den "Aggregatoren" zählt, und damit kaum zur Branche. Neben den Agenten, Labels und Distributoren hat sich die neue Berufsbezeichnung für Händler eingebürgert, die selbst kein aktives Marketing mehr betreiben. Einer Netzplattform kann es im Prinzip egal sein, ob sie Musikstücke oder Strümpfe verkauft. "Music meets here", das leicht emphatische Motto der diesjährigen Popkomm, verkommt hier zum reinen Lippenbekenntnis.

Allerdings gibt es auch eine Popkomm außerhalb des Messebetriebs, wo sich 1200 Künstler in mehr als zwanzig Berliner Clubs vorstellen. Spanien, das diesjährige Partnerland, schickt wilde Bands wie Muchachito Bombo Infierno, Wagner Pa und Gertrudis ins Rennen. Für viele Fans sind die Clubauftritte am Abend erst das wahre Popkomm-Erlebnis. Und wie sie da so auf der Bühne der Kulturbrauerei spielen und schwitzen und dabei ganz authentisch sind, möchte man Herbert Grönemeyer nur zustimmen, der noch "an gute Musik und den Künstler" glaubt.