Popkomm-Nachlese Aua, Internet!
Die neben der Midem wichtigste Messe der Popmusik ist zu Ende. Im Ohr bleiben vor allem die Klagen der Plattenindustrie über das Internet. Die Industrie hat allen Grund zur Sorge: Neben Büchern gehören CDs zu den Gütern, die am liebsten online bestellt werden - vorbei am Plattenladen um die Ecke. Dazu kommen Seiten wie MP3.com und Napster, die das Herunterladen und Tauschen von Songs ermöglichen - ohne Bezahlen versteht sich.
"Verluste in zweistelliger Millionenhöhe" bejammert die Industrie und verweist auf ein Umsatzminus 1998 von 1,5 Prozent, im Folgejahr sogar von 2,9 Prozent. Angesichts des US-Markts stellt sich jedoch die Frage, ob die Umsatzeinbußen nicht eher an der Unfähigkeit einer erstarrten Industrie liegen, die es nicht versteht, neuen Entwicklungen kreative Impulse entgegenzusetzen: In Amerika, so führte sogar der Geschäftsführer des Gesamtverbands Deutscher Musikfachgeschäfte, Heinz Stroh, am Wochenende verschämt aus, weist die Tonträgerwirtschaft "trotz MP3 Umwachszuwächse aus."
"Der digitale Alltag" hieß vollmundig die Vortragsreihe am zweiten Messetag. Nicht nur Thomas Middelhoff, Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann AG, wies in seiner Eröffnungsrede darauf hin, dass dieses Motto doch ein wenig "zu kühn formuliert" sei. Denn von Alltag kann nach wie vor nicht die Rede sein, von alltäglichem Kampf schon eher, von Tauziehen, Verhandeln, Terrain abstecken. Die Frage "Wie begegnen wir der digitalen Herausforderung?", mit der die Messebesucher sich schon seit Jahren auseinander setzen, ist mitnichten beantwortet.
Vor allem die Plattenläden fühlen sich vom Netzangebot gleich in zweifacher Hinsicht in die Zange genommen: Von Online-Vertrieben wie Amazon und CDNow (der soeben von Bertelsmann für 245 Millionen Mark aufgekauft wurde), sowie in Zukunft von ihren ehemaligen Handelspartnern, den Plattenfirmen, die - wie EMI und BMG - eigene Download-Angebote ins Netz stellen.
Nur selten begegnen die Händler der digitalen Herausforderung so offensiv wie die Kette World of Music (Wom), die auf der diesjährigen Popkomm ihren eigenen Online-Auftritt vorstellte - als 22. virtueller Standort zum CD-Kauf. Über Downloads will der Händler jedoch erst in der Zukunft nachdenken.
Daran mangelt es allerdings jetzt schon nicht: US-Seiten wie www.planetofmusic.com oder www.liquidaudio.com bieten Songs gegen Zahlung von 0,99 bis 1,99 Dollar an. Bei der deutschen eMusicBox.de bezahlt man zwischen zwei bis fünf Mark pro Titel und zahlt bequem mit der Telefonrechnung.
Ideale Konzepte binden die Händler als fachkundige Berater mit ein: Bei der "Musiktankstelle" kann der Kunde sich beim Händler vor Ort auf dem Touchscreen seine individuelle CD zusammenstellen und diese mit maximal 13 Titeln für einen Festpreis von 34,80 Mark innerhalb von zehn Minuten mit Hülle und individuellem Grußwort mitnehmen - und während der Wartezeit auch noch im Netz surfen.
Eins ist klar: Der Nutzer, dem der Kleinkrieg leidlich egal ist, kommt auf seine Kosten. Das Angebot ist groß bis unüberschaubar. Pünktlich zur Popkomm präsentierte der Hamburger Videoclip-Produzent MME ein eigenes Musikportal mit Video- und Audio-Streaming, vier Genrekanälen mit entsprechenden Foren und Chats. In Kooperation mit dem Konzertveranstalter DEAG hob er darüberhinaus ShowNet.de aus der Taufe zur Übertragung von Livekonzerten mit Infos von Tourdaten bis Ticketbestellung.
Eine innovative Internet-Plattform bietet music-united.com mit einer Software, die nicht nur nach Interpret sondern auch nach Stimmung sucht: Songs, die nach Sonne, Strand und Meer klingen, Songs zum Cabriofahren.
Aktive Musiker können sich in der Vitaminic-Community aufhalten und sich mit Gleichgesinnten unterhalten oder den Chats des Doc Rock beiwohnen.