Robbie Williams Siegertyp mit Narrenfreiheit
Ganz Hollywood raunt momentan abseits des Harry-Potter- und Tolkien-Wahns von einem Film, der es tatsächlich in die Oscar-Nominierungen schaffen könnte. Es handelt sich um Steven Soderberghs Remake eines Filmklassikers von 1960, in dem sich die damalige High Society der Entertainment-Industrie gegenseitig an die Wand spielte: "Ocean's Eleven" vereinte das "Rat Pack" von Hollywood, bestehend aus Frank Sinatra, Sammy Davis Jr., Dean Martin und Peter Lawford, in einer machohaften Gaunerkomödie vor der glitzernden Kulisse der Spielerstadt Las Vegas. Oscar-Gewinner Soderbergh ("Traffic") versammelte nun die neue Top-Garde der Filmwelt (George Clooney, Julia Roberts, Matt Damon und Brad Pitt) für seine Neuzeit-Version des Erfolgsfilms - Hollywood im Retro-Rausch. Früher war alles besser, heißt die Devise - die Helden strahlender, die politische Lage schön Schwarzweiß und die Frauen nette Deko.
Was das alles mit dem britischen Popstar Robbie Williams zu tun hat, der bisher in Amerika, geschweige denn in Hollywood, keinen Fuß in die Tür bekommen hat? Ganz einfach: Williams hat sich soeben nicht nur einen Kindheitstraum erfüllt, sondern sich gleichzeitig von seinem alten, langsam schal werdenden Image losgesagt, indem er ein Album voller Swing-Klassiker und Sinatra-Coverversionen aufgenommen hat, das sich schnell zum vorweihnachtlichen Bestseller entwickeln könnte. Williams im Retro-Rausch?
Nicht wirklich. Kritiker werfen Williams seit jeher vor, für seine erfolgreichen Alben die Vergangenheit zu plündern (James Bond, Gloria Gaynor), um auf einen möglichst großen gemeinsamen Nenner beim Publikum zu kommen. Das mag sein. Doch jeder Popstar, der etwas erreichen will, wäre dämlich, dies nicht zu tun. Selbige Kritiker werfen Williams nun vor, sich mit seinem Album "Swing When You're Winning" nun endlich doch beim amerikanischen Publikum einschmeicheln zu wollen, das sich - siehe oben - gemeinsam mit Hollywood auf einer mentalen Reise ins glückliche und übersichtliche Damals befindet.
Auch das mag sein - wenn man dem sympathischen Pop-Rüpel mit dem unverschämten Grinsen so viel Kalkül unterstellen will. Im vergangenen Sommer sah man den Strahlemann allerdings erschöpft am Boden. Ausgezehrt vom PR-Wirbel und den Anstrengungen seiner energischen Live-Performance, distanzierte sich das ehemalige Take-That-Mitglied von seinem Ego als Solo-Superstar und kündigte an, den öffentlichen Robbie neu zu erfinden. Er habe Angst vor sich selbst, vor dem Monster Robbie Williams, das sich zu verselbständigen drohe, sagte er damals und war ganz Mensch unter der Hampelmann-Hülle des Popstars.
Seitdem sieht man Williams, der neuerdings statt Bier und Drogen lieber Mineralwasser konsumiert, abseits der Bühne eher selten in gewohnter Grinse-Pose. Älter und ernsthafter will er wohl wirken - und es sieht so aus, als könnte ihm dies gelingen. Als züchtig-eleganter Lebemann im obligatorischen schwarzen Anzug zelebriert er nun jene Klassiker, die ihn nach eigener Aussage bereits als Kind beeindruckt haben: "Something Stupid", "Ain't That A Kick In The Head", Kurt Weills "Mack The Knife" und sogar Sinatras "Schlüsselstück" "It's Been A Very Good Year", das er dank digitaler Technik "gemeinsam" mit dem ewigen Entertainer vorträgt.
Natürlich kann es "Robbie" stimmlich nicht mit seinem Vorbild "Frankie" aufnehmen. Die Vorbildfunktion bezieht sich aber ohnehin eher auf die nichtmusikalische Seite Sinatras. In den späten Fünfzigern und frühen Sechzigern galten der schauspielende Sänger und seine "Posse" als nahezu unbesiegbar. Was das "Rat Pack" anfasste, wurde zu Gold und perfekter Massenunterhaltung. Aus diesem Bewusstsein heraus entwickelten die Stars einen Größenwahn, der sich in geradezu unverschämter, aber charmanter Arroganz äußerte. Frankie und seine Spießgesellen, Rüpel im edlen Zwirn, kraftstrotzende Produkte einer prosperierenden Gesellschaft, genossen die Erotik und Narrenfreiheit der Siegertypen - hier finden sich die Fußstapfen, in die Robbie Williams getreten ist.
Man sollte "Swing When You're Winning" also als das begreifen, was es ist: der launige Scherz eines Popstars, der clever und verspielt genug ist, um mit seinem Erfolg zu kokettieren. Das einzige Kalkül, das hier zum Vorschein kommt, ist Williams' durchaus richtige Einschätzung, dass er machen kann, was er will, es wird erfolgreich sein - wie nicht zuletzt die ersten Verkaufszahlen seines Swing-Albums beweisen. Wer sich noch dazu mit Gesangspartnerin Nicole Kidman durch ein retro-modisch designtes Video kuschelt, hat ohnehin gewonnen. Eine ähnliche Akzeptanz jeglicher Neuerfindung genießt im zeitgenössischen Entertainment-Zirkel ansonsten nur Madonna. Auch keine schlechte Referenz.
Passend dazu heißt der einzige Eigenbeitrag, der sich von Williams und seinem Songschreiber-Schatten Guy Chambers auf dem neuen Album findet, "I Will Talk and Hollywood Will Listen". Etwas holprig formuliert brüstet sich Williams darin, lediglich mit dem Finger schnippen zu müssen, um als Filmstar in Hollywood zu reüssieren. Unverschämt? Größenwahnsinnig? Ja. Weltfremd? Nein. Schade nur, dass Steven Soderbergh seinen Film schon abgedreht hat...