Queen-Musical De Niro goes Glamrock
Aus seinem Hang zum leichten Fach macht Robert De Niro schon seit Jahren keinen Hehl. In der Komödie "Reine Nervensache" nahm der Schauspieler, Regisseur und Produzent sein Mafioso-Image auf die Schippe, dann alberte er sich neben Ben Stiller durch die Schwiegervater-Farce "Meine Braut, ihr Vater und ich". Demnächst ist er an der Seite von Ulknudel Eddie Murphy in der Klamotte "Show Time" zu sehen. De Niros Fans sind abgehärtet. Doch dass der Mann, der noch immer wie kaum einer anderer Darsteller für Toughness und Männlichkeit im Filmbusiness steht, nun ein Queen-Musical produziert, scheint doch reichlich bizarr: De Niro goes Glamrock? Kaum zu glauben. Aber wahr.
Für 12,3 Millionen Euro produziert De Niro derzeit mit seiner Firma TriBeCa, die schon Filme wie "Flawless" und "Wag The Dog" ins Kino brachte, das Projekt, das am 14. Mai im Londoner Dominion Theatre Premiere hat und ab 2003 am Broadway gastieren und danach durch halb Europa touren soll.
Die Story, die dem Queen-Opus aufgestülpt wurde, liege irgendwo "zwischen Artussage, "The Matrix" und "Terminator"", wie Autor und Komiker Ben Elton ("Popcorn") es schillernd beschreibt. Von der anfänglichen Idee, die dramatische Band-Story selbst zu verarbeiten, sah man aus Respekt für Freddie Mercury, den 1991 an Aids gestorbenen Queen-Frontmann, ab. "Außerdem", so Queen-Gitarrist Brian May, "wäre uns die Selbstdarstellung peinlich. Vielleicht ist unsere Geschichte Stoff für ein tolles Musical, aber bitte erst, wenn wir alle tot und begraben sind."
Stattdessen schrieb Elton für die "unübertrefflich theatralische Musik von Queen" ein Science-Fiction-Märchen über eine zukünftige (?) Gesellschaft, in der Instrumente verbannt sind und Musik aus dem Computer stromlinienförmig dem Diktat des Marktes angepasst ist. Nur eine Hand voll Kids träumt noch vom guten alten Rock'n'Roll. "Eines Tages", schildert Elton, "wird einer von ihnen die Waffe der Freiheit, die E-Gitarre, aus der Versenkung holen und spielen..." So weit, so Queen-kompatibel.
Wo allerdings die Queen-Begeisterung von Robert De Niro begraben liegt, bleibt im Dunkeln. Zwar war der für seine Schmallippigkeit Berüchtigte in der vergangenen Woche extra aus New York in London eingeflogen, um sein Musical der Presse vorzustellen (und um einem ersten Durchlauf beizuwohnen). Aus Ankündigungen der Organisatoren war außerdem zu erfahren, dass das Projekt auf eine Idee De Niros zurückgeht - 1996 sprach er auf einer Filmparty in Venedig May und Queen-Schlagzeuger Roger Taylor an, nachdem er bei der Vorführung von "Sleepers" einen Kurzfilm von ihnen gesehen hatte.
Doch zu einer Erhellung seiner Motive ließ sich der 58-Jährige nicht bewegen. Wortkarg wie gewohnt drückte sich De Niro, den Fluchtinstinkt ins grimme Gesicht geschrieben, um jede klare Aussage. Fragen nach seiner Lust aufs Musical ("Ich fand das Projekt prinzipiell interessant"), nach seiner Affinität zu Queen ("Wir arbeiten schon eine Weile zusammen"), nach neuen Erfahrungen als Musicalproduzent ("Nun - es ist eben ein Musical") oder der sechsjährigen Entwicklung des Stoffes ("Manchmal brauchen Projekte so lange") blieben so gut wie unbeantwortet. Fast jeden seiner Fünf-Wörter-Sätze beendet De Niro mit einem schulterzuckenden: "Das ist alles" oder "So einfach ist das". Will heißen: Lasst mich doch endlich zufrieden. Fast möchte man den Mann eine Bestechungsaffäre aussitzen sehen.
Der enttäuschten Presse blieb immerhin die optische Erbauung, De Niros kultivierte Gewittermiene von zwei nicht wesentlich jüngeren Showbiz-Kollegen gerahmt zu sehen, die mit Langhaar-Dauerwelle, Samtjackett und roten Lederschuhen die ganze Faltigkeit des Rockzeitalters darboten. Und nein, sagt Brian May, dies sei mitnichten das Abschlusskapitel für Queen. "Es ist ein neues Kapitel, und wir freuen uns, neue kreative Ebenen zu erobern. Denn ehrlich gesagt ist unser Horizont ohne Freddie recht begrenzt geworden." Nervosität, die große Produktionssumme wieder einzuspielen, verspüre er nicht. "Ist ja das Geld anderer Leute."
Der, der das Geld anderer Leute zusammentrommelte, erwägt inzwischen schon, aus dem Stoff einen Film zu machen. "Natürlich ist es nicht so, dass ich eine Aversion gegen Filme entwickelt hätte", sagt De Niro. Und dann dreht er plötzlich doch noch auf. "Dies hier ist ein neues und sehr spannendes Projekt für uns. Es ist ein Abenteuer. Wir werden sicher einige Fehler machen und viel darüber lernen, wie so was funktioniert." Von so viel plötzlicher Redefreude ermutigt, wagt schließlich jemand die Frage, ob De Niro denn einen Queen-Lieblingssong habe. Die geradezu ausschweifende Antwort: "Ah, nein."