Punk-Sampler: Milchbubis in Tigerbadehosen - DER SPIEGEL
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Punk-Sampler Milchbubis in Tigerbadehosen

Nichts ist doofer als Hannover - so lautet zumindest ein gängiges Vorurteil. Ein neuer Sampler beweist das Gegenteil: Anfang der Achtziger war die Stadt an der Leine Heimat einer Punk-Szene, die so unterhaltsam wie wegweisend war.
Von Jörg Böckem
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wer Anfang der achtziger Jahre in Deutschland jung war und in Langeweile versauerte, hatte selber Schuld: Das Musikmagazin "Sounds" erlebte seine Hochzeit, Punk und Neue Deutsche Welle fegten durch Jugendzentren, Schulaulen und Kulturzentren; Fanzines in jeder Kleinstadt, Chaostage in Hannover, Demonstrationen in Brokdorf, Startbahn West, Nato-Doppelbeschluss, Ton Steine Scherben hatten sich noch nicht aufgelöst, und Hausbesetzer gab es auch noch. Aufregende Zeiten, nicht zuletzt im deutschen Pop: Unabhängige Labels wie Ata Tak, Zickzack oder No Fun und Bands wie Abwärts, Fehlfarben, DAF oder Hans-A-Plast prägten die Musiklandschaft jenseits der Charts.

Das Label No Fun, benannt nach einem Song von Iggy Pop und inspiriert von politischen Bands wie Ton Steine Scherben, wurde 1980 in Hannover gegründet, von Hollow Skai, der später als Musikjournalist beim "Stern" Karriere machte, und Musikern der Punk-Band Hans-A-Plast.

Der CD-Sampler "No Fun – Hit oder Niete – Die Singles", erschienen bei Sireena-Records, versammelt alle Singles, die in der dreijährigen Labelgeschichte auf No Fun erscheinen sind – musikalische Pretiosen aus einer Zeit, in der deutsche Bands wunderbare Namen hatten wie Bärchen und die Milchbubis, Mythen in Tüten oder Der moderne Man und in der Lieder "Jung kaputt spart Altersheim" oder "Samen im Darm" hießen.

Es rumpelt und schrammelt, swingt, trällert und krächzt: Neben der erfolgreichen Hausband Hans-A-Plast sind die Braunschweiger Punks von Daily Terror vertreten und die Psychedelic-Minimalisten von 39Clocks; Mythen in Tüten spielen verqueren Schlagerpop, und Der moderne Man beweisen, wie viel moderne deutsche Erfolgsbands ihren Vorgängern zu verdanken haben.

In den ebenso ausführlichen wie launigen Liner Notes erzählt Hollow Skai, wie es war, als Hannover für kurze Zeit vom Arsch der Popwelt zum Nabel selbiger avancierte – zumindest in der Wahrnehmung der Hannoveraner.

Er liefert Geschichten und Anekdoten aus der kurzen Karriere des Labels und der Bands, berichtet von Aufstieg und Fall. Darüber, wie die Wehrpflicht aufstrebenden Bands den Garaus machte, wie Bärchen und die Milchbubis es in Tigerbadehosen in die "Bravo" schafften und Der moderne Mann es trotz zweimaliger Einladung nicht zu John Peel ins Studio. Eine CD zum Wiederentdecken und In-Erinnerungen-Schwelgen. Danke, Sireena-Records!


CD "No Fun – Hit oder Niete – Die Singles" (Sireena Records).