Rap-Mogul P. Diddy: HipHops Dieter Bohlen - DER SPIEGEL
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Rap-Mogul P. Diddy HipHops Dieter Bohlen

Keiner mag ihn, aber der Erfolg gibt ihm Recht: Wie kein anderer versteht es der New Yorker HipHop-Mogul P. Diddy, die Symbiose zwischen Rap-Musik und Kapitalismus offenzulegen. Auf seinem neuen Album hat der erfolgreiche Geschäftsmann nichts mehr selbst gemacht.
Von Uh-Young Kim
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Fehlt eigentlich nur noch, dass er morgens im Bad steht und einem die Zahnpasta reicht – so allgegenwärtig ist Amerikas erfolgreichster Entertainer der HipHop-Generation zurzeit. Schon der Weg zur Pressekonferenz in Köln war gesäumt mit Plakaten für "Press Play" - das neue Album von P. Diddy.

Überlebensgroß begrüßte sein Gesichtslogo die versammelten Promijäger auf den Plasmabildschirmen in einer Kölner Diskothek. Die Gesprächsrunde stellte sich schnell als eine einzige Demonstration der meisterlichen Medienflexibilität von Sean Combs dar: So, wie der Star ständig seine Künstlernamen wechselt, springt er mühelos zwischen den Medienmilieus hin und her.

Für die Boulevardpresse gab Combs den Schmuserapper und sorgenden Familienmann, einen Moment später bekamen Rapnerds den Musiker aus Passion und Förderer von Straßentalenten serviert, und abends bei Stefan Raab ließ sich der Lifestyle-Zampano zur obligatorischen Runde Schwachsinn herab – wenn's denn hilft, ein paar Einheiten mehr zu verkaufen. Über all seinen Auftritten schwebt die Frage, wie der Mann es überhaupt schafft, gleichzeitig Plattenmogul, Fashionguru, Filmproduzent, Schauspieler, Geschäftsmann in der Gastronomie-, Kosmetik- sowie Modebranche und bald fünffacher Vater zu sein.

Mensch gewordene Warensynergiekette

Wenn diese Mensch gewordene Warensynergiekette so da sitzt und lässig an den Fäden der Aufmerksamkeit zieht, indem er mit einlullender Stimme irgendwas von Liebe erzählt, und ansonsten die Brillanten im Ohr für sich funkeln lässt, mag man sich kaum daran erinnern, dass Combs einst der meistgehasste Mann der Rapwelt war. Der Name Puff Daddy, wie er zu Beginn seiner Karriere hieß, war in den Neunzigern ein Synonym für den Ausverkauf der HipHop-Kultur. Schamlos wärmte der aus Harlem stammende Rapper mit dem überschaubaren Talent totgehörte Hits wieder auf; zielstrebig motzte er als Produzent und Labelboss den Sound aus den Ghettos zum millionenschweren Geschäft auf. HipHop als feuchter Jungstraum aus Frauen, Autos und Champagner? Diddy war's.

Und Diddy ist geblieben, da mögen noch so viele 50 Cents auf der Straße rumliegen. Zeitweise musste er sich zwar über seine zeitweise prominentere Freundin Jennifer Lopez und gelegentliche Handgreiflichkeiten im Gespräch halten. Seit 2000 aber streut Combs seine Marke beim New-York-Marathon, als Bildungssponsor, in Hollywood, als Animateur zum Urnengang oder auf YouTube unters Volk. Den letzten Popularitätsschub genoss er als Juror der MTV-Castingshow "Making The Band" - man könnte ihn glatt als den Dieter Bohlen des amerikanischen HipHops verhöhnen. Auch der deutsche Popstarmacher hat die wundersame Wandlung von der Lachfigur zum 5-Sterne-Promi durchlaufen. Man muss wohl nur lange genug dabei bleiben.

Ganz so austauschbar ist das Wirken der 36-jährigen New Yorker Ikone natürlich nicht. Als er mit 19 Jahren vom Laufburschen zum Vizepräsidenten bei Uptown Records aufstieg, vermählte er nachhaltig Rap und R'n'B zur international hartnäckigsten Chartsmusik. So verdankt ihm unter anderem Mary J. Blige ihren Kickstart zum Weltruhm, Mariah Carey und Aretha Franklin sangen über seine Beats, Sting und Altrocker Jimmy Page erlebten durch ihn ein Revival.

Nach dem Modell der Hitfabrik Motown und mit den Erfahrungen aus der New-Jack-Swing-Ära popularisierte Combs auf dem eigenen Label Bad Boy seinen Entwurf von Ghetto Glamour. Dafür bezeichnet ihn der afroamerikanische Kulturkritiker Nelson George als "eine der einflussreichsten Figuren der ganzen HipHop-Geschichte. Niemand, weder Berry Gordy noch Kenny Gamble, Russell Simmons oder Quincy Jones, war gleichzeitig als Unternehmer, Produzent und Künstler so erfolgreich."

Dabei wurde die Karriere von Sean Combs zweimal beinahe vorzeitig beendet. Auf einem Benefiz-Konzert, das er 1991 im City College von Harlem veranstaltete, brach eine Massenpanik aus, bei der neun Menschen starben. Combs und seinen Partnern gelang es gerade noch, die Schuld der Verwaltung zuzuschieben. Dann, 1997, am Siedepunkt des Konflikts zwischen Rappern der Ost- und Westküste, wurde der Bad-Boy-Schützling Christopher Wallace alias The Notorious B.I.G. in Los Angeles erschossen. Beide Male legte Combs eine Unverwüstlichkeit an den Tag, die noch heute seine große Stärke ist. Mit der B.I.G.-Tribut-Single "I'll Be Missing You" katapultierte sich Puffy in den Pop-Olymp, nur um sich anschließend mit dem Hit "Mo Money, Mo Problems" als der Hohepriester des Materialismus in die HipHop-Geschichte einzuschreiben.

Ultimatives Werkzeug des Kapitalismus

Sean Combs hat nie ein Hehl daraus gemacht, dass er HipHop als ultimatives Werkzeug des Kapitalismus anwendet. Sogar von der Kritik an ihm profitierte er, indem er sich mitten aus dem Mainstream heraus als Außenseiter, Opfer von Neidern und in einem Videoclip gar als messianischen Märtyrer stilisierte. Im Rückblick hatte er damit gar nicht mal so Unrecht. Denn seit die folkloristischen Subkulturen, die später als HipHop ihren globalen Siegeszug antreten sollten, in den Siebzigern die autonome Zone der Bronx verließen und von Downtown-Hipstern aufgegriffen wurden, kann ihre Kulturgeschichte auch als eine der Affinität zur Warenwelt gelesen werden.

Viel mehr als um politische Ziele geht es im HipHop um sozialen Aufstieg und die Aneignung von Statussymbolen. Nicht zuletzt hat die hochanpassungsfähige Vermarktbarkeit dafür gesorgt, dass sich diese Jugendkultur als die erfolgreichste und widerstandsfähigste halten konnte. Der Unterschied zwischen dem Adidas-Fetisch der Old-School-Gruppe Run DMC und Combs Selbstvermarktung ist nur einer des Grades.

Combs neues Album dient so weniger dem künstlerischen Ausdruck, sondern ist zuerst Aufmerksamkeitsgenerator für die Marke P. Diddy, die sagt: Schaut her, ich bin die personifizierte Erfolgsstory des HipHops, der wahr gewordene, afroamerikanische Traum. Die Bürgerrechtsbewegung hat keine Gleichberechtigung gebracht, Black Power ist gescheitert. Nun schlagen wir den Kapitalismus mit seinen eigenen Mitteln. Ich bin reich, also bestimme ich über mich selbst.

Kreativ sollen andere sein

Dennoch bleibt eine der drängendsten Fragen im Mainstream-HipHop: Wie kann man unter den Bedingungen der schnellebigen Kommerzialisierung überhaupt noch kreativ sein? Combs' Kollege Jay-Z schien mit seinem Rücktritt die Antwort gefunden zu haben – nur um jüngst sein Comeback anzukündigen. Für P. Diddy heißt kreativ sein, andere für sich kreativ sein zu lassen. So gestaltet sich auch das Album "Press Play" als durch und durch in Auftrag gegebenes Produkt – ein Meisterwerk des künstlerischen Outsourcings, an dem die größten Sängerinnen, Songschreiber und Ghostwriter teilhatten.

Dass Combs offen zugibt, nicht mal mehr seine Texte selbst zu schreiben, gibt der in der Popkultur so wichtigen Authentizität einen neuen Stellenwert. P. Diddy mag nie "echt" im Sinne der Straße gewesen sein, aber als prozessualer Durchlauferhitzer gehört er zu den Besten. Er ist erfolgreich, gerade weil er sich von Anfang an von seinen Wurzeln entfernt hat – schon als Praktikant lief er im Anzug durch Manhattan.

Deutlich wird sein Talent, einer Idee mit der nötigen Finanzkraft Leben einzuhauchen, im Albumstück "The Future". Über einem trockenen Beat hat ihm Untergrundreimdrechsler Pharoahe Monch einen visionären Rap auf den Leib geschneidert. Darin kokettiert er mit höheren Weihen: "I have the potential to be the first black president." Bevor wir das aber erleben, steht uns noch mindestens das Broadway-Musical über sein Leben bevor.

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