Psychologie: Der Pop-Märtyrer - DER SPIEGEL
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Psychologie Der Pop-Märtyrer

Auf der Bühne ist Robbie Williams ein begnadeter Clown und Herzensbrecher. Ist seine Lehrzeit in der Boygroup schuld, dass er als armer Kerl bemitleidet werden will?
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Er war längst berühmt für seinen Gesang, der die Frauen schmelzen ließ und die Männer stöhnen; er war berüchtigt für die Sauf-Exzesse, die er seiner Leber und seinen Lieben zumutete ohne Rücksicht auf Verluste - und er hatte eine legendäre, den Großstadtverkehr lahm legende Teenager-Hysterie verursacht, bei der 30000 kreischende junge Menschen ein Kino belagerten, in dem er ein Konzert gab. Und trotzdem war der Held offensichtlich ein verschreckter, gebrochener Mann.

Es sah ganz so aus, als leide er stellvertretend für seine Fans: Der Künstler, so schmachtete die "New York Times", habe sich entschlossen, "jener Schüchternheit Ausdruck zu verleihen, die auch aus der prahlerischsten Seele nie vertrieben werden kann. All jenen, deren Männlichkeitsideal aus Kraft, Stämmigkeit und Selbstsicherheit besteht, wagt er zu bedeuten, dass so ein Mann unter seiner erdrückenden Überheblichkeit noch immer ein furchtsames Kind ist, das im Dunkeln vor Angst weint."

Nein, hier ist noch nicht die Rede von Robbie Williams, sondern von seinem großen Vorbild Frank Sinatra und dessen Wirkung in den vierziger Jahren. Sinatra war nicht sehr stark und nicht sehr groß, er trank unfassbar viel und sah trotzdem fast immer unverschämt gut aus - und den Männern, die ihn beneideten, half es nichts, wenn sie sich darüber lustig machten, welch ein jämmerlicher, weichlicher, schmalbrüstiger Wicht er sei: Gerade dass er Schwäche zeigte, machte Sinatra unwiderstehlich.

Kann es sein, dass Robbie Williams sich ein bisschen zu stark an seinem Idol orientiert mit seiner Dauerbeichte von Selbstzweifeln, Versagensängsten und üblen Depressionen? Die Sache ist doch so: Der Mann gehört zu den begabtesten Entertainern der Welt. Er hat als Solokünstler rund 25 Millionen Platten verkauft. In weiten Teilen der westlichen Zivilisation tanzen und knutschen Abertausende von Teenies und alten Männern zu Robbie-Williams-Hits wie "Rock DJ", "Angels" oder "Supreme". Und wo immer der Sänger sich in der Öffentlichkeit zeigt, himmeln ihn schöne Frauen und schöne Männer an, dass es nur so eine Art hat.

Was aber ist die Hauptbeschäftigung von Williams, wenn er gerade nicht im Aufnahmestudio werkelt oder auf einer Konzertbühne steht? Er hadert mit sich selbst. In der gerade erschienenen ersten autorisierten Williams-Biografie "Feel", für die ihn der britische Journalist Chris Heath zwei Jahre lang fast ständig begleiten durfte, begegnet uns ein von bösen Geistern gepeinigter Mann. Robbie Williams gibt Auskunft, wie schwer es ist, ein Superstar zu sein. Er ist oft traurig. Er quält sich mit Selbstzweifeln. Er fürchtet sich davor, auch nur für kurze Zeit allein sein. Er hat einen häufig wiederkehrenden Alptraum: "Ich werde gejagt. Und ich lande im Gefängnis. Sie finden immer Kokain bei mir."

Robbie Williams hat fast alle verfügbaren Drogen ausprobiert: Heroin, Ecstasy, Marihuana, Alkohol, Amylnitrat und Speed sind die, die er erwähnt. Zu den Leuten, die ihm halfen, all das zu überleben, gehört Elton John - in einer zugleich rührenden und komischen Szene der Biografie berichtet Williams, wie er vor Jahren vollkommen zugedröhnt an Elton Johns Londoner Stadthaus klingelte. Der Besucher wollte nur ein Demo-Tape seiner neuen Songs vorspielen und hatte unterwegs in einigen Pubs Halt gemacht. Der Gastgeber wollte ihn sofort in eine Entzugsklinik bringen. Plötzlich, so Williams, habe er gesehen, dass Elton Johns Augen feucht wurden; "und dann brach ich in Tränen aus", und auf der Stelle "fing auch Elton an zu weinen".

Man merkt schon: Hier scheut sich ein Mann nicht, seine schwachen Seiten zu zeigen und öffentlich Zeugnis abzulegen über die Qualen seiner mittlerweile 30-jährigen Kleinjungenseele - und dazu über sämtliche aus Wut und Trauer vergossenen Tränen. Robbie Williams, so lernt man aus seinem Bekenntnisbuch, ist immer noch wütend auf Menschen, die ihn vor sehr langer Zeit gedemütigt, verletzt oder beleidigt haben. Auf den Musikmanager Nigel Martin-Smith zum Beispiel, der ihn im Jahr 1989 als 15-Jährigen engagiert hat für jene Boygroup, die von 1991 an unter dem Namen Take That Furore machte. Und der ihn sehr hart arbeiten ließ, bevor er ihn im Juli 1995 aus dieser Band ziemlich rüde hinausschmiss - nach Drogen- und Alkoholexzessen und verpatzten Konzerten.

Immer wieder hat Williams, der 1974 in Stoke-on-Trent geboren wurde als Sohn einer Kneipenwirtin und eines eher drittklassigen Spaßmachers, beklagt, dass er sich von den Take-That-Machern aufs Übelste versklavt fühlte. Tatsächlich war die Dressur, der er sich damals unterziehen musste, verknüpft mit dem Verzicht auf fast jegliches Privatleben - und von Anfang an wurde ihm die Möglichkeit des Scheiterns ständig vor Augen geführt: Zunächst war er, so jedenfalls geht die Take-That-Legende, nur als Ersatzmann für die Boygroup engagiert. Dann durfte Robbie Williams doch den Witzbold spielen, gemäß der klassischen Rollenverteilung für Boygroups, nach der jeder der Sänger einen anderen Typ verkörpern soll; als Lohn der Schinderei erhielten die Jungs lange Zeit nur 150 Pfund wöchentliches Taschengeld.

Offensichtlich drückte Williams auch aufs Gemüt, dass er das Scheitern seines Vaters im Entertainerberuf als Kind mitangesehen hatte: Statt in den Comedy-Clubs von London, wo er sich immer wieder erfolglos beworben hatte, trat der Vater als Spaßmacher in jenem Feriencamp auf, in dem auch Robbie ein paar Sommer verbringen durfte. "Jeder seiner Auftritte ist eine Lektion", sagt Williams über seinen Erzeuger. "Aus jeder seiner Bewegungen und Pointen habe ich gelernt." Aber leider kapierte er auch am Beispiel des Vaters, wie das Zerplatzen von Karriereträumen aussehen kann.

Vielleicht ist es also kein Wunder, dass Williams Schmähungen nicht vergisst. Auf den Oasis-Musiker Noel Gallagher ist er bis heute wütend, weil der ihn in der wilden Absturzzeit nach dem Rauswurf mal als "fetten Tänzer von Take That" beschimpft hat. Auf seine Ex-Freundin Nicole Appleton ist er dagegen nicht mehr sauer, obwohl sie ein Kind von ihm abtrieb und später mit Noels Bruder Liam Gallagher einen Sohn in die Welt gesetzt hat.

Gut, das ist alles ganz schön traurig. Aber müssen wir uns Robbie Williams wirklich als Unglückswurm vorstellen? Und ist es nicht schwer unglamourös, den eigenen Fans zu gestehen, welch Schmerzensaugust ihr Idol in Wahrheit ist? Robbie Williams, so erfährt der "Feel"-Leser, lebt heute mit drei Hunden in einem schönen, großen, sorgsam gegen Neugierige gesicherten Haus in Los Angeles. Er verbringt den Tag mit Computerspielen, Backgammon spielen, Karten spielen, mit den Hunden spielen. Dazu kommen die Lektüre britischer Tageszeitungen und ein bisschen Sport.

Wenn sich Robbie Williams etwas Extravagantes gönnen will, fährt er ganz langsam in seinem Superluxusflitzer spazieren, was ihm nur auf den Privatstraßen rund um sein Haus erlaubt ist, weil er keinen Führerschein besitzt. Wenn er sich zu seinem Therapeuten chauffieren lässt, dann hängen sich sofort mindestens drei Paparazzi-Wagen an die Stoßstange seiner Limousine. Wenn er trotzdem mal richtig ausgeht und mit einer unbekannten schönen Frau auch nur Telefonnummern austauscht, muss Robbie Williams leider damit rechnen, dass diese Frau ihn ein paar Tage später anruft und ihm erzählt, dass sie ein paar viel versprechende Angebote von Boulevardzeitungen habe, endlich über ihn auszupacken - dabei wissen die beiden gerade mal den Vornamen und die Handy-Nummer voneinander.

Robbie Williams' Biografie beschreibt also die Leiden eines Superstars. Viele seiner Songs tun das allerdings mindestens genauso eindrucksvoll, ob er nun in "Come undone" sein Leben als Lüge besingt ("If I stop lying I'd just disappoint you") oder in "Singing For the Lonely" von seiner Paranoia berichtet, er könnte die Menschen eines Tages nur noch langweilen ("scared of you always thinking that I'm boring"). Als ich zusammen mit einem Kollegen Robbie Williams für den SPIEGEL interviewte, sagte er: "Von null auf hundert bekannt zu werden ist die irrste Bewusstseinsexplosion, die man sich nur vorstellen kann. Aber was kommt dann? Eine Welt, in der du belächelt, beschimpft und wie Dreck behandelt wirst." Williams war stark erkältet an diesem Tag, es war ein Riesentrubel in der britischen Botschaft in Berlin, wo er vom Botschaftsbalkon aus ein paar hundert fröhlichen jungen Menschen zuwinkte - aber von Belächeln, Beschimpfen oder Wie-Dreck-Behandeln konnte keine Rede sein: Der Botschafter Ihrer Majestät haute dem Popstar freundlich auf die Schulter; die im Gebäude versammelten Journalisten und Ehrengäste waren alle verzaubert vom Witz und Charme des Entertainers Robbie Williams, der (nicht zum ersten Mal) über die Aufsehen erregende Größe seines Penis Auskunft gab - und wir, die SPIEGEL-Fragensteller, gaben uns beim Interview in einem holzgetäfelten Konferenzzimmer der Botschaft gleichfalls alle Mühe, ihm nicht bloß höfliche, sondern überschwängliche Komplimente zu machen für seine Bühnenpräsenz und sein neues Album "Escapology".

Aber Robbie Williams verlangt, so scheint es, gar nicht so sehr nach Bewunderung und Respekt für seine künstlerische Arbeit. Seltsamerweise fordert der Mann etwas ganz anderes: Er will unser Mitleid. Zum Beispiel für seine Kindheit.

Da musste er (übrigens ähnlich wie Frank Sinatra, der Sohn eines Feuerwehrmannes und Preisboxers aus Hoboken in New Jersey) schon früh mit anpacken. "Ich bin fast im Pub aufgewachsen", berichtet er. "Meine Mutter hat mir von klein auf klargemacht, höflich zu den Gästen zu sein. Sie sagte: ,Robert, mach die Tür auf, wenn du jemanden kommen siehst, sag guten Tag, vielen Dank und auf Wiedersehen.' Und genau das habe ich gemacht. Rund um die Uhr. Mit vier Jahren fing ich dann an, vor der Jukebox zu Olivia Newton-Johns Hit ,Summer Nights' zu tanzen. Und ich habe genau registriert, wenn die Leute sagten: ,Ach, ist der süß, was für ein niedlicher Junge.' Damals habe ich gelernt, mit Charme eine Art von Aufmerksamkeit zu erzeugen, die süchtig machen kann. Wenn du singst, bewundern sie dich. Wenn du einen Witz erzählst, lachen sie. Also egal, was du tust, wenn du es nur richtig anstellst, findest du ein Publikum. Ich glaube, seit ich vier bin, bin ich mir meiner Wirkung voll bewusst."

Robbie Williams sah als Kind gern Filme mit Bob Hope und Bing Crosby, er mochte Musicals wie "The Sound of Music" und "Grease". Er hatte angeblich ein Muhammad-Ali-Poster im Zimmer hängen. Er trat im Schultheater auf und lernte große Literatur auswendig, unter anderem spielte er in einer "Oliver Twist"-Aufführung. Aber mit Abstand am tiefsten beeindruckt habe ihn, so sagt er, das so genannte Rat Pack, die Gang von Frank Sinatra, Dean Martin und Sammy Davis Jr. "Mein Ideal ist bis heute die klassische Las-Vegas-Schule: Sieh zu, dass du wirklich jeden amüsierst", sagt Williams.

Das Seltsame ist: Robbie Williams gesteht uns, er sei gefallsüchtig wie kaum ein anderer Star des Showgeschäfts - und lässt uns zugleich teilhaben an den leidvollen Folgen des Gefallens und an seiner Angst, eines Tages nicht mehr zu gefallen. Von einigen Schlaumeiern der britischen Presse wurde die Robbie-Williams-Biografie denn auch wütend verrissen; der Mann sei ein Jammerlappen, hieß es. Die Pop-verrückten britischen Leser haben das 432 Seiten dicke Buch "Feel" trotzdem gekauft und sofort nach Erscheinen an die Spitze der Bestsellerliste befördert. Der eifrige Protokollist Chris Heath, ein braver, penibler Eckermann und Hofberichterstatter, ist vermutlich jetzt ein reicher Mann - okay, es sei ihm gegönnt.

Die Frage ist doch: Ändert sich irgendetwas am Glamour der Figur Robbie Williams dadurch, dass er selbst sich so ausdauernd als armes Würstchen vorführt? Ich behaupte: keineswegs. Denn er füllt so herzzerreißend die Rolle des Pop-Märtyrers aus wie seit Kurt Cobain keiner mehr - und kokettiert selbst mit der Leidens-Ikonografie der Christenheit, wenn er sich für das Booklet der "Escapology"-CD als mit ausgebreiteten Armen in der Luft über Los Angeles hängender Ersatz-Christus fotografieren lässt.

Müssen wir uns also Sorgen machen um Robbie Williams, den Helden, der stellvertretend für seine Jünger das Joch der Welt auf seinen Schultern trägt und schlimme Schmerzen aushalten muss? Wohl eher nicht, solange die Reflexe seiner Selbstironie funktionieren - einer Gabe, die im Buch "Feel" übrigens fast nicht zum Ausdruck kommt, weil sie dem Biografen Heath offenbar nicht in den Seelenqual-Kram passte.

Sehr lustig war es jedenfalls, als wir beim Interview mit Williams und dem verkniffen dreinblickenden Herrn Heath am Konferenztisch der Berliner britischen Botschaft saßen und den großen Popkünstler fragten, ob es nicht seltsam sei, dass er auf einem der CD-Booklet-Bilder jesusmäßig in der Luft hänge und auf einem anderen Foto im CD-Büchlein auch noch einen Leuchtröhren-Heiligenschein trage. Mit breitem Grinsen sagte der vielfach gepiesackte Mann: "Sie haben übersehen, dass es mehr als eine Leuchtröhre auf dem Foto gibt: Wenn Sie Recht hätten, dann würde der größte Heiligenschein meinen Penis umstrahlen. Ich weiß: Dafür gäbe es gute Gründe." Robbie Williams ist also ganz bestimmt schlauer als sein Biograf. Man kann seine Lebensstory, wie Chris Heath es tut, als Kreuzweg der Leiden und Foltern erzählen. "Wir leben in einer psychotischen Zeit, was den Ruhm angeht (...) Es gibt zu viel Ruhm und zu viel Hysterie um ihn herum", das ist so die Lehre, die Mister Heath draus zieht.

Man kann die Robbie-Williams-Story aber natürlich auch weiterhin als glorreichen Triumphzug erzählen - als Siegeszug eines Mannes, dem nicht so sehr das Star-Dasein zu schaffen macht als der Dämon, der nach alter Geniekult-Weisheit nun mal leider jeden irgendwie begabten Menschen umtreibt: Es sei Quatsch, sagt jedenfalls Robbie Williams, wenn man dem Musikgeschäft Schuld gebe an seinen Abstürzen und Selbstquälereien: "Menschen wie ich würden in jedem Beruf Probleme bekommen, auch als Arzt, Taxifahrer oder Polizist. Der Druck hat nichts mit dem Popgeschäft zu tun. Der Druck ist in meinen Kopf."

Auch was diesen Druck angeht, ist Williams seinem Vorbild Frank Sinatra ebenbürtig. Der Komponist Sammy Cahn sagte über Sinatra, er sei der Mann gewesen, "der alles zu weit trieb und darauf wartete, dass ihn jemand ohrfeigte und er aufwachen würde. Aber niemand tat das. Und der Traum wollte nicht enden".

Frank Sinatra hat, soweit wir wissen, alles in allem ein verdammt schönes Leben gelebt. Sollte man dem ach so armen Robbie Williams wirklich eine Ohrfeige verpassen, damit er aus seinem Alptraum erwacht?


Chris Heath/Robbie Williams: "Feel: Robbie Williams". Deutsch von Katharina von der Leyen und Pociao de Hollanda. Rowohlt Verlag, Reinbek; 608 Seiten; 22,90 Euro.

© SPIEGEL Kultur 1/2004
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