Poptones: Punkrock im großen Stil - DER SPIEGEL
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Poptones Punkrock im großen Stil

Popmusik erhält ihre Ambitionen zurück: Bei Alan McGees Poptones-Label existiert die Verpackung gleichberechtigt zum Inhalt. Stilbewusstsein trifft auf Arbeiterklassen-Ideale.
Von Andreas Kötter
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Irgendwann ist es Alan McGee dann doch ein bisschen zu viel geworden mit seinem besten Pferd im Creation-Stall. Im Sommer 1997, während der gigantischen Werbekampagne zum vorletzten Oasis-Album "Be Here Now", müssen die Gallagher-Brüder Noel und Liam den Bogen zum ersten Mal so richtig überspannt haben. Zwar will McGee nicht so weit gehen wie sein Creation-Kollege John Andrews, der dem Oasis-Management "Ignition" unterstellte, eine "Herrschaft des Terrors" auszuüben, aber dennoch muss schon damals in McGee der Entschluss gereift sein, dass all das überhaupt nicht mehr seinem Verständnis von Rock'n'Roll entspricht.

Ende 1999 hat der rothaarige Schotte seine 1982 gegründete Plattenfirma Creation Records dann endgültig verlassen. Mit Poptones, seinem neuen Label, will er nun dem Punkrock die verlorene geglaubte Seele wieder einhauchen. Genaugenommen ist der Begriff "Label" gar nicht zutreffend. Denn McGee versteht Poptones als Multimedia-Unternehmen. Ein Internetradio ist ebenso geplant wie ein eigene Fernseh-Show; einen eigenen Londoner Tanzclub namens "Radio4" gibt es bereits. Als Qualitätsmarke, die für Coolness, Style und Integrität steht, sieht dieser selbsternannte Bewahrer des schönen Scheins dabei sein neues Baby. Ein Gesamtkunstwerk will Poptones sein, bei dem Form und Inhalt sich gegenseitig bedingen, ohne dass eine Seite die Oberhand gewinnt. "Style" ist dem Prada-Fan mindestens ebenso wichtig wie die Gesinnung, die natürlich "working class" sein sollte. Vom homogenen Pop-Artwork der auf Retro-Design getrimmten Pappcover der CDs bis zum entsprechenden Look der Website reicht die Linie.

Nicht ganz so homogen erscheinen dagegen auf den ersten Blick die Sounds, die bis dato auf Poptones veröffentlicht wurden. Neben guten Bekannten wie dem Dub-Experten Mad Professor und dem "mexikanischen Elvis" El Vez finden sich auch Newcomer-Bands wie die schottischen Cosmic Rough Riders, die sich selbst "irgendwo zwischen den Beach Boys und den Flying Burrito Brothers" einordnen - oder Oranger, die sich eher von den Who und den Kinks beeinflusst sehen. Klassisches Songwriting also, mit einem Hauch Psychedelia versehen und ansonsten nicht gerade sensationell - aber zumindest die einschlägige englische Musikpresse ist des überschwänglichen Lobes voll.

Am ehesten verkörpert aber wohl doch El Vez den Poptones-Geist. Denn der bringt es nicht nur fertig, in "Immigration Time" schon im Intro das Rolling Stonesche "Sympathy For The Devil" mit Elvis' "Suspicious Minds" ganz und gar harmonisch zu verschmelzen, sondern glänzt auch sonst mit einer Mixtur aus T.Rex-Adaptionen ("El Groover"), TexMex-Klängen und augenzwinkernder Sozialkritik ("Say It Loud: I'm Brown And Proud"): Irgendwie retro, irgendwie neu und irgendwie schräg. Auf jeden Fall aber auch höchst unterhaltsam...