Quote für Radiosender: Die Rettung des Heimatklangs - DER SPIEGEL
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Quote für Radiosender Die Rettung des Heimatklangs

In der Debatte um musikalische Vielfalt im Radio fordert nach Bundestagspräsident Thierse nun auch der ehemalige Kulturstaatsminister Nida-Rümelin erneut eine Quote für mehr Heimatklänge. Dabei ist die Medienpolitik nach Meinung von Experten selbst schuld an der vermeintlichen Misere.
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Berlin/Köln - Gerade einmal zwei Prozent aller in den Charts gespielten Titel seien zurzeit deutsche Songs, schreibt Julian Nida-Rümelin in der "Süddeutschen Zeitung". Wie der ehemalige Kulturstaatsminister, der schon auf der vergangenen PopKomm das Reglement befürwortete, erklärt, gehe es ihm mit seinem "Ja" zur Quote, die Radiosendern mehr deutschsprachige Musik ins Programm schreiben will, nicht um "Deutschtümelei", sondern um kulturelle Vielfalt und künstlerische Kreativität.

Eine Erkenntnis, die für Experten zu spät kommt. "Die Medienpolitik hat die aktuellen Zustände doch selbst geschaffen", sagt Jochen Rausch, Programmdirektor der WDR-Jugendwelle "Eins Live". Ein großer Fehler sei es, dass bei der Vergabe von Lizenzen nicht darauf geachtet wurde, dass nicht alle Sender das gleiche anbieten. So senden mittlerweile in Bundesländern wie Berlin fünf bis sechs private Konkurrenten die gleiche Musik. "Sender, die sich nur über Werbung finanzieren, haben Angst, auch nur einen Hörer zu verlieren", sagt Rausch. Und ein Hörer-Verlust sei beim Senden unbekannter Titel nicht zu vermeiden. "Das Problem ist, das Menschen das, was sie nicht kennen, als störend empfinden", sagt Rausch. Nach dem Motto "Lieber Phil Collins als eine unbekannte Band" trauten sich die wenigsten, vom gängigen Schema abzuweichen.

Statt tausende verschiedener Songs haben viele Sender nur noch um die 300 Titel im Angebot, eine Förderung des musikalischen Nachwuchses findet im Programm kaum statt. Viele neue Titel werden oft erst gespielt, wenn sie bereits in bekannten Fernsehsendungen wie "Wetten, dass...?" zu hören waren, sagt Rausch.

Bei Eins Live funktioniert das Programm anders. Nach einer selbst verordneten Quote ist jeder dritte gespielte Titel ein nationaler, Bands wie "Wir sind Helden" wurden durch den Sender bekannt. "Wir können uns unser Programm leisten, weil wir in Nordrhein-Westfalen in einer besonderen Landschaft leben", gibt Rausch zu - eine ernsthafte Konkurrenz fehlt Eins Live seit langem. Trotz des eigenen Einsatzes für den musikalischen Nachwuchs lehnt der Programmchef, wie viele andere Radiomacher, eine Quote dennoch ab. "Wir wollen uns nicht von der Politik vorschreiben lassen, wie unser Programm auszusehen hat", sagt Rausch.

Julian Nida-Rümelin stellt diesem Argument den ökonomischen Nutzen einer möglichen Quoten-Regelung gegenüber. So habe die bisherige Vernachlässigung des Nachwuchses und die überwältigende Dominanz einiger weniger Stars zu Umsatzeinbrüchen beigetragen, die nicht sein müssten. "Wer das nicht glaubt, blicke nach Frankreich", erklärt Nida-Rümelin. Wie schon Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) befürwortet er das dortige Modell: Die für alle Radiosender geltende Vorschrift, dass vierzig Prozent des zwischen 6.30 Uhr und 22.30 Uhr ausgestrahlten Musikprogramms aus französischen Produktionen bestehen muss, gilt seit 1996. Die Palette der Sanktionen bei Nichterfüllung reicht von Bußgeldern über erzwungene Sendepausen bis hin zum Entzug der Sendelizenz.

Diese Regelung habe Frankreich vom allgemeinen Trend des Umsatzrückgangs abgekoppelt. Nida-Rümelin: "Wir haben hier ein schönes Beispiel dafür, dass Regellosigkeit nicht immer von ökonomischem Nutzen ist."

Von Nicola Kuhrt