Rapper Ice Cube: Hollywoods schlimmster Alptraum - DER SPIEGEL
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Rapper Ice Cube Hollywoods schlimmster Alptraum

Erfolgreicher Marsch durch die Instanzen: Wer sich den neuesten Hollywood-Blockbuster "XXX2" zu Gemüte führt, wird sich ungläubig die Augen reiben: Die Hauptrolle in dem Actionfilm spielt Ice Cube, der als militanter Gangster-Rapper einst zur Vernichtung der Traumfabrik aufrief.
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Es war ein brisanter Auftritt. Nach Jahren einer sich scheinbar unaufhaltsam politisierenden HipHop-Szene hatten sich die zwei mächtigsten Protagonisten 1991 für ein Stück zusammengeschlossen. "Burn Hollywood Burn" hieß es und vereinte die militanten, schwarznationalistischen Agit-Rapper Public Enemy von der Ostküste und den revolutionären Westcoast-Gangsta-Rapper Ice Cube in einer brillant-beängstigenden Anklage. Der Videoclip mit seinen Film-Schnipseln von schwarzen Dienern und Kindermädchen trug das Belastungsmaterial zusammen, das für die profiliertesten Rapper der Ost- und Westküste nur ein Urteil zuließ: Die rassistische Stereotypen-Filmmaschine von Hollywood musste in Schutt und Asche gelegt werden.

Kurze Zeit später sollten die Straßen von Los Angeles tatsächlich brennen - zwar nicht in Hollywood, aber im Armenviertel South Central. Für die Glaubwürdigkeit von Ice Cube machte das keinen Unterschied. "Death Certificate", sein kurz vorher veröffentlichtes Album mit seinen wütenden Tiraden gegen alle und jeden, war der Soundtrack der Riots von Los Angeles.

Und so reibt man sich 13 Jahre später ein wenig die Augen, wenn man den seit gestern auch in deutschen Kinos laufenden Hollywood-Actionfilm "XXX2"  sieht und mit einem Mal feststellt: Hey, das ist doch Ice Cube, was macht der denn da? Vor allem, weil er nichts eingebüßt hat von seiner Fähigkeit, gefährlich auszusehen: der entschlossene Gesichtsausdruck, die gedrungene Figur, die tiefe Stimme. Immer kommt er einem ein wenig fehl am Platze vor, als hätte sich hier ein hochintelligenter Attentäter eingeschleust, der im entscheidenden Augenblick jene Bombe hochgehen lässt, die Schluss macht mit dem ganzen Schmu.

Eingeschmuggelt hat sich Ice Cube tatsächlich. Denn mittlerweile ist er nicht nur Schauspieler, sondern auch ein äußerst erfolgreicher Filmproduzent. Mit der "Barbershop"-Reihe hat er sogar ein eigenes Mikro-Genre begründet: die schwarze Friseurladen-Komödie. Nichts Revolutionäres zwar, aber nimmt man seine alte Forderung ernst, Schluss zu machen mit stereotypen Darstellungen von Afro-Amerikanern im Hollywoodkino, ist das tatsächlich ein kleiner Schritt in Richtung Normalisierung. Ausschließlich schwarze Schauspieler geben dem neben der Kirche zentralen Ort der schwarzen Community eine filmische Repräsentanz, dem Friseursalon. Dass es wegen einer despektierlichen Bemerkung über die Bürgerrechtsikone Rosa Parks im ersten "Barbershop"-Film wütende Proteste hagelte, passt da nur ins Bild. Irgendjemanden muss man immer provozieren, wenn man Ice Cube ist.

Für einen Rapper, der sich jahrelang stolz als "Amerikkkas Most Wanted" bezeichnete, kam Cube aus einem erstaunlich intakten Elternhaus. Zwar wuchs er im Slum von South Central L.A. auf, aber auch das hat seine kleinbürgerlichen Gegenden. Beide Eltern arbeiteten an der University of California. Mit der HipHop-Kultur kam O'Shea Jackson, wie der Rapper mit bürgerlichem Namen heißt, erst als Teenager in Kontakt. Er begann Reime zu schreiben und trat mit dem damaligen Electro-Produzenten Dr. Dre auf. Zusammen mit einem Rapper namens Eazy E gründeten sie die Gruppe N.W.A., Niggaz With Attitude, die Cube aber für ein Jahr verließ, um in Phoenix, Arizona, zwei Semester Bauzeichnung zu studieren. 1987 kehrte er zurück, genau richtig, um an jenem Album mitzuarbeiten, dass die HipHop-Welt umkrempeln sollte wie kein zweites - "Straight Outta Compton".

Der riesige Todesstern namens Gangsta Rap, der durch die Weiten des schaustellenden Gewerbes schwebt und ein paar Menschen zu Millionären gemacht, ein paar anderen den Tod gebracht hat, wäre ohne diese Platte nicht denkbar. The Game, die jüngste Inkarnation des südkalifornischen Ghettobösewichts, trägt nicht umsonst eine riesige N.W.A.-Tätowierung auf seiner Brust. "Straight Outta Compton" war nicht die erste Gangsta-Rap-Platte, aber in ihrer Mischung aus Nihilismus und Hedonismus, Staats- und Frauenfeindlichkeit sorgte sie für Aufsehen wie keine zweite - das Stück "Fuck Tha Police" veranlasste das FBI, die Gruppe für eine Weile zu überwachen.

Ice Cube verließ die N.W.A. recht bald erneut, um eine Solokarriere zu beginnen. Auf politisch recht fragwürdigen Alben wie "Amerikkka's Most Wanted" oder "Death Certificate" kokettierte er mit militanter Frauen- und Schwulenfeindlichkeit und fraternisierte mit der islamisch-fundamentalistischen Nation Of Islam. Einmal ließ er sich sogar mit deren Zentralorgan "The Final Call" ablichten. Den "Irren von Compton" nannte ihn die Musikzeitschrift "Spex" damals, so überzeugend setzte er diese Fragwürdigkeit ästhetisch um.

Auf den Covern suggerierte er den baldigen Zusammenschluss der Gangbanger und Drogendealer mit den Kadern der Nation Of Islam zu einer Armee der schwarzen Unterprivilegierten: "I wanna kill Sam 'cause he ain't my muthafuckin' uncle" war eine der Parolen, in die seine Musik kulminierte. Kein anderer Rapper jener Tage war so überzeugend in der Darstellung des "wrong nigga to fuck with" wie Ice Cube mit seinem aggressiv-verdichteten Rapstil.

Nebenbei allerdings begann er als Schauspieler zu arbeiten - und bewies dabei eine glückliche Hand. Nicht nur, weil die Zweitkarriere ihn nebenbei der Schwierigkeit enthob, im juvenilen Genre des Gangsta-Rap überzeugend altern zu müssen. "Boyz'n the Hood", sein erster Film von 1991, war tatsächlich der Startschuss für eine kleine Renaissance des schwarzen Kinos auf mehreren Ebenen.

Zum einen begannen die Hollywood-Studios, als sich in den Neunzigern abzeichnete, dass es sich bei HipHop um keine vorübergehende Mode, sondern eine tiefgreifende Umwälzung der globalen Jugendkultur handelt, mehr Rollen an schwarze Schauspieler zu vergeben. Zum anderen fingen die zu Geld gekommenen HipHop-Unternehmer an, unabhängig ihre eigenen Filme zu produzieren. Dass Cube scheinbar wahllos jede Rolle spielte - vom tumben Bootsmann im Trashjuwel "Anaconda" (1997) bis zum Soldaten in der Golf-Kriegs-Komödie "Three Kings" (1999) - versetzte ihn in die Lage, das System von innen zu erobern.

Spätestens seit dem Erfolg der Gangsterkomödie "Player's Club" (1998), bei der er nicht nur das Drehbuch schrieb und Regie führte, sondern auch produzierte, mitspielte und den Soundtrack verantwortete, ist der 35-jährige Ice Cube tatsächlich an jenem Ort gelandet, den er einst niederbrennen wollte - dem Player's Club von Hollywood.