Rock-Phänomen AFI Hardcore und Herzschmerz
Wer die Generationenkluft sucht, findet sie an diesem herbstsonnigen Samstagabend in Köln. Genauer verläuft sie mitten durch die Schanzenstraße, dort, wo sich die zwei Großveranstaltungsorte Palladium und E-Werk direkt gegenüberstehen. Im letzteren steht ein Auftritt des Radiokomikers Paul Panzer auf dem Programm, weshalb bereits einige vergnügungswillige Kölner in den besten Jahren vor der Halle warten.
Ab und zu schaut einer von ihnen zum Palladium herüber und wundert sich über die wachsende Ansammlung junger Menschen, die den Bürgersteig säumen. Garderobe und Haarfarben variieren hier alle bekannten Codes einer eklektischen Popkultur; ein bisschen Punk, ein wenig Indie und eine Portion New Wave. Immerhin an eine alte Regel kann man sich in der postmodern aufgesprengten Kleiderordnung halten: Schwarz geht immer.
Ein Endvierziger aus der Panzer-Spaßdivision will nun endlich wissen, wem der adoleszente Auftrieb gilt. Also ruft er im schönsten Rheinländisch zu einer Ordnerin am Einlass herüber:
"Was ist denn da heute los?"
"AFI", schallt es im selben Dialekt zurück.
"Was?", hakt der ob des Akronyms Verwirrte nach.
"A-F-I!", buchstabiert die freundliche Frau in bester deutscher Alphabetdiktion.
So ausgesprochen klingt das wie eine Krankenkasse, und entsprechend ratlos wendet sich der Mann ab. Hätte er doch nur die freundlichen Jugendlichen gefragt. Sie würden ihm erklären, dass AFI für die kalifornische Band "A Fire Inside" steht, die sich in den 15 Jahren ihres Bestehens eine überaus loyale und stetig wachsende Fangemeinde erspielt hat. In Nordamerika sind die Musiker um Sänger Davey Havok schon lange die Helden Tausender Teenager, die dem 2003 ohne großes Marketing veröffentlichten Majorlabel-Debüt "Sing the Sorrow" zu Platinstatus in den USA verhalfen.
"AFI haben sich nicht verkauft"
Das aktuelle Album "Decemberunderground" ist der nächste Schritt in der eigentümlichen Entwicklung einer Band, die vom ungestümen Gitarrengebretter der ersten Schüleraufnahmen zum treibenden Breitwanddüsterpop führte. Damit landete AFI zuletzt auf Platz eins der Billboard-Charts, und plötzlich entdecken selbst die chronisch hüftlahmen Musikmedien Deutschlands eine Band, die zuvor nur in weitaus kenntnisreicheren Fanzines verhandelt wurde. Dennoch ist das Phänomen AFI vielen Mainstream-Publikationen suspekt. Sie wissen noch nicht, welchen Stempel sie den Musikern und ihren Fans aufdrücken sollen.
Die mangels passender Labels oft als "Goth Punks" titulierten AFI-Anhänger - nebenbei ein Attribut, das Davey Havok im Interview mit SPIEGEL ONLINE unsinnig nennt - haben indes den Werdegang der Band intensiv begleitet, unter anderem als Mitglieder des offiziellen Fanclubs "The Despair Faction".
Die 27-jährige Tanja gehört dazu und glaubt trotz neugewonnner Popularität an die Prinzipientreue der Band: "Ob es nun um ihren Straight-Edge-Lebenswandel geht oder um die Texte - AFI haben sich nicht verkauft." Auch Vanessa, die mit ihren Freunden Jenny und Nico zum Konzert geht, ist sich sicher: "Diese Band kann selbst MTV nicht kaputtmachen."
Dem Musiksender sind trotzdem wohl nicht wenige der 14- bis 16-Jährigen zu verdanken, die sich zwischen den gestandeneren AFI-Fans finden lassen. Aber auch diese Teenager scheinen weitgehend immun gegen die Spielarten von Hype und Hysterie, die viele andere Popereignisse begleiten. Fast elterlichen Vorbildcharakter hat da Laura aus Finnland, die der Band auf dieser Europatour nachreist, und ihre Leidenschaft mit kosmopolitischer Gelassenheit formuliert. Auf die Frage, was AFI für sie bedeutet, antwortet die 28-jährige in einer sympathischen Nuance aus Ernst und Ironie: "Die Welt".
Bezeichnenderweise nimmt hier niemand das Wort "Stars" in den Mund, sondern spricht stattdessen lieber über Musik und Texte. "Die Songs enthalten so viel Wahrheit", befinden unabhängig voneinander Marisol und Lona. Damit reihen sie sich in die Vielzahl der Mädchen und Jungs mit schellackschwarzen Haar und Kajalaugen ein, die sich in den introspektiven und metapherngesättigten Texten Davey Havoks wiederfinden.
Fragt man nach der herausragenden Qualität der Musik von AFI, dann fallen fast immer zwei Begriffe: "emotional" sowie das seit jeher etwas ungelenke Wort "tiefgründig", welches heute ein erstaunliches Comeback erlebt.
Poesie-Album unterm Nietenarmband
Einigen wurde die Vorliebe für dunkelromantische Lyrik schon gleich in die Wiege gelegt: Dave ist 19 und verdankt seinen Rufnamen nach eigener Aussage der elterlichen Leidenschaft für die Band Depeche Mode und deren Sänger Dave Gahan. Er betreibt die deutschsprachige Webcommunity "Schwarze Segel", benannt nach dem AFI-Album "Black Sails In The Sunset", das 1999 die Abkehr vom hektischen Bolzsound der Frühzeit hin zum druckvoll-melodiösen Doomsday-Punk markierte.
Thorsten Wilms schätzt AFI für ihre halsbrecherisch schnellen Gruselhymnen aus dieser Zeit, die oft nach musikalisch geschulten Misfits klangen. Der 34-jährige Sänger der Horror-Punkband "The Other" verteilt in Köln vor dem Palladium Flyer für eine After-Show-Party. Verständlicherweise sind ihm die neuen Stücke der Band "viel zu glatt produziert".
Der fast gleichaltrige Fabian aus Belgien ist da anderer Meinung. Er ist "Despair Faction"-Mitglied und einer der etlichen extra angereisten Fans, die aus Skandinavien, Spanien, Großbritannien und den USA nach Köln gekommen sind. Vor sechs Jahren hat er AFI das erste Mal auf einem Punkfestival gesehen: "Da waren sie die einzige melodische Band in einer großen Lärmorgie. Heute sind sie vielleicht eine extrem laute Band im Pop. Aber man hört in jedem Song die Wurzeln ihrer Musik." Es ist Fabians fünftes AFI-Konzert, und obwohl er sich über die vielen neuen und sehr jungen Fans freut, fürchtet er "das ich am Ende der Älteste hier bin."
Die Angst ist unbegründet, doch nur einige Minuten sind für ihn und alle Anderen solche Gedanken nur noch nebensächlich: AFI betreten die schneeweiße Bühne und stimmen den Opener "Prelude 12/21" ein. Was folgt, ist selbst für erfahrene AFI-Zuschauer immer wieder aufs Neue beeindruckend - und für Erstbesucher eine überwältigende Erfahrung. Mit äußerster Präzision spielt sich die Band durch ein dramaturgisch fein abgezirkeltes Set und entfaltet dabei eine Unmittelbarkeit, die keine distanzierte Haltung des Publikums zulässt.
Virtuos vereinen sich dabei Hardcore und Herzschmerz, ob in den Riffkaskaden von Totalimmortal" und "Bleed Black", der juvenilen Euphorie von "Dancing through Sunday" und "The Days of the Phoenix" oder im epischen Lamento von "Silver and Cold" und "Endlessly, She Said".
Als "die Götter der Hintergrundchöre" hat der 19-jährige Fan Alex die Band vorher charakterisiert, jetzt singt das Publikum im Palladium hingebungsvoll jede Zeile von Havoks dramatischen Versen mit. Die gänzlich ironiefreie Grandezza von AFI und ihrem entfesselten Frontmann verdient auch deshalb Respekt, weil die Band in jedem Moment glaubhaft vermittelt, dieselbe Energie und Wucht auch auf bierdeckelgroßen Bühnen in Jugendzentren generieren zu können. Was sie ja auch mehr als ein Jahrzehnt lang getan haben.
Als Havok schließlich beim "Black Sails"-Klassiker "God Called In Sick Today" vom Publikum auf Händen getragen wird, erreicht die bei AFI fast natürlich wirkende Theatralik ihren Höhepunkt. Es ist ein Gänsehautmoment für die mittlerweile gut durchgeschüttelten und -geschwitzten Zuschauer vor der Bühne. Grundsätzliche Probleme mit Pathos darf man bei einem Auftritt der Amerikaner nicht haben.
Nach dem fulminanten Ende des Konzerts sitzen erschöpfte Fans auf dem Bürgersteig vor der Halle. Sieht man in die glücklichen Gesichter der meist sehr charmanten, artikulierten und lebensfrohen "Teenage Death Boys" und "Teenage Death Girls", dann versteht man, warum AFI die perfekte Projektionsfläche für jugendliche Zerrissenheiten und Sehnsüchte bietet: Sturm und Drang, Trotz und Trauer, Romantik und Halloweenspuk harmonisieren in einem Soundtrack für Menschen, die heimlich ein Poesiealbum unter dem nietenbewehrten Arm tragen. Vorgetragen von einer Band, die sich selbst wie auch ihr Publikum sehr ernst nimmt.
Angesichts eines oft zynischen Umgangs zwischen Künstlern und Konsumenten in der Popindustrie braucht es dafür vielleicht wirklich die Wärme und Gewissheit eines inneren Feuers.